8. April 2010, 10:58 Uhr

Ein wütendes Volk steht auf

Galt lange als die liberalste Republik im autoritären Zentralasien. Aber seit Strom- und Heizkosten die Löhne auffressen, murrt das Volk - jetzt hat es gegen die harte Linie des Präsidenten revoltiert. Von Bettina Sengling, Moskau

Kirgistan, Aufstand, Unruhen, Revolution, Volk, Regierung, Revolte

Die Gewalt eskaliert: Demonstranten greifen in der kirgisischen Haupstadt Bischkek einen Polizei-Trupp an©

Die bewaffneten Männer kamen mitten in der Nacht. Mit ihren Verwandten versuchte Aizada (Name geändert), eine junge Parlamentsabgeordnete aus Bischkek, gerade, das Haus ihrer Schwester zu löschen. In der Nachbarschaft brannte die Villa des Präsidenten, das Feuer hatte sich ausgebreitet, und die Feuerwehr arbeitete längst nicht mehr in dieser Nacht des Bürgerkriegs. "Die Männer bedrohten uns mit ihren Gewehren", sagt Aizada. "Dann schleppten sie alles raus, Computer, den Kühlschrank, sogar die Waschmaschine." Und dann erkannte einer der Diebe Aizada: "Sie hat doch im Parlament gesessen!", schrie er. Und Aizada lief um ihr Leben, flüchtete sich in den Nachbargarten, die Männer folgten, doch Aizada lief weiter, bis sie bei Bekannten Unterschlupf fand. Dort versteckt sie sich nun und fürchtet noch immer um ihr Leben: "Unsere Stadt sieht aus wie im Krieg", sagt sie. "Wir wurden um Jahre zurückgeworfen." Die meisten Geschäfte sind geplündert, viele Autos brannten aus, Busse wurden mit Steinen zerschmettert.

Der Alltag zieht erst langsam wieder in Kirgistan ein. Die Straßen aus der Hauptstadt heraus sind noch immer gesperrt, der Flughafen ist geschlossen. Das Regierungsgebäude im Zentrum brennt, die Staatsanwaltschaft ist bereits abgebrannt. Der Präsidentenpalast und das Regierungsgebäude wurden geplündert. Oppositionspolitiker haben die Macht ergriffen. Für Ordnung konnten sie zunächst nicht sorgen. Kirgistan, die ehemalige Sowjetrepublik in Zentralasien, ist innerhalb weniger Tage ins Chaos getrieben, das in Gewalt umgeschlagen ist. Nach offiziellen Angaben starben 67 Menschen, angeblich sind mehr als 400 verletzt.

Willkür, Armut, Korruption

Angespannt war die politische Lage in der kleinen Republik schon lange. Kirgistan, ein schönes Land mit Hochgebirge und Steppe, ist bitterarm. Vor fünf Jahren jagten die wütenden Bewohner den damaligen Präsidenten Askar Akajew aus dem Land. Sie warfen ihm vor, dass er und seine Familie auch die wichtigsten Unternehmen im Land kontrollierten. Korruption und Willkür regierten das Land. Nach der sogenannten "Tulpenrevolution", die weitgehend friedlich verlief, floh er mit seinen Angehörigen nach Moskau.


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An die Macht kam Kurmanbek Bakijew, ein sowjetischer Ingenieur und Fabrikdirektor, der unter Akajew Premierminister war und sich dann mit ihm zerstritt. Schnell war klar: Besser wurde die Lage nicht. Denn auch Bakijew, der sieben Brüder hat und zwei Söhne, setzte vor allem auf seine Verwandten. Besonders Maksim, sein jüngster Sohn, zog den Ärger des Volkes auf sich. Er unterhält mehrere Banken, Tankstellen, das kirgisische Energieunternehmen und Mobilfunkunternehmen. Außerdem kontrollierte er einen Kredit Russlands über 300 Millionen Dollar. Politische Schlüsselpositionen besetzte Bakijew mit seinen Brüdern. Einer von ihnen stand dem Geheimdienst vor, ein anderer der Präsidentenwache. Ein dritter ist Botschafter in Berlin.

Willkür, Armut und Korruption beherrschen aber weiterhin den Alltag der Menschen. Gesetze wurden nicht durchgesetzt, Polizisten gelten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion als käuflich. In den Dörfern gibt es keine Arbeit, viele leben nur von dem, was im Garten wächst. Industrie gab es in Kirgistan, das zu 40 Prozent aus Bergland besteht, schon zu Sowjetzeiten kaum. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind heute rückständig und wenig einträglich. Auch der Tourismus entwickelt sich schleppend.

Der Aufstand war nicht geplant

Als Bakijew die Energiepreise um 100 Prozent erhöht, reicht es den Menschen. Viele müssen nun mehr als den gesamten Lohn für Heiz- und Stromkosten aufwenden. Sie fühlen sich ausgeraubt, betrogen. Demonstrationen in der Hauptstadt sind seit Wochen an der Tagesordnung. Bakijew geht dagegen mit eiserner Hand vor. Auch das passt den Menschen nicht. Kirgistan war immer die liberalste der zentralasiatischen Republiken - die Nachbarländer Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan sind schon lange eiserne Diktaturen ohne freie Wahlen, freie Presse und Opposition. Bakijew lässt nun von einem Tag auf den anderen einen Fernsehkanal schließen. Zwei Tageszeitungen werden nach kritischen Berichten einfach verboten. Journalisten werden brutal zusammen geschlagen, einer wird ermordet. Selbst liberale Internet-Seiten werden durch die Regierung blockiert.

Der Aufstand der letzten Tage war nicht geplant. Eigentlich waren landesweite Demonstrationen angekündigt. Als in der Stadt Talas der Oppositionspolitiker Asimbek Beknasarow ohne Anlass verhaftet wird, kocht der Volkszorn über. Die wütende Menge versucht, das Gefängnis zu stürmen. Schüsse fallen. In Talas werden Truppen zusammen gezogen. Nun werden auch die führenden Oppositionspolitiker in der Hauptstadt Bischkek verhaftet. Die Demonstranten auf dem zentralen Platz in Bischkek beginnen zu randalieren. Angeblich ist es einer der Brüder des Präsidenten, der den Befehl gibt, mit scharfer Munition in die Menge zu schießen. Mitten in der Hauptstadt sterben Menschen an Schussverletzungen.

Auf dem Dach des Regierungssitzes haben sich Scharfschützen in Stellung gerückt und zielen auf Demonstranten. Die kämpfen nun wütend um das Weiße Haus, den Regierungssitz. Aus den Regionen fahren Autobusse mit Unzufriedenen an. Geschäfte werden geplündert, Schaufenster zerschmettert. Manche wehren sich mit Waffen. In der Nacht hören die Bewohner Bischkeks immer wieder Gewehrsalven. Polizei ist nicht im Einsatz. In Bischkek herrscht Bürgerkrieg, Anarchie.

"Wir wollen nicht noch einmal ausgeraubt werden"

In der Hauptstadt und in Talas werden die Gefängnisse gestürmt und die verhafteten Politiker befreit. Doch die Lage können die Oppositionspolitiker erst am Donnerstagvormittag unter Kontrolle bringen. Inzwischen hat sich eine provisorische Regierung unter der Politikerin Rosa Otunbajewa gebildet. Polizei und Feuerwehr sollen wieder im Einsatz sein. Durch Bischkek fahren bereits Taxis und ein paar Busse. Apotheken und Lebensmittelläden haben wieder geöffnet. Aber die meisten Bewohner der Stadt trauen sich noch immer nicht auf die Straße. Präsident Bakijew hat inzwischen seinen Rücktritt verkündet.

Rosa Otunbajewa erklärte als erstes, dass die Energietarife gesenkt werden. In einem halben Jahr sollen Wahlen sein. Politische Erfahrung haben die meisten der Oppositionspolitiker. Weil sie unter Bakijew schon einmal an der Macht waren. Oder unter Akajew. "Ich hoffe, dass sich nun etwas ändert", sagt Nurilja, eine Dolmetscherin aus Bischkek. "Wir sind oft genug enttäuscht worden. Wir wollen nicht noch einmal ausgeraubt werden."

 
 
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KOMMENTARE (9 von 9)
 
whismerh2 (08.04.2010, 18:15 Uhr)
Liebe @admins
Recht mit der Löschung, inkl. meines posts, aber diese unsachlichen posts von Herrn tempelhofer kann man nicht immer so durchgehen lassen.
Zum Thema, ich hoffe nicht das, das der Anfang, eines so großen Landes, den Grund gibt, zu weiteren Unruhen herbei zu beschwören.
Soweit ich das beurteilen kann, werden aus fadenschscheinigen Gründen Oppositionelle, wegen
regimkritschen Äusserungen ins Gefängnis verfrachtet .
Demokratie ist das leider nicht.
Ich glaube das wir viel zu wenig über dieses Land wissen, aber diese Situation macht mir Angst. Daher das breite Volk sollte unserer Bedenken und Unterstützung, und sei es über das Netz informiert sein.
Vielen Dank nochmals, das Ihr darüber berichtet und die kommentfunkion freischaltet.
Administrator (08.04.2010, 15:53 Uhr)
@ Papayu
Ihr Beitrag war leider off-topic und wurde entsprechend unserer Hausordnung gelöscht. Versuchen Sie bitte Sachlich zu bleiben.

Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Medienbeobachter (08.04.2010, 15:06 Uhr)
Kurmanbek Bakijew, der Freund Deutschlands und der USA
Aus Sicht der OSZE waren die Wahlen in Kirgisistan weder fair noch frei.

Die Opposition klagte zudem zunehmend über Vetternwirtschaft, Unterdrückung von Regierungskritikern und Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie massive Einschüchterung ihrer Politiker durch Sicherheitskräfte. Die Pressefreiheit wurde seit 2008 deutlich eingeschränkt. Der zunehmend autoritäre Kurs der Regierung wird seitens der Regierung auch mit dem Kampf gegen islamistische Extremisten begründet.

Kirgistan ist für den Westen von großem strategischen Interesse. Die USA haben dort einen Militärstützpunkt, um den Nachschub nach Afghanistan zu sichern. Auch Westeuropa ist an einem politisch stabilen Kirgistan interessiert. Das Land liegt nördlich von Iran und Afghanistan und soll ein Bollwerk gegen islamische Extremisten bilden. Auch Russland hat eine Militärbasis im Land. Deren Ministerpräsident Wladimir Putin hatte jüngst bei der Ausweitung des Konflikts die Kontrahenten in Kirgistan zur Zurückhaltung ermahnt. Deutschland unterhält als einziger EU-Staat eine Botschaft in Kirgistan.
Administrator (08.04.2010, 13:46 Uhr)
Liebe User,
wir haben an dieser Stelle einige Kommentare gelöscht. Bitte diskutieren Sie das Thema sachlich und verzichten Sie auf gewaltverherrlichenden Kommentare. Bei dem derzeitigen Verlauf der Debatte müssen wir überlegen, ob wir sie abstellen müssen.

Mit freundlichen Grüßen,
Ihre stern.de-Admins
binausgold (08.04.2010, 13:43 Uhr)
@Tempelhofer
ich bin nicht sicher, ob das phantasien bleiben, leider!
natürlich ist hier in d das niveau viiiieeel höher, als in kirkistan, deswegen ist ja zum glück alles friedlich, noch.
wenn sich die spirale für sehr kleine gehälter aber noch mehr zudreht und auch immer mehr menschen davon betroffen sein werden, dann kann es auch hier eng werden.
es geht ja auch nicht um wohlstand, sondern darum, daß den leuten die grundlagen heizung und strom genommen werden. ähnlich wird es großen teilen der hiesigen bevölkerung auch noch ergehen. ich red da nicht von harz IV, sondern auch von kleinrentnern und geringverdienern. schauen sie sich die entwicklung der fixkosten in den letzten 15 jahren an, dann wissen sie was ich meine.
@jeweller
tschuldigung...aber ihren kommentar verstehe ich nicht so ganz
Prologo (08.04.2010, 12:44 Uhr)
Keine Angst, solange der deutsche Michel,.....

......noch sein Bier beim Aldi kaufen kann,....

.....solange passiert hier gar nichts.

MfG,
T.
gelix (08.04.2010, 12:43 Uhr)
Strom und Heizkosten
fressen die Löhne auf? Dazu Benzin und Steuern. Kommt mir doch irgendwie bekannt vor.
Schwarzenegger (08.04.2010, 12:04 Uhr)
So war es ganz bestimmt...
Rußland erkennt die "Revolutionäre" sofort an nachdem es vorher über Staatsmedien kräftig Stimmung gegen die Regierung gemacht hat.... Wenn man sich noch vor Augen hält, daß diese Regierung durch eine demokratische Revolution gegen die russische Marionettenregierung an die Macht gekommen ist, dürfte auch dem letzten Zweifler klar werden, daß dies offenbar ein von Moskau abgekartetes Spiel war. Besonders pikant: Das autoritäre bis offen faschistische Rußland lässt Stimmung gegen einen angeblich "autoritären" Staatschef machen. Auslöser: Massive Erhöhung der Strom- und Heizkosten. Die Energie bezieht Kirgistan woher nochmal? Achja richtig: Rußland. Und wer dürfet wohl zuerst an der Preisschraube gezogen haben? Leider ist das Land zu unbedeutend für hiesige Medien, als daß hier richtig recherchiert würde. Also wird scheinbar fleissig abgetippt, was Putin für richtig hält. Ist ja auch billiger so....
binausgold (08.04.2010, 11:55 Uhr)
da sieht man es...
...wohin man menschen treiben kann, wenn man ihnen die luft zum atmen nicht mehr läßt.
hoffen wir, daß unsere politiker am ende schlauer sind...
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