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21. September 2007, 18:38 Uhr

Eine AR-15 zum Kaffee?

In Europa bekommt man meist einen Keks zum Kaffee. In den USA ist es gleich ein Sturmgewehr: In der texanischen Einöde bieten hochtoupierte Kellnerinnen in als Cafés getarnten Waffenshops die Dinger zum Kauf an. - Normaler Alltag in Bush-Country. - Normaler Alltag in Bush-Country. Von Jan Christoph Wiechmann, New York

Zoom

Ein Besucher der Great Western Show in Las Vegas/Nevada betrachtet am Messestand der One-Eyed-Jacks, Inc. ein Sortiment von Sturmgewehren© John Gurzinski/DPA

Eigentlich wollte ich in dem einsamen Schuppen an der Road 317 nur einen Kaffee trinken. Es war in einem kleinen Nest mitten in Texas, wo Ranchers leben und Cowboys und Frauen mit Farrah-Fawcett-Gedächtnisfrisuren. Der kleine Schuppen an der Road 317 wirkte durchaus einladend. Auf dem Dach stand eine alte Kanone aus dem mexikanischen Bürgerkrieg und hinter dem Tresen eine junge Frau aus den frühen 80er Jahren. Sie trug Blue Jeans und ein Fransenhemd und lange blonde Dauerwellen, die sie mit Hilfe von Unmengen an Haarspray zu einem Gebirgsmassiv toupiert hatte. Sie sah aus wie Lucy Ewing aus der TV-Serie "Dallas". Sie sprach auch wie Lucy Ewing. Sie war ziemlich authentisch.

Waffentheke statt Kuchentheke

Lucy Ewing brachte den Kaffee und sagte freundlich, ich sehe aus wie einer, der sich für eine AR-15 interessiert. Ich fragte sie, was das sei, eine AR-15. Da lächelte sie geheimnisvoll und holte die AR-15 aus dem Schrank. Es handelte sich um ein Sturmgewehr mit Kunststoffschaft und Gasdrucklager und Aluminiumlegierung. Ich fragte sie, wie einer aussieht, der sich für eine AR-15 interessiert. "Na, so wie Du", sagte sie fröhlich, "das sieht man doch auf den ersten Blick." Ich fragte mich, was sie damit meinen konnte. Vielleicht hielt sie mich für einen Cowboy. Oder einen Amokläufer. Ich fand beides nicht so angenehm. Ich wollte nur einen Kaffee trinken.

"Nur 970 Dollar" sagte sie. "Besonderer Preis. So ziemlich der beste Deal im Umkreis von 100 Kilometern, wahrscheinlich bis Dallas." Sie balancierte die AR-15 in ihrer Hand. Sie drehte sie einmal um sich selbst und warf sie geschickt von einer Hand in die andere. Sie erinnerte mich an Zinedine Zidane. Hinter der Frau, die so authentisch wie Lucy Ewing aussah und so geschickt jonglierte wie Zinedine Zidane standen in einem Glasschrank weitere Waffen. Es gab Winchester 95 und halbautomatische Waffen und Colts und Glocks. Sie standen aufgereiht wie Spirituosen hinter der Bartheke. Sie standen dort so selbstverständlich wie Sahnetorten in deutschen Cafés.

Waffenkauf so einfach wie ein Kaugummikauf

Wenn ich die AR-15 gleich mitnehmen wolle, sagte Lucy Ewing, müsste ich nur meinen texanischen Führerschein vorlegen. Ich fragte sie, was der Autoführerschein mit der Waffe zu tun habe, und sie sagte: "Nichts, aber mit einem Führerschein aus Oklahoma oder New Mexico musst du warten, bis die Überprüfung durch das FBI abgeschlossen ist. Das kann zwei Tage dauern." Das Gesetz in Texas gehöre zu den besten der Welt, erklärte mir Lucy Ewing. In Texas sei der Waffenkauf so einfach wie der Kauf eines Kaugummis. In Texas können nach dem Gesetz selbst Kinder schon geladene Waffen tragen. So unkompliziert wie in Texas sei es sonst nur in Virginia (wo ein Massenmörder nach einem unkomplizierten Waffenkauf gerade 32 Menschen erschossen hat).

Sie fragte, woher ich kam, und als ich "Deutschland" sagte, fragte sie, welche Waffen wir in Deutschland so haben. Mir fielen nur die geheimen Waffenlieferungen an den Irak ein, aber das hielt ich in diesen politisch brisanten Zeiten für etwas unpassend. Ich sagte, dass man in Deutschland nicht so leicht an Waffen komme. Man müsse Jäger oder Polizist sein. Das wollte Lucy Ewing nicht glauben. Sie fragte, wie Nichtjäger und Nichtpolizisten ihre Frauen denn schützen.

"Wenn ein Vergewaltiger käme - würden Sie schießen?"

Sie fragte, ob ich keine Angst vor Massenmördern habe, die nachts in mein Haus einsteigen und die Frau vergewaltigen und die Kinder entführen. Ich sagte, dass ich noch nicht so genau darüber nachgedacht habe, worauf sie erwiderte, dass viele von diesen Liberalen nicht so genau darüber nachdenken, und wenn es dann zu spät ist, fordern sie auf einmal die Todesstrafe, diese Liberalen. Sie fragte, ob wir auch Liberale in Deutschland haben. Mir kam nur Westerwelle in den Sinn, aber den hielt ich jetzt hier in Texas auch für kein besonders gutes Thema.

Sie fragte, was ich denn machen würde, wenn ein Vergewaltiger käme und ich eine Waffe parat hätte, so eine wie diese wunderbare AR-15. Da würde ich doch wohl hoffentlich abdrücken. "Vielleicht", sagte ich. "Ich habe noch nicht so genau darüber nachgedacht." "Nicht vielleicht", sagte sie. "Ganz bestimmt drückst du dann ab." Sie schaute mich verwundert an, als gehörte ich zu einer anderen Spezies, als käme ich aus den 70er Jahren. Ich überlegte, wo ich dieses Gespräch so schon mal erlebt hatte. Ich erinnerte mich an das Kreiswehrersatzamt und die Wehrdienstverweigerung und wurde etwas nervös.

Mit einer AR-15 wäre uns einiges erspart geblieben

Hinter ihr, an einem Souvenirstand, war ein Schild angebracht mit den Köpfen von Hitler, Stalin, Fidel Castro und Saddam Hussein. Darüber stand: "Mit einer guten Waffe wäre uns manches erspart geblieben." Lucy Ewing erklärte mir die Gemeinsamkeiten zwischen Hitler, Stalin, Fidel Castro und Saddam Hussein. Sie sagte, dass es gute Menschen auf der Welt gebe und böse Menschen und sehr böse Menschen und dass die sehr bösen Menschen nichts anderes verdienten als den Tod und dass der Krieg im Irak übrigens schon deswegen ein Erfolg ist, weil der sehr böse Mensch Saddam Hussein beseitigt wurde, bevor er Amerika angreifen konnte. Ob ich nicht auch dieser Meinung sei.

Mir kamen die nie gefundenen Massenvernichtungswaffen in den Sinn und die vielen Toten im Irak, aber ein Duell mit Lucy Ewing in einem einsamen, als Café getarnten Waffenladen an der Road 317 in Texas hielt ich jetzt für keine gute Idee. Lucy Ewing aber gefiel die politische Diskussion. Sie suchte nach Unterhaltung. Ihr Ort war so klein, dass sich nur wenige Fremde hierher verirrten. Fremde waren unterhaltsam.

"Oder damals mit diesem sehr bösen Hitler-Typen", sagte sie. "Der kam doch aus Deutschland." Ich sagte "Austria", Österreich.
"Australien?", fragte sie. Das sei ihr neu. Ob ich mir da sicher sei mit Australien.
Ich sagte "Austria".
Sie schien mir nicht zu glauben. "Jedenfalls hätte man den Hitler-Typen doch auch rechtzeitig abschießen müssen", sagte sie. "Dann wäre der Welt vieles erspart geblieben. Ein einfacher Schuss aus einer AR-15 oder anderen Waffe hätte der Welt eine Menge erspart, so ist es doch."
Sie erwartete jetzt eine Antwort.
"Oder?" fragte sie.
Die Frage stand einsam in diesem verstaubten Raum, in dem sonst nur etwas Country-Musik zu hören war und das Kratzen eines großen Hundes hinter einer Tür. "Oder?", fragte sie.
Ich nickte.
Sie strahlte. Sie hatte gewonnen.

Waffenparadies Texas - Bushs Heimat

Ich sagte, dass ich es mir noch einmal überlege mit der AR-15 und ging, ohne den Kaffee auszutrinken. Draußen wartete die unendliche Weite des Südens. Nur eine Tankstelle war zu sehen und ein Häuschen aus Wellblech, das früher mal ein Gefängnis war. Ich trat in den staubtrockenen, schon heißen Vormittag und fuhr los, vorbei am Straßenschild dieses kleinen Ortes mitten in Texas: "Willkommen in Crawford. Heimat von George W. Bush, 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika."

Von Jan Christoph Wiechmann, New York
KOMMENTARE (10 von 82)
 
jockel_us (24.09.2007, 18:13 Uhr)
Oberlehrerversammlung
Ich komme mir hier vor wie in einer Oberlehrerversammlung in einer Blindenschule. Da ist der "fuxe" (der wohl noch seiner alten Burschenschaft nachtrauert, das hier aber wohl nicht so klar sagen will, weil dann deutlich wuerde, aus welcher Ecke sein Anti-Amerikanismus wirklich weht), oder "Ramazotti", der jammert:
"Waffenwahn ist nur ein kleiner Teil dessen was im ehemaligen Vorbildsland schief laeuft."
Ja, Mönsch, das tut mir aber leid, daß es so schief läuft in Deinem "Vorbildsland". Kannst ja mal damit anfangen, Deine eigene Heimat vorbildlich umzugestalten!
Was die Waffensituation bei uns in den USA betrifft, sind die Beiträge von fuxe, Ramazotti & Co. in diesem Forum jedenfalls nicht durch irgendwelche Sachkenntnis getrübt...
Fuxe (24.09.2007, 16:37 Uhr)
@hannes73
Ich spreche niemand das Recht zur Selbstverteidigung ab, aber um sich wirkungsvoll selbst zu verteidigen, ist die Schusswafe definitiv der falsche Weg. Das Ziehen einer Waffe führt nur zur Eskalation, statt zur eigentlich gewünschten Deeskalation.
Ausserdem ist bei einem Überfall das Überraschungsmoment zum Grossteil auf der Seite des Täters und wenn ich ( salopp ausgedrückt ) als Erster einen Knüppel aufs Hirn bekomme, nutzt mir auch der beste Colt nicht viel.
Viel wichtiger als die Waffenerlaubnis ist Zivilcourage, die auch soweit gehen sollte, bei einer Straftat persönlich entschlossen einzuschreiten und sei es nur als Augenzeuge bei der anschliessenden Strafverfolgung.
Hannes73 (24.09.2007, 10:29 Uhr)
@Cairol
Genau dieses Verhalten, das Sie da empfehlen, das kenne ich noch aus meiner Kindheit.
Sie ließen sich ohne jede Gegenwehr abführen von ein paar Nazis, diese allzubraven Mitbürger und machten es so den Verbrechern besonders leicht, sie reihenweise einzusammeln und umzubringen.
Ich habe mir schon damals gewünscht, sie hätten Waffen benutzt und sich bis aufs Letzte verteidigt, und genau das wünsche ich mir auch heute noch von jedem unbescholtenen und gesetzestreuen Bürger gegen jede Art von Gewalt.
Aber gerade dieses von Ihnen -und wohl der Mehrheit- propagierte passive Verhalten der Bedrohten
wird ja meistens zu ihrem eigenen Verhängnis. Man sollte wieder mehr Mut zur Selbstverteidigung haben, erst dann wird auch der Angreifer verunsichert, denn meistens ist er feige und vergewaltigt und tötet nur dann, wenn er durch keine wirksame Gegenwehr daran gehindert wird.
H.P. (24.09.2007, 07:45 Uhr)
Nachweis für die Bedürftigkeit
Ich bin grundsätzlich für einen Nachweis für die Bedürftigkeit einer Waffe und ein lupenreines- polizeiliches Führungszeugnis mit psychologischem Gespräch und waffenkundiger Prüfung. Damit wird das Risiko herabgesetzt, dass mit der genehmigten Waffe ein Mensch zu Schaden kommt. Trotzdem ist der Mensch ein unsicheres System, soziale Spannungen verstärken die Gewaltbereitschaft enorm, siehe Amerika, es ist schon bedenklich dort freie Waffen zu erwerben ohne einen Nachweis zu erbringen, deshalb die vielen Opfer durch Schusswaffen in Amerika, die amerikanische Regierung müsste das Waffengesetz ändern, ansonsten wird die Gewalt durch den Einsatz von Schusswaffen nicht aufhören.
Fuxe (24.09.2007, 07:24 Uhr)
@042020
Alleine das Ding mit der .44er für Ramazotti disqualifiziert Dich in dieser Diskussionsrunde endgültig.
Die Gewalt fängt immer dort an, wo der Geist aufhört.
@hannes73:
Um eine Waffe zu führen, so dass niemand ohne Notwendigkeit zu Schaden kommt, bedarf es jahrelangen Trainings.
Ich gehe mal sehr stark davon aus, dass der "normale" Bürger, der eben eine Waffe in der Schublade zur Verteidigung vorhält, genau über diese regelmässige Schulung nicht verfügt und im Ernstfall sich und andere ( evtl. auch Unbeteiligte ) gefährdet.
Cairol (24.09.2007, 04:57 Uhr)
-
An alle die eine Waffe tragen wollen um sich schützen zu wollen falls sie überfallen werden: Schon mal darüber nachgedacht das es evtl. besser sein könnte gerade bei einem Überfall nicht bewaffnet zu sein? Was wenn die Gangster eigenllich "nur" Geld wollen aber dann zieht ihr eine Waffe? Wollt ihr sie direkt abknallen? Seit ihr bereit für ein paar Scheine im Portmanie jemanden zu töten? Oder was wenn sie durch eure Waffe erst richtig sauer werden und euch abknallen gerade weil ihr eine Waffe habt.
Hannes73 (23.09.2007, 21:37 Uhr)
Übertriebene Angst vor Waffen in Bürgerhand
Etwa 2 Millionen Waffen sollen sich bei uns irgendwo unangemeldet befinden, so wird geschätzt.
Da kann man sich schnell ausrechnen, wie gut bei uns die Ganoven bewaffnet sein dürften.
Doch wie kommt man als gesetzestreuer und braver Bürger nun zu einer Waffe, weil man im Extremfall nicht jedem dieser bewaffneten Ganoven schutzlos ausgeliefert sein möchte?
Ich denke, dass unser extrem strenges Waffengesetz auch nicht gut ist. Wenn man auf dem Lande etwas abseits wohnt, dann muss man schon Jäger sein, um über eine Verteidigungswaffe verfügen zu dürfen. Als Nicht-Jäger steht man dort jedem nächtlichen Überfall hilflos gegenüber, da kann man weder Frau noch Kinder schützen.
Es lässt sich eben alles übertreiben, auch die Angst vor Waffen in den Händen von gesetzestreuen Bürgern.
Ramazotti (23.09.2007, 17:58 Uhr)
H.P.
...mit allen Sprichwoertern kann man den jaehrlich in den USA erschossenen
Opfern ( ueber 26000 ) wohl keinen Trost mehr aussprechen.
Man kann aber mit solchen Diskussionen dazu beitragen, dass sich die Waffenidiotie nicht weiter ausbreitet. Besorgniserregend ist, wie Europa und Asien mehr und mehr amerikanisiert (cool) wird. Und das bezieht sich auf mehr oder weniger alles was den Naiven taeglich ueber Werbung, TV, Magazine usw eingefloesst wird.
Verantwortungsvolle Berichterstattung waere angebracht. Die Medien sollten mit Tatsachen informieren. Waffenwahn ist nur ein kleiner Teil dessen was im ehemaligen Vorbildsland schief laeuft.
Lemminge !
H.P. (23.09.2007, 09:26 Uhr)
Bei all den Diskussionen hier.

Es gibt ein schönes Sprichwort, es recht zu machen jedermann ist eine Kunst die niemand kann. Egal wie man sich verhält, es wird immer Menschen geben die es kritisieren. Jeder hat halt seine eigene Meinung und Auffassung. Wie ich mich selbst verhalte, darum geht es, was du nicht willst das man dir tut das füge auch keinem andern zu, oder, was du säst das wirst du ernten (Ursache und Wirkung). Mehr braucht man nicht zu wissen um im Leben zurechtzukommen, auch mit oder ohne Waffe!
Ramazotti (23.09.2007, 00:31 Uhr)
Huch....
wie sind wir denn jetzt auf einmal in Thailand gelandet ? Ablenkungsmanoever von Bubba ? Und Buenos Aires ? Kann er sich doch mit $$$ gar nicht mehr leisten.
Und wissen'se, wo der Koenig Blumenkohl und seine Sippe studiert haben kann man doch ganz einfach am Computer innerhalb einer Minute 'rausfinden. Das wird hier breitgetreten um sich als Grossreisender und Weltkenner herauszuputzen ? Jo um God's wuin !
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