Seit Hillary Clinton US-Außenministerin unter Barack Obama ist, verschwindet sie zunehmend aus dem Blickfeld. Für Krisenherde wie den Iran gibt es im Weißen Haus Spezialberater - sie sind dem Präsidenten allesamt näher als die Ex-First-Lady. Nun zieht sie ihre Halbjahresbilanz. Von Katja Gloger

Auf die Frage, welche Aufgabe sie habe, eierte Hillary Clinton herum und antwortete mit "Chef-Diplomat"© Mark Wilson/Getty Images
Wozu Ellenbogen in der Politik so herhalten müssen: Meistens werden sie eingesetzt, um Konkurrenten auf dem Weg nach oben beiseite zu räumen. In diesem Fall aber dienen sie als Entschuldigung bei Abwesenheit. Genauer gesagt: Es handelt sich um einen gebrochenen rechten Ellenbogen, und er gehört der, neben Madonna, wohl berühmtesten Frau der Welt: Hillary Rodham Clinton, Ex-First Lady, Ex-Senatorin, Ex-Präsidentschaftskandidatin, zurzeit Außenministerin der USA.
Das Gelenk brach sie sich ausgerechnet, als sie auf dem Weg ins Weiße Haus ausrutschte. Seitdem hält der Cubitus her, wenn sie wichtige Treffen absagt: so wie gerade auch Obamas außenpolitische Wandertour nach Moskau, Italien und Ghana.
Offenbar hat sie da nicht viel verloren. Obama lässt keinen Zweifel: Der Präsident ist der Chef. Der Präsident macht die Außenpolitik. Und dieser Präsident heißt eben Barack Obama.
In den ersten sechs Monaten seiner Amtszeit besuchte er schon mehr als ein Dutzend Staaten (Bush kam in der gleichen Zeit gerade mal auf drei). Dabei hielt er Reden von historischer Bedeutung, befreit jetzt gerade die Welt von der Geisel der Atomwaffen, und First Lady Michelle verzückt ohnehin Millionen.
Und schon fragt sich die Nation, mal besorgt, mal hämisch: Was macht eigentlich Hillary Clinton?
Müde sieht sie aus, die Haare schreien nach einem Friseur, und sie macht das, was sie meistens macht: Sie arbeitet hart. Seit Jahrzehnten verheiratet mit einem unberechenbaren politischen Superstar, der Entscheidungen aus dem Bauch fällte und lieber Saxophon spielte anstatt Akten zu studieren, bestand sie gegenüber Bill stets mit eiserner Disziplin und ihrer puritanischen Arbeitsethik. Sie wusste immer mehr als die anderen, war immer besser informiert, hatte immer alle Akten gelesen und die Vermerke dazu. So hatte sie ja auch ihre Karriere im Senat begonnen. Ein fleißiges Lieschen, immer gut vorbereitet, so arbeitete sie sich nach oben. "Ich bin ein Arbeitstier", sagte sie einmal, "ich habe das Verantwortungs-Gen."
Ihre außenpolitische Erfahrung war ungefähr so groß wie von Obama - nahe Null. Seit sechs Monaten frisst sie sich nun diszipliniert durch unliebsame Themen. Verhandelt komplizierte Details zur Kuba-Politik, die niemand versteht. Trifft sich mit dem gestürzten Präsidenten von Honduras, gerade geht es um den Bau einer Strasse entlang der kanadischen Grenze.
Immerhin: Am Mittwoch hielt sie eine außenpolitische Grundsatzrede, eine Art Halbjahresbilanz. Als zentrales Thema hatte sie sich den Iran ausgesucht und vorsichtige Gesprächsbereitschaft mit dem Mullah-Regime signalisiert. "Die Zeit zu handeln ist jetzt. Die Möglichkeit dazu wird nicht ewig offenstehen", sagte Clinton vor dem renommierten Washingtoner Außenpolitik-Institut Council of Foreign Relations.
Zugleich verurteilte die Außenministerin das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstranten nach den Präsidentenwahlen im Iran als "bedauerlich und inakzeptabel". "Weder der Präsident noch ich haben irgendwelche Illusionen, dass ein direkter Dialog mit der Islamischen Republik einen Erfolg garantiert", sagte Clinton. Allerdings sei es auch falsch anzunehmen, dass die Ablehnung eines Gesprächs eine Bestrafung darstelle. "Solange eine Einbindung der iranischen Führung der Förderung unserer Interessen und Werte nützt, wäre es nicht weise, sie vom Tisch zu nehmen."
Katja Gloger Die Wirtschaftskrise hat eine Welt fest im Griff, die auch ohne sie vor einer Neuordnung steht. Vor allem seit Barack Obama ins Weiße Haus eingezogen ist. Wie Amerikas Präsident die Welt verändern will, wer in Russland um die Macht kämpft, warum China das 21. Jahrhundert bestimmen könnte und worüber die Mächtigen dieser Erde hinter den Kulissen sonst noch rangeln, darüber schreibt stern-Autorin Katja Gloger in der stern.de-Kolumne "Was die Welt bewegt". Katja Gloger hat als Korrespondentin jahrelang für den stern aus Washington und Moskau berichtet.