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17. November 2009, 21:59 Uhr

Hunger - der stille Tsunami

Die wahre globale Krise ist eine humanitäre Krise: Erstmals in der Geschichte hungern über eine Milliarde Menschen. Es gibt Chancen, den Ärmsten der Armen zu helfen, doch sie werden nicht genutzt. Ein Gastbeitrag von Ralf Südhoff

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Eine Äthiopierin mit ihrem unterernährten Kind. Durch die Finanzkrise leiden auch die humanitären Programme© Stephen Morrison/DDP

In jeder Krise steckt eine Chance - diese auf allen Gipfeln von G8, G20 und EU wiederholte Weisheit gehört zum täglichen Nachrichtengeschäft wie die Wirtschafts- und Finanzkrise und Bilder von Politiker-Limousinen, die sich um die Folgen der Krisen und deren Beseitigung kümmern.

Gerade mal ein gutes Jahr ist es her, dass diese Weisheit noch intensiver beschworen wurde. Damals erreichte eine ganz andere globale Krise ihren ersten Höhepunkt: die globale Nahrungsmittelknappheit. Nun tagt in Rom der Welternährungsgipfel und es wird offenkundig, dass diese epochale Krise heute katastrophale Folgen zeigt - und zugleich fast in Vergessenheit gerät.

Auch wir vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) erlebten das vergangene Jahr als größte humanitäre Organisation der Welt direkt vor Ort. Angesichts der schrecklichen Auswirkungen der Welternährungskrise hieß es auch hier immer wieder, dass selbst diese Krise immense Chancen offenbare. Nun müssen wir feststellen: Eine historische Chance droht verspielt zu werden. Allein in diesem Jahr wurden mehr Menschen zu Hungernden als insgesamt in Österreich, Deutschland und der Schweiz leben.

Eine Milliarde Menschen hungert

Der gigantische Schatten, den die globale Wirtschafts- und Finanzkrise wirft, lässt heute alle anderen Herausforderungen als Nebenschauplätze erscheinen. Für diese und andere Krisen, wie etwa auch den Klimawandel, gibt es viele Schuldige, eine Gruppe gehört aber ganz sicher nicht dazu: die Menschen in den Entwicklungsländern. Trotzdem steuern sie auf eine humanitäre Katastrophe zu.

Natürlich muss man mit diesem Wort vorsichtig sein. Doch wie anders soll man es nennen, wenn im Jahr 2009 binnen weniger Monate mehr als 100 Millionen Menschen zu Hungernden werden? Eine nie da gewesene Explosion der Not. Und zugleich sind diese 100 Millionen nur zehn Prozent der insgesamt weltweit hungernden eine Milliarde Menschen - so viele wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Diese Katastrophe ist nicht spektakulär oder medienwirksam wie ein Flugzeugabsturz. Sie ist schleichend. Die Weltbank warnte vor einem Jahr, dass die Welternährungskrise entweder einen Aufbruch oder einen "stillen Tsunami" auslösen könne. Heute müssen wir feststellen: An den Folgen des Hungers sterben derzeit innerhalb von nur zehn Tagen weltweit rund 250.000 Kinder und Erwachsene - mehr als 2004 beim Tsunami in Südostasien insgesamt ums Leben kamen.

Theroretisch ein Traum - praktisch ein Desaster

Dabei liegt es auf der Hand, wie ihr Tod vermieden werden kann und welche einmalige Chance die Welternährungskrise bietet. Denn die Geschichte wendet sich plötzlich den Ärmsten der Armen zu. Denen, die zu 75 Prozent auf dem Land leben und meist selbst Bauern sind. Bislang litten sie lange unter der Ära scheinbar unendlicher Nahrungsmittelüberschüsse und extrem niedriger Preise.

Doch diese Ära ist endgültig vorbei. In sieben der letzten acht Erntejahre überstieg die globale Nachfrage das Angebot. Schon 2030 muss die Menschheit 50 Prozent mehr Nahrungsmittel als heute produzieren, bis 2050 etwa 70 Prozent mehr. Vor allem der steigende Wohlstand in Asien, die wachsende Weltbevölkerung, der boomende Tierfutter- und Biospritanbau heizen die globale Nachfrage an. Ein gigantischer Wachstumsmarkt. Theoretisch ist die Preisexplosion für Millionen Menschen in den Entwicklungsländern ein Traum. Praktisch ist sie ein Desaster.

Noch im Jahr 2008 reagierten die Staaten der Welt großzügig auf die neue Krise. Das WFP beispielsweise erhielt den Auftrag und auch weitgehend die Mittel, binnen Monaten seine Hilfsoperationen auf über 100 Millionen Hungernde (und damit fast 50 Prozent mehr Menschen als geplant) auszudehnen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Der Bedarf an Hilfe wächst, die Bereitschaft zur Finanzierung sinkt

Der Autor Ralf Südhoff ist Leiter des World Food Programme (WFP) für Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz. Südhoff hat Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre studiert. Er hat unter anderem bei der "Financial Times Deutschland" und der "Zeit" gearbeitet. Seit 2007 ist er beim Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen.

Seite 1: Hunger - der stille Tsunami
Seite 2: Viel Geld, doch keine nachhaltigen Investitionen
 
 
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