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Hier wohnt die Kanzlerin

Natürlich könnten Joachim Sauer und seine Frau Angela Merkel ins Kanzleramt umziehen. Doch die beiden wohnen lieber in einem Mietshaus in Berlin-Mitte. Ein Besuch im Merkelschen Viertel.

Dezembermorgen, düster, leise, alle Häuser dunkel im Kupfer graben an der Spree. Es ist der einundzwanzigste Morgen, an dem sie als Bundeskanzlerin erwacht. Es ist der Morgen, an dem sie weiß, dass sie im Parlament eine wichtige Aussprache verfolgen wird, die Aussprache über CIA und Folter und Entführung. Draußen nichts als klammes Dunkel. Keimender Tag. Einer, der niemals hell werden wird. Sie macht Licht in allen Zimmern. Hetzt hierhin. Hastet zurück. Schwarze Silhouette hinter lichten Fenstern. Unten wartet der Chauffeur. Sie knöpft ihre Jacke zu. 7.15 Uhr, sie muss los. Angela Merkel steigt in den Aufzug.

Gegenüber, im Pergamonmuseum, zieht Herr Peters mit dem Wischmopp seine Bahnen vor dem berühmten, uralten Altar. In knapp drei Stunden muss er fertig sein. Dann kommen die Besucher. Dann wird die rumänische Bettlerin draußen im Rinnstein sitzen und ihr Plastikschild den eiligen Menschen entgegenhalten: "Zu Hause habe ich drei hungernde Kinder." Dann wird Herr Mucatar ein Haus weiter das Tor zu seinem Imbiss aufschließen und den Stehtisch auf den Kunstrasen vor dem Tresen rücken. Dann wird die Garderobiere müde von der Schicht im "Gold Club" nach Hause fahren und vielleicht von den vielen Mänteln der vielen Männer träumen, die heute Nacht die tanzenden Mädchen in den Käfigen betrachtet haben. Dezembermorgen, düster, leise, im Kupfergraben an der Spree.

Eine merkwürdige Straße, dieser Kupfergraben. So viel Grau. So viele Baustellen. So kalt und windig und leer. Die Straßenbahnen rattern träge um die Kurve. Die Spree dümpelt im steinernen Bett um die Museumsinsel herum. In der Fassade des düsteren Hauses an der Ecke erzählen Einschusslöcher vom Krieg. Nebenan geht Richard von Weizsäcker in der altehrwürdigen Atmosphäre des barocken Magnus-Hauses seinen alterspräsidialen Pflichten nach. Vor seinen Fenstern hetzen Tausende Touristen auf überdachten Baustellenstegen von einem Museum zum nächsten. Überall prächtige Bauten von des Königs Architekten Schinkel. Hohe Kunst. Antike. Alles wertvoll. Alles vergangen.

Eine merkwürdige Strasse, dieser Kupfergraben. Ein merkwürdiges Zuhause, diese gelb gestrichene Nummer 6, in der Angela Merkel mit ihrem Ehemann Joachim Sauer den vierten Stock bewohnt. Ein merkwürdiges Viertel, dieses Merkelsche Viertel, dieser eine Quadratkilometer Berlin zwischen der geschäftigen Friedrichstraße und der bunten Oranienburger, zwischen den exquisiten Unter den Linden und dem verwinkelten Hackeschen Markt.

Früher, bevor die Wiedervereinigung diese Gegend zur modischen Mitte Berlins werden ließ, regierte das Stasi-Wachregiment Felix Dzierzynski die Straßen und Plätze. Dann, nach der Wende, kamen Käufer und Investoren, Leute wie Herr Meermann, der heute den Merkels die Wohnung vermietet. Seine Immobilienfirma gibt gern ein bisschen an mit diesen exklusiven Mietern. Auf Werbeseiten im Internet steht über das Haus geschrieben, dass es bereits eine "gute und prominente Mieterstruktur" gebe. 20 Euro der Quadratmeter. Plus Nebenkosten.

Viele Büros in diesem Doppelhaus. Die Deutsch-Britische Gesellschaft. Architekten. Rechtsanwälte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Ottmar Schreiner. Und eben die Merkel-Sauers. Gut und prominent. So gut und prominent, dass vor der Tür rund um die Uhr zwei Objektschützer Wache schieben. Sie schlendern den Bürgersteig entlang. Sie drehen ihre Runden durch den bambusbewachsenen Innenhof. Und manchmal, selten, da stehen sie auch auf dem edlen Mosaikboden im Hausflur herum und wärmen sich für ein paar Minuten die frostigen Glieder.

An dem Tag, an dem Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten die Föderalismusreform im Kanzleramt berät, schieben Dirk Neumann und Roman Preiß die Zwölf-Stunden-Schicht vor ihrer Wohnung. Morgens um sieben haben sie den Dienst übernommen. Zwei Stunden Schlendern und Frieren, dann kommt die Ablöse. Eine Stunde Aufwärmen im schäbigen Pausenraum, zehn Minuten vom Kupfergraben entfernt. Dann wieder Schlendern und Frieren. Mit zusammen- gekniffenen Augen beobachten sie jedes geparkte Auto, jeden lungernden Jugendlichen, jeden der vielen Neugierigen, die die Stufen zur Haustür hochsteigen und in die runde Linse der Sicherheitskamera schauen und das goldene Klingelschild lesen und murmeln: "Aha, das stimmt also wirklich. Hier steht "Prof. Sauer". Das ist doch Merkels Mann."

Auf dem Klingelschild der Nummer 6 sind neben "Prof. Sauer" einige fantastisch klingende Namen zu lesen. Fantasienamen. Von oben nach unten gelesen heißen die angeblichen Mieter: Lustig. Ganz. Schön. Lustig. Oder. Ganz schön lustig, oder? Herr Neumann und Herr Preiß sind eben nur die, die die Wohnung der Kanzlerin von draußen schützen. Drinnen haben sich Beamte des Bundeskriminalamtes eingemietet - Beamte, die kleine Klingelscherze lustig finden. Eigentlich hätten sie es lieber gesehen, wenn Frau Merkel in eine frei stehende Villa gezogen wäre. Oder in die Wohnung im Kanzleramt. Nun wohnt Merkel noch immer in diesem schwer zu schützenden Objekt. Mitten zwischen Fensterfronten auf allen Seiten, riesigen Baugerüsten an den Museumsmauern gegenüber, massenweise Publikumsverkehr, Bussen und Baufahrzeugen - mitten im normalen Leben dieses Quadratkilometers Berlin, von dem sie so wenig mitbekommt.

Seit Angela Merkel Kanzlerin ist, wird sie umschlossen von einem engen Kokon des Schutzes. Bundeskriminalamt. Landeskriminalamt. Objektschutz. Bodyguards. Ihr Alltag, ihr Leben, geprüft auf hässliche Szenarien, gerastert nach drohender Gefahr. Sie geht nicht einkaufen in ihrem Viertel. Sie geht hier nicht einmal spazieren. Sie verlässt frühmorgens das Haus und kommt spätabends wieder. Und doch wissen viele, dass sie hier wohnt. Touristen, die auf den Spreeschiffen von den Stadtführern hören, ja, hinter diesen Fenstern, da wohnt die neue Kanzlerin. Spaziergänger, die mit ausgestrecktem Zeigefinger vor dem alten Haus stehen bleiben. Taxifahrer, die auch Herrn Sauer erkennen, wenn er die Haustür aufschließt. Der Job der Sicherheitsexperten ist schwierig.

Selbstverständlich haben sie noch einmal die Nachbarn von Frau Merkel überprüft. Sicher wissen sie, dass Herr Mucatar, der Mann vom Imbiss nebenan, aus Afghanistan stammt. Wahrscheinlich haben sie auch in Erfahrung gebracht, dass Herr Sadik, der neben Herrn Mucatars Imbiss Russen-Mützen und DDR-Orden verkauft, aus Pakistan als Flüchtling kam. Man kennt sich. Man grüßt sich. "Es gibt keinen hundertprozentigen Schutz. Wir können uns nur die Gesichter einprägen und gründlich gucken", sagt Herr Preiß.

Und so schaut er wieder und wieder zum Treppenaufgang und nimmt die Mülleimer in Augenschein und kontrolliert den grünlich schimmernden Brunnen im Hinterhof. Auf dem Brunnenrand sitzen zwei kleine metallene Spatzen. Ein Mann im Anzug schleppt einen Karton die Stufen des Hintereingangs hoch. Auf dem französischen Austritt im vierten Stock stehen wie immer die zwei vertrockneten Pflanzen. Herr Preiß hätte jetzt gern einen heißen Kaffee.

Das Merkelsche Viertel ist keines, in dem Menschen leben, die sich hier zu Hause fühlen wollen. Es ist eines, in dem die Menschen auf der Durchreise sind. Moderne Vagabunden. Altmodische Landstreicher. So viele Einsame wie der alte Saxofonist aus Lettland, der auf der Friedrichsbrücke seine ewig gleichen Schlager bläst. So viele Suchende wie die esoterische Heidi, die in Neuseeland den Klang ihrer Stimme entdeckte und seither "Stille Nacht, Heilige Nacht" im Kupfergraben singt.

So viele Freundliche wie der pensionierte Herr Witt, der sich im Sommer mit seinem Fernglas beim Kastanienwäldchen vor dem Dom postiert, um die Stare zu zählen, die allabendlich in Schwärmen den Himmel verdunkeln und sich regenschauergleich in die Bäume hinabstürzen, um hier zu übernachten. So viele Menschen auf Besuch, auf Stippvisite, zur Montage auf den Baustellen von Politik und Wirtschaft, von Kleinkunst und Mode, von Straßenmusik und Straßenstrich.

An dem Tag, an dem Frau Merkel als Staatsgast in Warschau weilt, essen die leichten Mädchen von der Oranienburger Straße Zigeunerschnitzel von ihrem Styroporgeschirr. Die Garderobieren aus dem "Gold Club" sorgen gut für die Pferdchen der Zuhälter. Sie kochen Kohlrabisüppchen und schmieren Leberwurstbrote und belegen andere mit Schinken. Und wenn die Mädchen fragen, ob im Süppchen Sahne ist, dann schwindeln die Garderobieren ein bisschen. Dann sagen sie: "Nein, nur Rama Finesse", und die Mädchen leeren beruhigt ihre Assietten. Zwischen 22 und 24 Uhr läuft die Stoßzeit des Geschäfts. Danach aber wird die Nacht lang, so lang und feucht und kalt, und dann bringt Torsten, der Einholer, den Mädchen auf der Straße einen Tee vorbei. Der kostet einsfuffzig.

Im "Zille-Eck", einer unauffälligen Eckkneipe 300 Meter von der Merkel-Wohnung entfernt, haben die Zuhälter der Oranienburger Mädchen ihr Wohnzimmer. Dort trinken sie. Dort feiern sie. Dort stehen sie auf der Straße herum, und wenn die Nacht zum Morgen dämmert, schreien sie schon mal fremden Frauen hinterher: "Ey, die im hellen Mantel will ich ficken."

Unfreundliche Sätze. Böse Sätze. Die Jungs sind derzeit ein bisschen gereizt. Die Polizeirazzien nerven und die Briefe vom Finanzamt auch. "Seit hier Politiker wie die Merkel wohnen, wollen die uns kaputtmachen. Die wollen alles picobello haben", sagt Manne. Er ist der Geschäftsführer vom "Gold Club". Er findet das Generve ungerecht.

An dem Tag, an dem Frau Merkel sagt, die Auslosung der Fußballweltmeisterschaft stelle die Deutschen vor eine "lösbare Aufgabe", steht Frau Berkhahn im "Zille-Eck" hinter der Theke und brüht schwarzen Tee. "Ach, die Razzien", sagt sie. Und sie erzählt, dass der Chef neulich 5000 Euro zahlen musste, weil die Tänzerinnen zu dünn angezogen gewesen seien. Und dass das doch Quatsch sei. Und dass das die Jungs eben ärgere. In der Ecke zur Treppe hängen die verärgerten Jungs in sauberen Bilderrahmen. Da mimen sie mit Sonnenbrillen und geschwellten Muckis den Terminator.

Seit voriger Woche hat der Ludensalon ein neues Konzept. Das Konzept der Trödelkneipe. Seither bringt Trödel-Buggi jeden Tag alten Krams aus seinen Läden und drapiert ihn in dem kleinen Raum - Sofas und Bücher, Zeitungen von 1936 und Ledermäntel von der SS. Frau Berkhahn findet die Trödelidee "hinreißend". Sie hat ein Faible für antike Milchkannen. Und für Rottweiler.

Die rotlichtige Welt des "Zille-Eck" ist ein Relikt aus der alten, der armen Zeit dieses Viertels. Der Zeit, als weder Kanzler noch Kanzlerinnen je einen Fuß in diese schäbige Gegend gesetzt hätten. Der Zeit, als es keine Restaurants und Modegeschäfte gab, kein Spirit-Yoga und keinen Fast-Food-Imbiss, der Acht gibt auf das Lungen-Chi. Es war die Zeit direkt nach der Wende, als der Kontaktbereichsbeamte Egon-Joachim Kellotat die ersten Male gemächlichen Schritts seinen neuen Kiez durchmaß und bald schon mit den meisten Hausbesetzungen des Landes zu schaffen hatte.

Diese Zeit ist lange her. Zur Pensionierung von Herrn Kellotat haben ihm die einstigen Besetzer ein Kästchen Cohibas geschenkt, frisch aus Kuba importiert. "Aus den meisten ist was Anständiges geworden", sagt er. Heute managen sie Künstler und Immobilienfirmen, und er, der Neupensionär mit dem gezwirbelten Bart, ordnet den Schreibtisch und schneidet die Sträucher in seinem Gärtchen. Und manchmal, da geht er auch auf Reisen.

An dem Tag, an dem Frau Merkel Bahnchef Mehdorn trifft, um über den Umzug der Konzernzentrale von Berlin nach Hamburg zu sprechen, fliegt Herr Kellotat nach Israel zu seinen jüdischen Freunden, die er vor vielen Jahren vor der Synagoge in der Oranienburger kennen gelernt hat. An diesem Tag finden Bauarbeiter eine alte Fliegerbombe vor der Humboldt-Universität, Unter den Linden. Sie ist noch scharf. Sie muss gesprengt werden. Und so werden die Straßen und Plätze gesperrt, Stille senkt sich über das Viertel, kein Hupen, keine Musik, so gedämpft, so leise, der Weihnachtsmarkt, der Kupfergraben, das Kastanienwäldchen, der große, dunkle Dom.

An diesem Abend steht Domprediger Hünerbein in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer und legt die Albe an, jenes weiße Gewand mit der purpurnen Stola, das evangelische Geistliche zu festlichen Anlässen tragen. Heute Abend hat seine Gemeinde zu einem besonderen Gottesdienst geladen, zu den meditativen Gesängen von Taizé. "Wegen der Bombe werden nicht allzu viele kommen", sagt Herr Hünerbein. Dann zuppelt er sich die Stola zurecht.

Früher war Herr Hünerbein Pastor der Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg. Seine Gemeinde wurde berühmt für den leisen, beharrlichen Widerstand gegen SED und Stasi. Damals fuhr er wie so viele DDR-Pfarrer alle zwei Jahre für einige Tage zum Pastoralkolleg nach Templin. Da wohnte er bei Pastor Kasner auf dem Waldhof und sah dessen Tochter Angela im Garten spielen. "Später erzählte mir ihr Vater, dass Angela nach Berlin gezogen war. Ich weiß, sie wohnt gleich gegenüber, aber ich habe sie nie wieder gesehen. Nur ab und an im Fernsehen", sagt Herr Hünerbein. Morgens, wenn er über das Marx-Engels-Forum zu seinem Dom spaziert, dann winkt er manchmal zu dem Koloss hinüber: "Na Dicker, da biste ja wieder." Die Berliner schmähen seinen Dicken gern als "Warzenkröte", er aber mag ihn. Er findet ihn hübsch hässlich. Wie so vieles hier.

In den kalten Monaten der Winterzeit, wenn die Stare verschwunden sind und die Bäume im Kastanienwäldchen längst kahl, dann ergreifen die Krähen Besitz vom Dom. Dann sitzen sie zu Hunderten auf der kupfernen Kuppel und lassen ihre heiseren Schreie erklingen - über die Spree in Richtung Hackescher Markt bis hinüber zum Kupfergraben, dieser kalten, windigen Straße. Vor der Nummer 6 stehen die Objektschützer im Morgengrauen und frieren. Kein Mensch auf der Straße. In der Ferne das Geheul eines alten Autos. In Frau Merkels Stockwerk alle Fenster schwarz. Da liegt sie in ihrem Bett und schläft durch eine weitere Nacht ihrer Kanzlerschaft.

Franziska Reich/print
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