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14. Januar 2010, 12:30 Uhr

Rotes Wohlgefühl statt schwarzer Kante

Physikerin Merkel hat gerechnet: Bei der SPD und den Grünen sind die meisten Stimmen zu holen. Deshalb intoniert ihre Girls-Band rote Wohlfühlpolitik. Die Konservativen bleiben in der Schmollecke. Von Lutz Kinkel

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Ab durch die Mitte: CDU-Vorsitzende Angela Merkel© Franka Bruns/DPA

Vier Jahre war das Stöhnen in Berlin zu hören. Merkel sozialdemokratisiert die CDU! Merkel gibt die Wohlfühlkanzlerin! Und dann kam die Bundestagswahl im September 2009. Eine klare Mehrheit für Union und FDP, für das sogenannte bürgerliche Lager. Die Konservativen in der Union witterten Morgenluft: Endlich würde Merkel in der Lage sein, klare schwarze Kante zu zeigen. Familie! Vaterland! Christentum! Marktwirtschaft!

Pustekuchen.

Auf ihrer Klausurtagung will die CDU am Freitag eine sogenannte Berliner Erklärung verabschieden, die stern.de vorliegt. Darin steht: "Wir wollen bisherige Wählerinnen und Wähler der SPD für uns gewinnen." CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe ergänzte in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", dass sich seine Partei auch bei den Wählern der Grünen bedienen wolle. Merkel selbst erklärte im "Handelsblatt", es gehe darum, möglichst breite Wählerschichten anzusprechen und Wechselwähler zu erreichen. Das heißt, kurz gesagt: Die CDU rückt noch weiter nach links. Sie will sich in der politischen Mitte so weit ausdehnen, dass für alle anderen Parteien nur Randpositionen bleiben.

Gute Gaben für "Arbeiterführer" Rüttgers

Was das für die konkrete Politik bedeutet, ließ sich in den vergangenen Tagen beobachten. Pünktlich zur CDU-Klausur intoniert Merkels Girls-Band beste rote Wohlfühlpolitik. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, CDU, kündigte an, die Hartz-IV-Reformen bis zum Sommer grundlegend zu überarbeiten. Bildungsministerin Annette Schavan, CDU, versprach den Studenten trotz klammer Staatskassen eine Erhöhung des Bafögs. Und die Ausländerbeauftragte Maria Böhmer, CDU, eigentlich nicht für offensive Ausländerfreundlichkeit bekannt, regte plötzlich dazu an, jeden fünften Job im Öffentlichen Dienst einem Menschen mit Migrationshintergrund zuzuteilen.

Wem klingen solche Ansagen wohl freudig in den Ohren? Natürlich Jürgen Rüttgers, CDU, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, dem selbsternannten "Arbeiterführer" und Erben von SPD-Ikone Johannes Rau. Er will im Mai Wahlen gewinnen - und muss es auch, weil ansonsten die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat flöten geht. Im stern hatte er angemahnt, man müsse die Finanzmärkte besser kontrollieren. Und auch dieser Wunsch scheint wie von Zauberhand in Erfüllung zu gehen. Leo Dautzenberg, der finanzpolitische Sprecher der Union, kündigte just an diesem Donnerstag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters an, die Bankenaufsicht solle gebündelt und deutlich verschärft werden.

Schöne neue Welt.

Demoskopie und röhrende Hirsche

Die analytische Grundlage für Merkels rot-grünen Eroberungsfeldzug liefert auf der Klausursitzung ihr Hausdemoskop Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen. In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" rechnete er vor, wie unbedeutend stramm konservative Wählergruppen inzwischen geworden sind. Der Anteil von "Katholiken mit starker Kirchenbindung" mache nur noch acht Prozent der Wähler aus. Ähnliches gelte für die Vertriebenen. Und die bürgerlichen Schichten hätten sich ohnehin schon von tiefschwarzen Traditionen gelöst. Jung: "Der röhrende Hirsch über dem Wohnzimmersofa ist nicht mehr der Inbegriff des Kleinbürgerlichen. Auch der Kleinbürger ist liberaler geworden. Er ist nicht begeistert, bekommt aber auch keinen Schaum mehr vor den Mund, wenn sich zwei Homosexuelle rechtlich binden. Es lassen sich keine Massen mobilisieren, wenn man in solchen Fragen Positionen wie vor 30 Jahren vertritt."

Das ist eine deutliche Abgrenzung zu all jenen in der Union, die in den vergangenen Jahren lauthals gefordert haben, Merkel müsse wieder das konservative Profil der CDU stärken, die Stammwählerschaft pflegen und das Christliche betonen. Unter Merkel, der Führerin der CDUSPDGRÜNEN, geraten sie in die Position einer Minderheit, die allenfalls noch folkloristische Bedeutung hat. Ein Erbe des einflussreichen Rechtsauslegers Alfred Dregger ist in der CDU nicht in Sicht, ein Mann wie Friedrich Merz hat längst das Handtuch geworfen, junge schwarze Vorturner wie Stephan Mappus, designierter Ministerpräsident Baden-Württembergs, Philipp Mißfelder, Chef der Jungen Union, oder auch Markus Söder, CSU, haben mit ihrer konservativen Denkschrift keine Breitenwirkung in der Partei erzielen können. Der konservative Mainstream der CDU wird eher von Menschen wie dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Bosbach definiert, der zwar gelegentlich mäkelt, aber loyal zu Merkel steht.

Ein Problem für die Opposition

Ähnlich bedröppelt wie die Konservativen stehen SPD und Grüne da. Aus welcher Position heraus sollen sie die CDU noch attackieren? Während die SPD in einem mühsamen, schmerzhaften Prozess um die Korrektur der Arbeitsmarktgesetze ringt - immer in der Angst, dabei ihr eigenes Erbe zu verraten - verkündet von der Leyen flott, es müsse alles auf den Prüfstand. Während sich Frank-Walter Steinmeier, Fraktionschef der SPD, bei der Debatte um den Afghanistan-Einsatz zurückhält, weil er ihn selbst mit zu verantworten hatte, räumt Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg eine Position nach der anderen ab. Zunächst spricht er von "kriegsähnlichen Zuständen", dann will er mit gemäßigten Taliban verhandeln, schließlich verlangt er eine Abzugsperspektive. Und im Umweltministerium? Sitzt mit Norbert Röttgen ein Mann aus der schwarz-grünen "Pizza-Connection".

Nach Ansicht des Wahlforschers Jung kann Merkel nur eines gefährlich werden - nämlich der anhaltende Zwist über Themen wie die Steuerreform. "Da muss ein Konsens her", sagte Jung der "Berliner Zeitung", denn der bürgerliche Wähler wolle ruhig regiert werden, seine Behaglichkeit mag er sich nicht mit quälenden Politdetails verdrießen. Einen zweiten, womöglich bedeutenderen Punkt, nannte Jung indes nicht: Merkels roter Lack auf der CDU lässt am rechten Rand viel Platz. Ein charismatischer Demagoge, wie er in Österreich von Jörg Haider verkörpert wurde, könnte sich dort einnisten und relevanten Zuspruch gewinnen. Dann würde die CDU am Ende des Tages das gleiche Schicksal erleiden wie die SPD - ihr historischer Weg in die politische Mitte führte bekanntlich zu mehreren Parteiabspaltungen.

Von Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
flashback02 (15.01.2010, 09:45 Uhr)
Häääh?
"Aus welcher Position heraus sollen sie die CDU noch attackieren?" - Das ist ja mal wirklich eine selten bescheidene Frage für einen Politik-Journalisten. Wahrscheinlich ist es einfach noch zu früh am morgen und das Gehirn braucht noch einen Moment um wach zu werden. Oder vielleicht sollte Herr Lutz Kinkel auch einfach mal darüber nachdenken, sein Ressort zu wechseln, wenn er solche Aussagen tatsächlich ernst meint...
nightmare_online (15.01.2010, 09:04 Uhr)
@aretana
Warten Sie's ab. In NRW werden sich - genau wie in HH oder im Saarland - die Grünen als Pudel für den Machterhalt von Schwarz-Gelb andienen.
kabelmann (15.01.2010, 06:51 Uhr)
@Amos
Tut mir echt leid für sie, dass in ihrem Land alles nach links driftet, obwohl sie selbst kein Fan davon sind.

Aber sehen sie sich mal Deutschland an: Da driftet alles wirtschaftlich ins Marktradikale, während unsere Kanzlerin das Land gesellschaftlich Schritt für Schritt in die Feudalzeit zurückführt.


Von welchem Land haben sie gleich nochmal geredet?
aretana (15.01.2010, 01:30 Uhr)
Suche neue CDU-Wähler für NRW-Wahl
Das dürfte etwas schwierig sein, Frau Merkel. Nachdem Guido seine Klientel als erste Amtshandlung gut bedient hat, MWSt.-Erlass für Hotels, Puffs und Erben, freut man sich, jetzt zu lesen, dass angehängter Urlaub an Geschäftsreisen steuerlich auch geltend gemacht werden kann.

Da kann Guido mit seinem Mann (oder Frau?) mit stolzgeschwellter Brust im Ausland herumreisen. Er hat seine Arbeit getan. Aber was ist mit Frau Merkel? Sie verschwand in der Versenkung und man sieht sie nicht mehr. Sollte sie auch auf Reisen sein, um neue Wähler zu aquirieren? Vielleicht hat sie ja Erfolg, denn immerhin 2/3 der Wahlberechtigten haben diese Koalition nicht gewählt. Da ist viel Potential drin.

Mit ein paar netten Versprechnungen kann man viel bewegen, denn das Wahlvolk ist ja ein bisschen dumm, gell? Man schmeisst ihnen ein paar Brocken hin und schon ist alles wieder gut.

Satire zu Ende.


Fakten (15.01.2010, 01:10 Uhr)
Das nennt man am Trueben oder eingetruebten Rand zu fischen.
Gibt es tatsaechlich noch Menschen die sich von dieser Kanzlerin angesprochen fuehlen.

Verkohlt, verschroedert und nun ge-merkelt.
SethusCalvisius (14.01.2010, 22:40 Uhr)
Schon witzig
Bafög-Sätze wenigstens annähernd an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angleichen und zumindest die schlimmsten Folgen von Hartz IV abmildern ist "rote Wohlfühl-Politik"? Bessere Werbung für rote Politik konnte der Autor gar nicht machen.
Benkku (14.01.2010, 21:33 Uhr)
Besser Taten als ewige Absichtserklärungen.
Das Beste wäre wohl, der gesamte CDU/CSU/FDP-Haufen würde in der Versenkung verschwinden. Mit demoskopischer Kosmetik vor dem Hintergrund der Beteiligung am sinnlosen Afghanistan-Abenteuer, den vollendeten Maßnahmen der Klientelpolitik und all dieser wirtschaftspolitischen Phrasendrescherei haben die sich längst nach ein paar Wochen Regierungszeit ins wohlverdiente Abseits manövriert. Von Verwaltungsbeamten á la der wahrnehmungsgestörten Arbeitsministerin, der Bildungsbeordneten, seiner Durchlaucht, dem Baron, der Laienschauspielerin in Sachen Familie, der mächtigsten Frau der Welt, wird weiter nichts zu erwarten sein als Erfolge vorzutäuschen, die es nicht gibt. Im Übrigen halte ich deren "Berliner Absichtserklärung" eher für aufgeblasen Zauber, reinen Stimmenfang.
.
Ich empfehle, sich ein paar der zynischen Sätze dieses neoliberalen Manifestes einmal zu Gemüte zu ziehen, z. Bsp.:

"Mit einer menschlichen Sozialpolitik stehen wir an der Seite derer, die der Unterstützung bedürfen, ohne sie zum bloßen Objekt staatlicher Betreuung herabzuwürdigen. Vielmehr zielt alle Hilfe darauf, die Kräfte zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung zu fördern." (http://asset1.stern.de/media/pdf/politik/berliner_erklaerung_13-01-10_z.pdf)
ganzbaf (14.01.2010, 20:16 Uhr)
Konservativ =
bewahrend.

Die Besitzenden und Vermögenden wollen ihre angehäuften Besitztümer und Vermögen für alle Zeiten vor den ungerechtfertigten Zugriffen der Allgemeinheit "bewahren"... (0;

Unter dem Deckmäntelchen von Moral, Bildung und Kultur versteht sich.

Also, ich find´ das sehr konservennaiv ;~)
Obstmann (14.01.2010, 19:02 Uhr)
interessant
hab mir die Kommentare leider jetzt aus Zeitmangel nicht durchgelesen, muss aber sagen, sehr interessant... statt endlich mal Politik zu machen, stürzt sich also die Union direkt in den nächsten Wahlkampf...vor den nächsten Landtagswahlen soll sowieso nichts entschieden werden aus Angst die Wähler zu verunsichern...was sagt mir als Wähler das?? Es wird mir nicht gefallen...
Natürlich müssen in einer Politik auch unangenehme Entscheidungen getroffen werden...aber doch nicht immer die Verkündung verschoben und vor allem vorher das Gegenteil behauptet...Ich brauche keine Steuersenkungen...solange was aus diesem Land wird...mir ist doch klar, dass die Schulden sich nicht von allein Bezahlen....Durch die immer zeitlich versetzten Landtagswahlen, ist hier in Deutschland leider immer Märchenstunde und Wählerverarsche....endlich mal zusammenlegen! Oder besser noch, einfach mal die Wahrheit sagen und ne klare Linie fahren!
Prologo (14.01.2010, 18:37 Uhr)
Der Realitätsverlust von Merkel ist unverkennbar!!
Entweder ist Merkel tatsächlich erst Gestern aufgewacht, oder sie ist gestern aus dem Koma erwacht.

Wie sonst soll man diese Äußerungen von Merkel, Wählerstimmenfang von der SPD einfangen, denn sonst noch bewerten.

Wir haben ja sonst keine Probleme!!
Koalition total zerstritten, nichts gegen die Bankenraffgier unternommen, Steuersenkungsstreit, Hartz IV Elend.

Wenn sie schon alles aussitzt, dann soll sie sich endlich zum Aussitzen auf einen Scheiterhaufen hocken..........,

.........dann findet sich sicher jemand, der den Scheiterhaufen anzündet.

MfG,
T.


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