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19. November 2009, 14:09 Uhr

Der missbrauchte Protest

Von einer einheitlichen Front gegen die Bologna-Reform sind die Studenten in Deutschland weit entfernt. Auch, weil sich viele Studierende von den lautesten Schreihälsen vereinnahmt fühlen. Von Johannes Schneider

Zoom
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Schnell verraucht: Ein Böller bei der Bildungsstreik-Demo in Berlin© Michael Gottschalk/DDP

Es ist halt alles nicht mehr so wie früher: Gerade noch hat die 21-jährige Viola, Studentin des Verkehrswesens an der Technischen Universität Berlin, versichert, "auf jeden Fall" zur großen Berliner "Bildungsstreik"-Demo gehen zu wollen, da nähert sich plötzlich ihr Tutor. Viola macht einen Satz in seine Richtung. Ob das Tutorium wirklich ausfalle? Ja? Ja! Viola kann beruhigt zur Demo gehen. Früher hätte es niemanden gestört, ob Viola die eine oder andere Stunde fehlt, heute ist das anders. Und es ist einer der Gründe, warum die Studenten wieder auf die Straßen gehen, um gegen die Studienbedingungen zu protestieren. Oder eben der Grund, warum sich manche an genau diesem Protest nicht beteiligen können.

Wie Viola umschleichen an diesem Morgen einige Dutzend Studierende das Hauptgebäude der Berliner TU, das andere Studenten in der Nacht zuvor besetzt haben. Die Stimmung ist angespannt. 100 bis 150 Nachtaktive halten eine deutlich größere Zahl Lernwilliger vom Studieren ab - unnötig, wie viele der Anwesenden vor den verrammelten Türen glauben. "Ungefähr so viel, wie ich jetzt sage", faucht ein besonders Lauter, gefragt, was er denn von der Aktion seiner Kommilitonen halte. In diesem Klima wird es auch eng für die, die Streik und Demo nicht grundsätzlich falsch finden - wie etwa Viola: "Es gibt Anwesenheitspflicht und auf jede Klausur eine Note." Wer zu viel verpasst, muss im neuen modularisierten System schnell ein ganzes Semester dranhängen - auch finanziell eine große Belastung. Protest ist da nur mit Rückendeckung der Dozenten möglich und nicht jeder hat einen Tutor wie Viola.

Konkurrenzdruck statt "unbegrenzter Horizont"

Auch Protestbefürworter wie der Soziologe Dieter Rucht zeigen angesichts dieser Situation Verständnis für politisch inaktive Studenten: "Die Leute stehen heute in einem unmittelbaren Konkurrenzdruck zueinander", sagt Rucht. Den "unbegrenzten Horizont der Möglichkeiten", den er selber als 68er noch vor Augen gehabt habe, gebe es nicht mehr. Hinzu komme, dass vielen der Sinn einfach nicht mehr einleuchte: "Das ist - je nach Zählung - bereits die vierte oder fünfte Welle des Protests. Die bisherigen Wellen waren wenig erfolgreich. Das ist entmutigend."

In der Tat läuft der Herbst-Protest 2009 - dem großen Echo aus Politik und Medien zum Trotz - an den Unis eher schleppend an: Den je nach Schätzung 140.000 bis 200.000 Demonstranten am Hauptaktionstag des ersten Bildungsstreiks im Juni diesen Jahres stehen diesmal deutschlandweit nur etwa 50.000 bis 85.000 gegenüber. Die 12.000 Berliner Demonstranten und nach eigenen Angaben etwa 3000 Aktivisten erscheinen - gemessen an den über 100.000 Immatrikulierten der fünf bestreikten Hochschulen - ebenfalls dürftig. "Nicht überragend, aber ein Erfolg, auf dem man aufbauen kann", befindet der Sozialarbeitsstudent Julian am Berliner "Bildungsstreik"-Pressetelefon. Wer in diese Rechnung noch reinrechnet, dass "bei der Demo wieder sehr viele Schüler dabei waren", wie Julian stolz berichtet, ahnt, wie schmal die aktionswillige Basis in der Studierendenschaft selbst ist.

Genervt von Antifa und Protestkultur

In der evangelisch-theologischen Fakultät der Humboldt-Universität am Berliner Dom lehrt Friedrich Lohmann "Ethik" im gut gefüllten Seminarraum, während nur einen Häuserblock weiter die Trillerpfeifen gellen. Hier lässt sich ergründen, was Studierende außer Leidens- und Konkurrenzdruck noch unsolidarisch werden lässt. Mit den Forderungen der Demonstranten könnten sie sich schon identifizieren, sagen die Theologie-Studentinnen Hanna und Margarethe. Allein: Die Form des Protestes befremde sie. Dass eine Vollversammlung an der HU in der letzten Woche nahtlos und ohne Zustimmung aller Anwesenden in eine Besetzung übergegangen sei, habe sie damals zum Gehen gezwungen, sagt die 28-jährige Hanna. Die 25-jährige Margarethe hadert mit der Demonstrationskultur: "Bei diesen ganzen Antifa-Parolen wäre ich am Liebsten verschwunden", sagt sie über die letzte Demo im Sommer.

Die Gefahr, durch die lautesten Schreihälse vereinnahmt zu werden, besteht für das lockere "Bildungsstreik"-Bündnis auch ein halbes Jahr später noch: Revolutionäre Parolen sind zumindest in Berlin ebenso präsent wie der viel beschworene "kreative Protest". "Vom Bildungsstreik zum Generalstreik", steht auf Transparenten der Antifa, die den Zug anführt, "Kapitalismus ist die Krise" und "Bildung statt Überwachung" ist an anderer Stelle zu lesen. Am Ende des Zuges fährt ein Anhänger mit einem "Gemeinsam gegen Atomenergie"-Banner. "Wir wollen euch tanzen sehen - gegen Deutschland", dröhnt es aus den Boxen. "Uns stört, dass die Proteste nach dem Motto 'Wünsch-Dir-was' ablaufen. Alles wird pauschal kritisiert, jeder darf sich einbringen, dabei gehen die wesentlichen Punkte unter", sagt Johannes Knewitz, Bundesvorsitzender der FDP-nahen Liberalen Hochschulgruppen.

Tief gespaltene Studierendenschaft

Protestforscher Dieter Rucht sieht die Schwäche des Protestes auch in seiner Form: Nicht nur, dass so genannte "Latsch-Demos" schon lange nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit erregten, auch den "Streik" hält er an Hochschulen für unangemessen. "Streik heißt, dass man die Produktionsmittel zu Lasten des Arbeitgebers lahmlegt." In diesem Fall sei es aber so, dass man nur sich selbst lahmlege. Eine symbolische Geste, die von Politikern und Hochschulleitungen ausgesessen werden könne: "Die Uni-Leitungen wissen, dass es sich die Studenten nicht leisten können, ein oder zwei Jahre zu streiken."

Wie diesem Dilemma zu entkommen ist? Der Alt-68er Rucht regt an, den Protest auf Aktionen des zivilen Ungehorsams auszuweiten - ein Schritt, den die wachsende Zahl der Pragmatiker unter den Studierenden wohl gerade nicht mitgehen würde. Schon jetzt ist die Studentenschaft tief gespalten. Laut einer nicht-repräsentativen Umfrage des Netzwerks studivz unterstützen gerade einmal elf Prozent den Streik aktiv, 13 Prozent lehnen ihn ab, der Rest sympathisiert passiv (43 Prozent) oder gibt sich komplett desinteressiert (33 Prozent). Die Hoffnung der Aktivisten ruht nun auf der Internationalisierung des Protests. Schon jetzt sind Unis in ganz Europa besetzt, den Ausgang nahm die Welle vor vier Wochen in Österreich. Dort dauern die Proteste immer noch an. Bisher allerdings ohne Ergebnis.

Von Johannes Schneider
KOMMENTARE (10 von 43)
 
Administrator (19.11.2009, 14:09 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
ganzbaf (19.11.2009, 13:11 Uhr)
Nö...
Ohne Faschisten keine Antifaschisten. So einfach ist das ;-)

Gut, dass es noch etwas Zivilcourage im Land gibt.
UR63 (19.11.2009, 12:40 Uhr)
Was hier beim Stern...
gelöscht wird spottet jeder Demokratie!
hier dürfen Idioten wie ganzbaf den ganzen tag blödsinn verzapfen!
antifa heißt linker FASCHISMUS!!!
Soviel zum Gesülze von ganzdoof!
Leistungskritisch (19.11.2009, 11:31 Uhr)
Hinterfragen, kritisieren und protestieren sind unverzichtbar
Ist es wirklich so tragisch, wenn bei den aktuellen Protesten neben sachbezogenen Argumenten auch allgemeine gesellschaftskritische Ideologie auf den Tisch kommt? Schadet es der reinen Forderung nach einer Abschaffung von Studiengebühren und einer Reform der Bachelorstudiengänge, wenn nebenbei auch ein paar Tierschützer oder Atomkraftgegner die "aufgeweckte Masse" für Ihre Themen begeistern wollen? Ich finde nicht! Zumindest so lange nicht, bis die Medien derartige Fakten auf negative Weise instrumentalisieren um damit eigene Meinungen/Ziele zu fördern. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass überhaupt hinterfragt und protestiert wird. Dies sollte wenigstens für Schüler und Studenten noch möglich sein, ohne Sanktionen befürchten zu müssen. Denn spätestens, wenn man den Bildungsmarathon überlebt hat und mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche auf dem "Olymp" unserer Leistungsgesellschaft angekommen ist, wird dies nicht unbedingt einfacher. Viel einfacher dagegen ist es, Schule, Studium und Berufsleben "hinter sich zu bringen" ohne jemals innezuhalten und die Normen zu hinterfragen, in die man gepresst wird. Mancher merkt bis zum Rentenbeginn nicht, dass Leistung und Arbeit nicht der Sinn des Lebens sind, und wundert sich dann über das tiefe Loch, in das er fällt. Daher meine Bitte an Euch, liebe Schüler und Studenten: Stellt das freie Denken nicht ein, hinterfragt alle Aspekte unserer Gesellschaft (... und darüber hinaus), seid gewaltlos aber unbequem, seid kompromissbereit aber kritisch, denn unsere Welt ist alles andere als perfekt und früher oder später wird die Verantwortung für sie unweigerlich auf Euren Schultern lasten.
ganzbaf (19.11.2009, 11:13 Uhr)
PS...:

Es wurden in vergangener Zeit sogar Molotow-Cocktails und Steine von Polizeiprovocateueren in Zivil gegen Polizeikräfte zum Einsatz gebracht.
Nachgewiesenermaßen.

Ist eben nicht immer alles so einfach wie "Volksschule Sauerland"...;-D
ganzbaf (19.11.2009, 11:08 Uhr)
@Huxley

Ach, du meist also das stünde in deren "Wahlprogramm"... ;-?

Natürlich kann Gewalt gegen Sachen eine (extreme) Form des Prostets sein. (Ein kontraproduktive, wie ich finde.)
Aber genau so oft sind das ganz einfach irgendwelche Pyromanen...

Dein Aussage ist in ihrer Generalität einfach nur billig und verleumderisch.
Bene1987t (19.11.2009, 10:55 Uhr)
@Corazito3333
Ja ich bin auch ein stückweit dankbar, dass ich studieren darf! Und genau das meine ich. Wenn man nicht 100% für euch ist, dann ist man gegen euch! Wenn man, wie ich, z.B. dafür ist das BAfög einfach an jeden auszuzahlen, der es beantragt und es zinslos ganz zurückzufordern, dann scheint das einigen nicht genug. Auch ohne die kommunistische Weltrevolution kann man, denke ich, die Probleme an den Unis lösen. Was das schon fast chronische Gehetze gegen die FDP angeht: Cornelia Pieper hat die Studentenproteste´nicht wie Schavan als Mist von Gestern bezeichnet, sondern sie hat auf der FDP Seite vor einiger Zeit sehr analytisch gezeigt, was sie unterstützt und was sie verwirft. Im Übrigen ist Bildungssache Ländersache und ich wohne in RLP und hier regiert die SPD alleine. Und
Huxley_82 (19.11.2009, 10:53 Uhr)
Protest
Ist gut und muss auch möglich sein. Aber es ist KEIN ausdruck von Protest, wenn man Autos anzündet, Läden plündert und Unis verwüstet. Und das ist genau das, was die "tolle" Antifa gerne macht. Denen geht es nicht um den Protest gegen das, wie ich auch finde, schlechte Bildungssystem. Da geht es nur um Chaos.
Mit Pflastersteinen und Molotov Cocktails auf Polizisten werfen ist für mich nicht besser als eine Reichsflagge zu schwenken und Ausländer zu kloppen. Beides ist ein Ausdruck von nicht gerade hoher Intelligenz.
ganzbaf (19.11.2009, 10:17 Uhr)
Antifa ist...

organisierte Zivilcourage gegen rechte Ultras.
Sehr löblich.
Plancklala (19.11.2009, 10:13 Uhr)
Wem soll die Einheits Front folgen?
Es ist schon lustig, wie einige Menschen eine einheitliche Bewegung vermissen und sich daran gestört fühlen, das sich einzelne Gruppen einbringen und/oder den Protest auf die Beine stellen. Es gibt nunmal keine Agenturen, die solche Aktionen völlig ohne eigene Interessen durchführen. Weshalb im übrigen eine Einheitsfront gewünscht wird, von Stern und zwei Studis, ist das deutsche an der Geschichte. Dagegen können selbst die "antifa"-parolen (einige scheinen das als synonym mit einer gruppe empfinden, wie der mit rechtspopulistischen und antiamerikanischen phrasen operierende berns 4000, der sogar noch hinter den schlechten studienbedingungen amerika entdeckt) nichts machen, denn letztendlich geht es methodisch doch bereits um forderung AN die Politk, also um einen versöhnungsversuch mit dem Staat. Da habt ihr dann auch eure übersehene einheitsfront aus atomkraftgegnern, antikapitalisten, studierenden, fdplern und wer noch alles versucht den ganzen kokoloris für sich zu vereinnahmen. Bezeichnend ist doch der Satz "dem großen Echo aus Politik und Medien zum Trotz", die Studierende folgen nicht einmal der Journalistenklasse. Wie schade... und wem sollen sie jetzt folgen?
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