War es in Ordnung, dass Johannes B. Kerner Eva Herman eingeladen hat? Was sagt das über den vielleicht heuchlerischen Umgang der Medien mit dem vermeintlichen Tabu des "NS-Vergleichs". Und: Sind "Aussprache-Verbote" sinnvoll? Im stern.de-Interview analysiert der Erinnerungsforscher Harald Welzer den jüngsten Herman-Aufruhr.

Der Moderator und die Ex-Moderatorin kurz vor dem Eklat: Johannes B. Kerner (l.) und Eva Herman (r.)© Wolfgang Lehmann/ZDF/DDP
Wenn es um eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ginge, müsste man sich fragen, warum Frau Hermann herumgereicht wird, obwohl die Medien ihre Äußerungen unqualifiziert finden. Wenn ein Kardinal oder ein Ministerpräsident solche Äußerungen macht, dann ist das etwas ganz anderes. Wenn Vertreter von Institutionen falsche Theorien verbreiten oder im Nazi-Jargon sprechen, muss das sofort öffentlich thematisiert werden. Bei Personen, die nur für sich selbst sprechen und ihr Unwissen mitteilen, ist die Diskussion an sich schon unangebracht. Sie haben ein so großes Forum überhaupt nicht verdient.
Ich frage mich: Wer ist Eva Herman, warum muss ich sie einladen? Seit sie vom NDR entlassen worden ist, ist sie ja nur noch Privatperson. Aber hier wirkt eben ein simpler Mechanismus fort: Aufmerksamkeit kriegen Sie immer, wenn Sie die Nazi-Karte spielen. Das ist ja für sich schon einmal völliger Blödsinn. Aber dieser Mechanismus funktioniert, um die Öffentlichkeit zu bewegen.
Die Reaktionen sind meist rituell und bringen selten etwas Neues. Äußerungen wie die von Eva Herman ziehen sofort kritische Statements und Richtigstellungen nach sich. Das finde ich vernünftig, weil gewisse Dinge historisch als Unsinn identifizierbar sind. Aber das läuft natürlich immer auf ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion hinaus.
Man muss jeden dieser Fälle einzeln anschauen. Was Däubler-Gmelin gesagt hat, war historisch und tagespolitisch einfach falsch, Hitler brauchte keinen Krieg, um jubelnde Anhänger zu haben, die hatte er auch so. Wenn Herr Oettinger jemanden zum Widerstandskämpfer deklariert, der es nicht war, steckt wahrscheinlich keine historische Ahnungslosigkeit dahinter. Hier geht es vielleicht eher darum, die "Sagbarkeitsgrenzen" auszudehnen. Wenn Kardinal Meisner von "entarteter Kunst" spricht, gebraucht er Nazi-Begrifflichkeiten. Solch eine Wortwahl ist für öffentliche Personen völlig unangebracht.
Das glaube ich nicht. Denn nicht ohne Grund springt dann der Reaktionsapparat an, und der Sprecher wird sofort in seine Grenzen gewiesen. Personen des öffentlichen Lebens können weiterhin keinen Blödsinn in Bezug auf die NS-Zeit aussprechen, ohne einen auf den Deckel zu bekommen. Hier funktioniert die demokratische Kontrolle ganz gut. Ich bin aber gar nicht der Meinung, dass wir den Begriff "Tabu" in diesem Zusammenhang benutzen sollten. Denn der Nationalsozialismus ist vollständig aufgeklärt, die Geschichte ist transparent. Insofern gibt es kein "Tabu". Die Fragen sind nur: Wer hat es nicht kapiert? Und: Wer spielt mit dem provokativen Gehalt?
Ein gewisser historischer Kenntnisstand sollte sich doch herumgesprochen haben. Jeder 13-jährige Schüler weiß in groben Zügen, was passiert ist und was das Verwerfliche war. Wenn sich prominente Personen selbst ernst nehmen wollen, warum argumentieren die dann jenseits des Standes, den der 13-jährige Schüler hat? Man kann von einem Ministerpräsidenten oder einem Kardinal minimal dieses historische Bewusstsein erwarten, und die öffentliche Empörung hat gar nichts mit Aussprache-Verboten zu tun.
Nein, nicht diese Reaktionen, sondern schon die Einladung von Frau Herman war das Problem. Dass die anderen Gäste ihren Widerspruch unbeholfen zum Ausdruck bringen, und dass Herr Kerner seine politische Korrektheit mit dem Studio-Verweis demonstriert, das alles ist nur Folge dieser Fehlentscheidung.
Das ist derselbe Grund wie der, aus dem Eva Herman sich so äußert: Leute schauen zu, die Bild-Zeitung und die anderen Medien steigen ein - und wer Frau Herman in die Sendung einlädt, erhöht wahrscheinlich auch seine Quote.
Man muss unterscheiden zwischen Wissen über die NS-Zeit und öffentlicher Skandalisierung. Es gibt kein besseres Mittel, um Skandälchen zu produzieren, als solche Äußerungen. Aber Talkshows haben zum Glück keine Auswirkungen auf das Fundament unserer Demokratie und das Geschichtsbewusstsein.
Nein, es wird uns wohl noch lange erhalten bleiben. Das größte Menschheitsverbrechen der Geschichte hinterlässt so tiefe Spuren, dass das nicht einfach vorbei ist. Das kann man nicht bewältigen, das ist nachhaltig. Als Sozialpsychologe finde ich es interessant zu sehen, welche Wirkung heute noch immer von diesem historischen Ereignis ausgeht.
Da ist die Show natürlich Schall und Rauch. Schon in drei Wochen wird keiner mehr wissen, was da passiert ist. Die heutige Empörung ist nichts, was sich in unserer Erinnerung einbrennen wird.
Das würde ich niemals machen. Das ist das Hinterletzte. Es gibt eben den historischen Erkenntnisstand, hinter den man nicht zurückfallen sollte. Tut man es doch, dann ist das künstliche Dummheit und man stellt sich selbst bloß. Warum sollte man das freiwillig tun?
Zur Person Harald Welzer ist Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke und leitet das "Center for Interdisciplinary Memory Research" im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Als Forscher setzt er sich mit Erinnerung und Gedächtnis, Tradierung und politischer Psychologie auseinander.