SPD-Chef Kurt Beck sackt in den Umfragewerten ab, Außenminister Frank-Walter Steinmeier wird als möglicher Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten gehandelt. Doch wer ist der zurückhaltende Diplomat eigentlich? Seine Eltern, seine Grundschule, sein Fußballverein - eine Spurensuche in Steinmeiers Heimatdorf Brakelsiek. Von André Groenewoud

Sportlich: Frank-Walter Steinmeier in Red Sox-Jacke als Zuschauer bei einem Baseballspiel in Boston/Massachussetts© Arno Burgi/DPA
Ein rostbraunes Eingangstor versperrt den Weg zum Fußballplatz. "TuS 08 Brakelsiek" steht in weißen Eisenlettern darauf. Ein Schild mit der Aufschrift "Der Sportplatz ist für den Spiel- und Trainingsbetrieb gesperrt" ist ans Tor angekettet. Das Gelände hat schon bessere Zeiten erlebt. Die 100-Meter-Laufbahn und die Weitsprunganlage sehen ungepflegt aus. Auf dem Feld vor dem Basketballkorb zeugen verkohlte Baumstämme von einem Lagerfeuer. Der Fußballplatz ist verwaist und übersät mit Blümchen. Einige Spuren von Grätschen belegen den Kampf der Kreisliga-A-Mannschaft gegen Detmold oder Sabbenhausen. Im angrenzenden Verkaufsraum hängt die Preisliste: Das Pils kostet 1,20, die Bratwurst 1,50 Euro. Die Champions League ist hier im Kreis Lippe so weit entfernt wie Kurt Beck von der Kanzlerschaft.
Brakelsiek hat 1000 Einwohner, liegt zwischen Detmold und Höxter in Nordrhein-Westfalen. Die Bäckerei musste vor ein paar Jahren schließen. Eine Ampel, eine Tankstelle und den Fußballplatz - mehr hat Brakelsiek nicht zu bieten. Doch das Dorf hat einen berühmten Sohn: Frank-Walter Steinmeier.
Der Außenminister, geboren 1956, ist in Brakelsiek aufgewachsen und hat hier die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht. Seine Eltern - der Vater Tischler, die Mutter Hausfrau - und sein Bruder Dirk wohnen noch immer im Dorf. Frank-Walter spielte erst in der Jugend-, später in der Herrenmannschaft in der Kreisliga. Noch heute ist der stellvertretende SPD-Vorsitzende Mitglied des TuS 08. Die Gegend scheint ein gutes Pflaster für Politiker zu sein. 40 Kilometer weiter beim TuS Talle schoss Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Steinmeiers wichtigster Förderer, als Mittelstürmer Tore.
Als "graue Eminenz" oder "Mein Mach-mal", wie Schröder ihn in Berlin zu nennen pflegte, tituliert ihn niemand im Dorf. Hier rufen sie ihn entweder "Frank" oder sie nennen ihn "Prickel", das ist sein damaliger Spitzname. Im Infopool, einer biografischen Datenbank, wird unter der Rubrik "Sport" Fußball als sein Hobby genannt. In Brakelsiek widerspricht dem niemand.
Rainer Schriegel sitzt im Wintergarten seines Hauses in Schieder, dem Nachbarort von Brakelsiek. Er spielte zusammen mit "dem Frank" zwei Jahre in der Herrenmannschaft. Da war Steinmeier schon bei der Bundeswehr und kam an den Wochenenden nach Hause. "Er war sehr ehrgeizig auf dem Platz, konnte nicht verlieren. Er wusste als Junge schon, was er wollte", sagt er und kommt ins Erzählen: "Der Frank hat im defensiven Mittelfeld gespielt. Er war nicht der große Techniker, aber ein super Kämpfer. Hier in der Gegend würde man sagen: Der Frank hat ne grade Furche gepflügt. Und das ist alles andere als negativ gemeint. Er war immer loyal."
Der Geschäftsführer des TuS 08 Brakelsiek steht auf, geht ins Haus und kommt mit einem Mannschaftsfoto aus dem Jahr 1971/1972 zurück. Ein leicht vergilbtes Bild. Der Trainer im roten Adidas-Trainingsanzug, die meisten Spieler mit Haaren bis zur Schulter. Frank-Walter Steinmeier hockt als Dritter von rechts und schaut sehr selbstbewusst in die Kamera. "Er wusste sich immer durchzusetzen", sagt Rainer Schriegel. Schon steckt er das Bild zurück in die Klarsichtfolie. "Schreiben Sie bloß nichts Schlechtes", sagt er und schiebt die Erklärung gleich hinterher: "Wir feiern vom 16. bis 24. August unser 100-jähriges Jubiläum. Ich bin Mitorganisator. Der Frank hat bereits zugesagt." Wenn nicht eine internationale Krise dazwischenkommt und "der Frank" in Berlin oder anderswo unabkömmlich ist.
Schriegel hat einen Plan: Die Jugendmannschaft von 1971/1972 läuft komplett wieder auf dem Sportplatz auf. "Na ja", sagt Rainer Schriegel, "ich wäre froh, wenn der Frank auch nur einmal das Trikot überstreift." Wäre doch ein schönes Foto für die Lokalzeitung.
Auf dem Bolzplatz fühlte sich der junge Steinmeier wohl. Und in der Schule? Direkt neben dem Sportplatz in Brakelsiek steht die Friedrich-Wienke-Schule. Bis 1970 beherbergte sie die Volksschule, dann wurde sie aufgelöst. Heute werden die Räume als Bücherei und Übungsraum des Spielmannszugs genutzt. Frank-Walter Steinmeier absolvierte hier, von 1962 bis 1966, die Klassen eins bis vier. Zwei Kilometer entfernt öffnet ein freundlicher Herr die Tür und bittet ins Wohnzimmer. Helmut Kullmann ist 71 und pensionierter Lehrer. Er war im dritten und vierten Schuljahr der Klassenlehrer von Frank-Walter Steinmeier. "Ich habe Frank in allen Fächern unterrichtet", sagt er nüchtern und ohne große Emotion, "in Deutsch, Mathe, Sachkunde und Religion. Er war sehr nett und ausgleichend innerhalb der Klassengemeinschaft. Immer präsent, zuvorkommend, ein guter Schüler; man merkte, dass er aus einem guten Elternhaus kam".