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26. November 2009, 12:01 Uhr

"Entweder unehrlich oder unfähig"

Ein Bericht über zurückgehaltene Informationen über den Luftangriff in Afghanistan hat Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan den Job gekostet. Nun knöpft sich die Opposition Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung vor.

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Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan (l.) musste bereits seinen Hut nehmen, nun gerät Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung unter Druck© Tim Brakemeier/DPA

Der von einem deutschen Oberst befohlene Luftangriff in Afghanistan mit Dutzenden Toten hat ein schweres politisches Nachbeben ausgelöst. Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Verteidigungs-Staatssekretär Peter Wichert mussten am Donnerstag ihre Ämter aufgeben. Zudem ist der ehemalige Verteidigungs- und jetzige Arbeitsminister Franz Josef Jung (CDU) erheblich unter Druck geraten. Die Opposition im Bundestag droht mit einem Untersuchungsausschuss, die hessische Linke hat sogar Strafanzeige erstattet.

Am Donnerstagvormittag hatte die "Bild-Zeitung" berichtet, das Verteidigungsministerium habe offenbar Informationen zum Luftangriff vom 4. September auf zwei entführte Tanklaster in Afghanistan nicht an die Öffentlichkeit und die ermittelnde Staatsanwaltschaft weitergegeben. Jung hätte viel früher über mögliche zivile Opfer informiert sein müssen als bisher bekannt, schrieb das Blatt.

Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erklärte wenige Stunden nach Veröffentlichung des Zeitungsartikels im Bundestag, der von der "Bild" zitierte Bericht sei seinem Vorgänger überhaupt nicht und ihm selbst erst am Mittwoch vorgelegt worden. Ebenso seien weitere Berichte und Meldungen in der letzten Legislaturperiode nicht nach oben durchgereicht worden. Der 63-jährige Schneiderhan und der 64-jährige Wichert hätten die Verantwortung für die Pannen übernommen. Guttenberg erklärte: "Die personellen Konsequenzen sind erfolgt."

Opposition will Untersuchungsausschuss einsetzen

Auch Jung wies zurück, Informationen über zivile Opfer bei dem Luftangriff zurückgehalten zu haben. Er erklärte, dass er "von Anfang an und auch beispielsweise am 6. September klar gesagt habe, dass wir zivile Opfer nicht ausschließen können". Darüber hinaus kündigte Jung an, im Laufe des Tages zu den Vorgängen im Bundestag Stellung zu nehmen. Er wolle aber erst die Unterlagen prüfen.

Oppositionsabgeordnete legen Jung den Rücktritt nahe und verlangen einen Untersuchungsausschuss. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sagte, seine Fraktion fordere die unverzügliche Einsetzung eines solchen Gremiums: "Offenbar sind Informationen, die im Verteidigungsministerium vorlagen, der Öffentlichkeit und dem Parlament systematisch vorenthalten worden." Auch die Grünen bestehen auf einem Untersuchungsausschuss. Zusammen verfügen beide Parteien über die notwendige Zahl von mindestens einem Viertel der Bundestagsabgeordneten, um dessen Einsetzung zu erzwingen.

Für die Grünen erklärte ihre Vorsitzende Claudia Roth ferner, wenn Jung die Informationen nicht bekannt gewesen seien, "dann wäre das ein vollständiges Führungsversagen. Wenn ihm diese Informationen dagegen bekannt waren, hätte er das Parlament und die Öffentlichkeit schlicht belogen." In beiden Fällen sei er als Minister nicht mehr tragbar.

Kauder stärkt Jung den Rücken

Paul Schäfer von der Linksfraktion erklärte, wenn sich die Vorwürfe bestätigten, müsse Jung ebenfalls zurücktreten. "Ein solcher Minister ist entweder unehrlich oder unfähig." Die Linken im hessischen Landtag haben Jung sogar wegen Strafvereitelung im Amt angezeigt. Wegen des Wohnsitzes von Jung im Rheingau ist zunächst die Staatsanwaltschaft Wiesbaden für eine solche Anzeige zuständig.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) nahm Jung hingegen in Schutz. "Ich gehe davon aus, dass er es nicht gewusst hat. Franz Josef Jung ist ein außerordentlich gewissenhafter Mensch. Er hätte nie und nimmer behauptet, es gebe keine zivilen Opfer, wenn er eine andere Information gehabt hätte."

Detaillierter Bericht ans Einsatzführungskommando

Der Luftschlag in Afghanistan war von dem Bundeswehr-Oberst Georg Klein befohlen worden. Laut Nato kamen bei dem Angriff bis zu 142 Menschen ums Leben - darunter auch Zivilisten. Der "Bild"-Zeitung zufolge dokumentiert eine Untersuchung der Bundeswehr-Feldjäger detailliert, zu welchem Zeitpunkt Informationen über zivile Opfer vom deutschen Regionalkommando in Masar-i-Scharif ans Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam übermittelt wurden. Dieser Bericht war nach Informationen der Zeitung aber nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden.

Bereits am Abend des 4. September gab es laut "Bild" Hinweise darauf, dass auch Kinder bei dem Angriff verletzt worden waren. So habe ein deutscher Oberst-Arzt im Regionalkommando in seinem Bericht, der ebenfalls nach Potsdam übersandt wurde, erst von einem Kind, später von zwei Jungen geschrieben, die verletzt worden seien. Verteidigungsminister Jung habe aber noch zwei Tage später behauptet, es seien ausschließlich terroristische Taliban getroffen worden.

AFP/AP/DPA/Reuters
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
raptor-xl (26.11.2009, 17:08 Uhr)
@knilch59
...wir haben die politiker, die wir verdient haben. der bürger gab seine selbständigkeit auf und forderte ein vollkaskoversorgung. die hat er bekommen, gebaut auf irren schulden, aber gleichzeitig haben die politker sich ebenfalls eine vollkaskomentalität erschaffen. amtsgarantie...

querdenker, idealisten, reformer und vor allem wahrheitsgetreue sind selten geworden und haben innerparteilich ja selbst kaum chancen auf einen aufstieg.

und alle aktiven politiker wissen doch heute schon, dass sie bei einer abwahl, federweich in einen posten bei den stadtwerken, behörden, stiftungen oder gar im aufsichtsrat irgendwelcher konzerne landen...

aber machen wir den politikern keinen vorwurf. fast jeder einzelne strebt diesem ideal persönlich ja auch nach. nicht leistung wird geboten, sondern immer erst gefragt: was kriege ich dafür?!
knilch_59 (26.11.2009, 15:17 Uhr)
Wieso entweder, oder ... UND!
Unehrlich UND unfähig scheint zur Kernqualifikation der Kabinettsmitglieder zu gehören, anders lässt sich die Besetzung, insbesondere die Postenrochade der anlässlich der Wahlen, nicht erklären. Von daher besteht natürlich keinerlei Notwendigkeit daran, etwas zu ändern.
.
Schande gehört allenfalls über die, die öffentliche Geheimnisse ausplaudern und glauben, darauf Rücktrittsforderungen stützen zu können. Wir brauchen keine anderen Politiker, wir brauchen eine andere Politik. Die Nulpen aus der Opposition sind nämlich keinen Deut besser, verfügen sie doch über genau das gleiche Kompetenzprofil.
.
Vernunft und Glaubwürdigkeit, also menschlicher Anstand, sind leider Elemente, die allen gleichermaßen fehlen. Die Frage, warum Menschen, die darüber verfügen, in der Politik nicht mehr zu finden sind, ist das drängendste Problem unseres heutigen demokratischen Zusammenlebens.
Geziefer (26.11.2009, 14:22 Uhr)
Frage?
Wenn Jung gehen muss, kommt dann Koch nach Berlin?
Administrator (26.11.2009, 14:15 Uhr)
@undueberhaupt
Ihren Ärgern können Sie gern ausdrücken - aber bitte etwas sachlicher. :-)
Hajo (26.11.2009, 13:58 Uhr)
Minister Jung
Eigentlich war das vorauszusehen denn die verschiedenen Pressegremien haben ausführlich darüber berichtet.Das Herr Jung alles bestreitet ist doch klar,denn wer möchte schon gerne auf so ein schönes Pöstchen verzichten.Mir stellt sich immer wieder die Frage wie man die Unehrlichkeit und Lügerei dem Volk gegenüber abstellen kann.Wann begreifen unsere Politiker endlich das wir nicht mehr im Mittelalter leben und sie es mit gebildeten und einigermaßen gut unterrichteten Menschen zu tun haben.Also Herr Jung zeigen Sie wenigstens hier etwas Anstand und nehmen Sie ihren Hut.
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