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14. September 2008, 11:18 Uhr

Geschichtsstunde in Sinzig

Ausgerechnet im "Beck-Land" versucht die SPD den Neustart. Der neue, alte Vorsitzende Franz Müntefering ist zum 100-jährigen Jubiläum des Ortsvereins Sinzig geladen - ebenso Andrea Nahles, seine parteiinterne Widersacherin. Beobachtungen eines teilweise ins Surreale abgleitenden Abends in der Provinz. Von Frank Gerstenberg

"Meine Stimme hast du": Andrea Nahles und Franz Müntefering demonstrieren in Sinzig den Schulterschluss© Thomas Frey/DPA

Als Matthias Röcke vor zwei Wochen den Namen "Franz Müntefering, Bundesminister a.D." auf der Einladungskarte zum 100-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins Sinzig las, war er überrascht: Warum Münte? Und dann auch noch zusammen mit Andrea Nahles, der Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Mayen-Koblenz, wegen der Müntefering vor drei Jahren als SPD-Vorsitzender das Handtuch geworfen hatte. Viel Prominenz und politische Brisanz für den Festakt des kleinen, 80 Mitglieder zählenden rheinland-pfälzischen Ortsvereins. Für den 58-jährigen Motorjournalisten Matthias Röcke und seine Frau Ursula (55) war klar: "Den Müntefering hören wir uns mal an." Im Nachhinein stellte sich die Einladung des Sauerländers als Coup heraus. Ziemlich genau zwei Wochen nach der Rückkehr auf die politische Bühne bei einer Wahlveranstaltung in München und fünf Tage nach dem "Chaos-Sonntag" am Schwielowsee sitzt da plötzlich nicht mehr der 68-jährige Polit-Pensionär Franz Müntefering im Pfarrsaal der katholischen Kirche St. Peter, sondern die neue Zukunfts-Hoffnung der SPD - begleitet vom politischen Aphrodisiakum Blitzlichtgewitter.

Ursula Röcke hofft, Franz Müntefering "als Mensch zu erleben". Sie wünscht sich aber auch, dass er "die Themen der vergangenen Woche anspricht" und sagt, "was mit Beck ist", den Rücktritt "erklärt". Ihr Mann Matthias will wissen, wie die SPD jetzt, nach Beck, zur Linkspartei steht. Agnes Menacher, Leiterin des Museums in Sinzig und Mitglied des SPD-Ortsvereins Remagen, hofft inständig, dass Müntefering die Flügel der Partei wieder "hinter sich vereinen" kann.

Neustart ausgerechnet im "Beck-Land"

Hoffnung, Orientierung, Verlässlichkeit, klare Kante. Alles das, was Kurt Beck, der beliebte Ministerpräsident, in Berlin nicht zu leisten vermochte: "Er war zu wankelmütig", sagt Matthias Röcke. "Er hat Fehler gemacht, vor allem beim Umgang mit den Linken", sagt Agnes Menacker. Nun also der Neustart, und das ausgerechnet im "Beck-Land" Rheinland-Pfalz, in der Barbarossa-Stadt Sinzig, der einstigen Kaiserpfalz. "Da hat jemand ein feines Näschen für politische Dramaturgie gehabt", sagt SPD-Sympathisant Matthias Röcke. Vermutlich war es Ingo Terschanski, der SPD-Ortsvereinsvorsitzende von Sinzig, der mit seiner Eröffnungsrede über die bewegte Geschichte der Sinziger SPD einen weiten Bogen vom Urknall über die Mittelalter-Historie bis hin zum ersten Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft am 5. April 1908 und schließlich zur Gründung des SPD-Ortsvereins am 12. September 1908 zog und damit kurzzeitig Stephen Hawkings "Kurze Geschichte der Zeit" Konkurrenz zu machen drohte.

Vor dieser "Rede" muss Franz Müntefering noch eine Gesangsdarbietung des Tenor- und Schifferklavier-Duos Wolfgang Haberneck und Roland Glöckner über sich ergehen lassen, in der die Sinziger Barden unter anderem schmettern: "Da ist er vom Traum erwacht. Und er ging und hat dabei gelacht. Ein Spielmann muss wandern, verfolgt vom Glück, wie schnell zieht es vorbei." Kann eine Basis so böse sein? Versteckte Drohung oder Rache für den mutmaßlich gemeuchelten Landesvater Kurt Beck, der am Tag darauf später in Mainz über das "Wolfsrudel" in Berlin herziehen sollte? Den Sinzigern ist ihrem Kurt Beck zuliebe und angesichts dieser Choreographie alles zuzutrauen.

Franz Müntefering ficht dies ebenso wenig an wie das zur Schau gestellte Grinsen einer leicht derangierten Andrea Nahles, die hinter jedem Stehtisch journalistische Heckenschützen vermutet, "die nur hier sind, weil sie wissen wollen, ob Franz und ich genügend miteinander lächeln". Müntefering sieht sich weder als glückloser Spielmann noch als "Übergangsvorsitzenden". Er will "Hoffnung geben" und "Potentiale wecken", sagt der designierte Vorsitzende dem Stern.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Höflicher Applaus, aber keine Begeisterung

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