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16. Mai 2007, 10:48 Uhr

Harte Gangart gegen G8-Gegner

Der G8-Gipfel rückt näher. Und das große Räuber- und Gendarmspiel wurde mit einer spektakulären Großrazzia eröffnet. Wie im Fall der Roten Flora in Hamburg aber konnten die Razzien nirgendwo mit handfesten Beweisen gerechtfertigt werden. Von Wolfgang Metzner und Kuno Kruse

Zoom

Die Rote Flora in Hamburg wurde von Polizisten mit schwerem Gerät gestürmt© Sven Stillich

Der Startschuss für die verschärfte Gangart fiel vergangene Woche, als 900 Polizisten teilweise mit schusssicheren Weste, Helmen und Vermummung, Rammböcken und Flex zu einer mediengerechten Razzia ausrückten. Das schwerste Geschütz, das aufgefahren wurde, war die Begründung für den Durchsuchungsbeschluss von 40 Wohnungen und Treffpunkten von G8-Gegnern: Bildung einer terroristischen Vereinigung nach Paragraph 129a. Ein größeres Kaliber hat das Strafgesetzbuch nicht zu bieten.

Der Vorwurf aber scheint sich nicht aufrechterhalten zu lassen. Und er deckt sich nicht dem Ermittlungsstand der Hamburg Kriminalpolizei. Die zumeist jungen G8-Gegner wurden erkennungsdienstlich behandelt, DNA-Proben wurden genommen, bei manchen auch Geruchsproben. Festgenommen wurde bei der Razzia niemand. Dafür hätte ein dringender Tatverdacht gegen sie vorliegen müssen. Der lag nicht vor. Für die Durchsuchung reicht ein so genannter Anfangsverdacht.

Durchsuchungen sollten Strukturen aufdecken

Diese Durchsuchungen hätten auch gar nicht der Verhinderung geplanter Anschläge gedient, erklärt ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. "Dafür gab es keine Anhaltspunkte." Sie sollten "Aufschluss über die Strukturen und personellen Zusammensetzung" der Anti-G8-Gruppierungen geben.

Die Vorwürfe im Durchsuchungsbeschluss aber lesen sich anders: Seit Juli 2005 waren im Raum Hamburg nachts parkende Autos von fünf Managern, einem Politiker und einem Wirtschaftswissenschaftler angezündet worden. Die Schlussfolgerung: "Die Häufung der Anschläge im Hamburger Raum seit 2005 legt nahe, dass die militante Kampagne gegen den G8-Gipfel dort einen Schwerpunkt ihrer Aktivitäten hat."

Ermittler fehlen Beweise

Die Verdächtigten sollen, wenn sie schon nicht gezündelt, so doch vielleicht die Bekennerschreiben mitformuliert haben. Aber auch dafür konnten die Ermittler bis jetzt keinerlei Belege vorlegen. Und auch nicht dafür, dass drei alte Recken der AKW-Bewegung junge Militante zu Anschlägen verleitet hätten, wie die Bundesanwaltschaft ohne jeden Beweis unterstellt.

Einer von ihnen, der Berliner Ex-"Taz"-Redakteur und bekannte Kritiker der Gentechnologie in der Landwirtschaft, Hauke Benner, äußert sich bei stern.de. Die anderen angeblichen Mentoren der jungen Autonomem sollen der inzwischen verrentete und in Brandenburg lebende linke Aktivist Armin Meyer, einstmals Dozent der Freien Universität Berlin sowie ein in der Hamburger Szene bekannter, promovierter Bremer Physiker sein.

Alte Gorleben-Recken auch vor Heiligendamm aktiv

"Es ist diese Willkür", sagt der Physiker der es satt hat, jetzt ständig seinen Namen im Zusammenhang mit brennenden Autos lesen zu müssen, "du fühlst dich so ausgeliefert." Die Tür des sanften Mannes mit der Nickelbrille wurde mit dem Rammbock aufgebrochen. "Es ist so entwürdigend. Ich dachte nur: Was macht man mit mir."

Der Hintergrund: Die seit Jahrzehnten nicht nur der Polizei, sondern auch den Gruppen von Atomkraftgegnern bekannten linken Akademiker, waren auch immer wieder gegen die Castor-Transporte nach Gorleben aktiv. Als vor Jahren auf der Bahnstrecke ins Wendland so genannte "Krähenfüße" auf die Oberleitungen geworfen worden waren, gerieten die AKW-Gegner ins Fadenkreuz der Staatsanwaltschaft. Sieben Jahre lang wurde ermittelt. Ohne irgendein Ergebnis. Die Verfahren wurden eingestellt. Geblieben sind nur acht Leitz-Ordner abgehefteter Verdächtigungen.

Polizisten lasen aus Tagebüchern vor

Fast alle, gegen die ein Hausdurchsuchungsbefehl erwirkt wurde, haben das gleiche Stigma: Sie waren schon einmal irgendwo, irgendwann verdächtigt worden. Zwei jungen Männern aus Hamburg zum Beispiel wurde vorgeworfen, sie hätten Farbbeutel auf ein Mövenpick-Gebäude geworfen, als vor zwei Jahren gegen den Bau eines Luxushotels in einem Wasserturm im Szene-Viertel demonstriert wurde. "Das steht dann groß in der Zeitung", sagt einer der jungen Beschuldigten, "aber dass die Ermittlungen eingestellt wurden, findet sich später nirgendwo."

Die jungen G8-Gegner aus Hamburg kennen seitdem die Kränkungen, wenn Polizisten in die Wohnung stürmen, höhnisch lachend die Briefe von Freunden vorlesen oder Gedanken, die junge Menschen nur ihrem Tagebuch anvertrauen. Die Polizei stand damals auch in der Wohnung ihrer Eltern in gutbürgerlichen Hamburger Vierteln. Den Vater des einen erinnerte das an ein Kindheitserlebnis. "Das letzte Mal", sagte er den Polizisten, "war es die Gestapo, die bei uns so eingetreten ist."

Brandanschläge konnten nie zugeordnet werden

Den anderen hatten jetzt vier Beamte in kugelsicheren Westen aus der Behindertenwerkstatt abführt, in der er ein soziales Jahr absolviert. "Das war mir sehr unangenehm." Die Polizisten hatten Kollegen und Behinderte ausgefragt: Ob er eine Freundin habe, ob er sich politisch geäußert habe, ob er in der Werkstatt Metallrohre bearbeitet habe.

Tatsächlich haben die Hamburger Sicherheitsbehörden die Brandattacken niemals konkreten Tätern zuordnen können. "Wir haben nie eindeutige Hinweise auf einzelne Personen gehabt", sagt ein Ermittler, "wir haben eher angenommen, dass das zwei oder drei Gruppen sind." Dabei wirkten die Bekennerschreiben mal platt, mal hochintellektuell. Bezeichnend auch für die Fahnder, dass bei einem Anschlag der Wagen von den radikalen Zündlern extra aus dem Carport gezogen wurde, damit keine Flammen auf das Haus überschlagen konnten. "Die haben nie Menschen angegriffen. Schön flackern ja, aber nur Sachschäden. Die haben sich selbst klare Grenzen gesetzt."

100 neue Attac-Mitglieder in zwei Tagen

Hamburger Ermittler schütteln die Köpfe über den Schlag der Karlsruher Bundesanwaltschaft, reden von "ungedeckten Wechseln" und "erheblichen Zweifeln, dass das Ergebnis diese Aktion rechtfertigen kann". Bei den G8-Gegnern macht sich nun fast Dankbarkeit breit. "So sehr hätten wir selbst nie mobilisieren können", sagt Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt.

Auch Sven Giegold von der Bewegung "Attac" stellt fest: "In zwei Tagen haben wir 100 neue Mitglieder gewonnen - soviel wie sonst in einem Monat." Die "Attac"-Leute sind wegen ihres gewaltfreien Kurses bei Vorbereitungstreffen von antifaschistischen Gruppen schon heftig angegriffen worden, und jetzt vergeht kaum noch ein Tag, an dem der Staat nicht noch Öl ins Feuer gießt.

Bundesinnenminister droht mit vorbeugenden Maßnahmen

Nicht nur 16.000 hochgerüstete Polizisten sollen rund um Heiligendamm eingesetzt werden, sondern auch 1100 Bundeswehrsoldaten, die sich "in Amtshilfe" um Transporte und medizinische Versorgung kümmern. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) droht G8-Gegnern mit orbeugenden "Unterbindungsgewahrsam", der nach Landespolizeigesetzen für so genannte Störer möglich ist. Schon Flugblätter mit dem Aufruf zu Blockaden könnten dafür reichen, dass Hunderte von Demonstranten in "Gefangenensammelstellen" abtransportiert werden: geräumte Gefängnisse, zweckentfremdete Sporthallen oder mobile Gitterkäfige, die im Wald stehen.

Satt des vor Monaten angemeldeten Sternmarsches nach Heiligendamm gibt es nun ein vollständiges Versammlungsverbot. Das Hauptquartier der Polizei verweigert nach Angaben eines Notdienstes von über 100 Rechtsanwälten bisher auch jede Zusammenarbeit mit Strafverteidigern, die sich um Demonstranten am Ort kümmern wollen. Falls die überhaupt dorthin kommen: Es müsse billigend "in Kauf genommen" werden, so ein Polizeisprecher, dass es durch Kontrollen auf Autobahnen zu Staus komme und man gar nicht erst zu den Kundgebungen gelangt. Die Bahn wird keine Sonderzüge nach Rostock einsetzen, Busunternehmen, von der Polizei gewarnt, sagen ab.

Von Wolfgang Metzner und Kuno Kruse
KOMMENTARE (10 von 25)
 
Helsing (16.05.2007, 14:18 Uhr)
Hut ab! Schäuble hat aus der Geschichte gelernt!
Das ganze hat System und er ist auf Grund seine Funktion der Vorbeter!
Obwohl ich schon glaube, dass er sich in dieser Position sehr wohlfühlt! Jedenfalls kommt er sehr glaubhaft rüber!
Ich glaube nicht an den Terrorismuswahn!
Da werden Anschläge auf Flugzeuge geplant und ''vereitelt''!
Da werden Kofferbomber identifiziert, deren Bomben nicht explodieren!
Für mich Vorwände für den blühenden Totalitarismus und Überwachungsstaat.
Da fällt mir der Refrain des Liedes,
''Resolution der Kommunarden'' ein:
''In Erwägung unserer Schwäche machtet,
Ihr Gesetze, die uns knechten soll´n.
Die Gesetze sein indessen nicht geachtet,
in Erwägung, dass wir nicht mehr Knecht sein woll´n.''
Das war die Zeit der Kommunarden. Lange her!
Heute ist die Nichtachtung von-, bzw. das Auflehnen gegen Gesetze, wie absurd sie auch sind, nicht zu befürchten.
Das Volk ist damit beschäftigt herauszubekommen, wann Liesa Plenske ihre Zahnspange nicht mehr benötigt oder wer, bei Oliver Geissen, wem ein Kind untergeschoben hat.
Für die Wenigen, die sich noch die Frage stellen: ''Wem nützt das?'', haben wir ja die Kameras und den Schäublekatalog.
Eigentlich ging es Heinrich Heine 1843 in seinen Nachtgedanken ja um etwas ganz anderes.
Irgendwie trifft es aber gerade heute meine Stimmung:
''Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.
Ich kann die Augen nicht mehr schließen
und meine heißen Tränen fließen.''
IndianerJoe (16.05.2007, 14:05 Uhr)
Ein absolutes Tabu
@ulfmann:
Richtig!
Manchmal habe ich das Gefühl, dass die da drinnen weiter lustig Versaille feiern, während draußen alles den Bach runter geht... Manchmal glaube ich, dass die Durchsuchungen nach dem Terrorismusparagrafen vor allem dazu dienen, das Volk daran zu gewöhnen... Was mir aber bleibende Bauchschmerzen bereitet sind die Massengefängnisse und die Wiedereinführung der Schutzhaft für politisch Mißliebige - mein Unbehagen diesbezüglich will einfach nicht weichen: ich habe das Gefühl, dass gerade die, die vorgeben, die Bundesrepublik zu schützen, ihr damit größten, nicht wieder gutzumachenden Schaden zufügen.
RBrunnerHH (16.05.2007, 12:58 Uhr)
Resignation? Nein!
@hevosenkuva
Ich bin keineswegs resigniert. Das Geld die Welt regiert ist zunächst mal eine simple Feststellung - eine wertfreie Feststellung. Ob man sich damit arrangieren kann bleibt jedem selbst überlassen, es lebt sich auf jeden Fall bequemer, sollte dies gelingen. Es ist aber durchaus möglich, die Mechanismen dieser Philosophie dahingehend zu manipulieren (eine weitesgehend abgestimmte Vorgehensweise vorausgesetzt), um die ein oder andere Korrektur vorzunehmen. Für diejenigen, die bereits jetzt zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen ist der Zug leider - so fürchte ich - eh abgefahren. Denen wird voraussichtlich weder auf die eine, noch auf die andere Art zu helfen sein.
hevosenkuva (16.05.2007, 12:29 Uhr)
Resignation?
@RBrunnerHH: es gibt nichts schlimmeres als Resignation oder innere Aufgabe. dann verliert der Mensch seine Würde und gibt seine Bürgerrechte auf.
die Begründung der Aktionen mit dem "Verdacht der Bildung einer terroristischen Vereinigung" in Verbindung mit völlig haltlosen Verdächtigungen, fehlenden Beweisen und der späteren offiziellen Begründung der Bundesanwaltschaft ist skandalös. 'Diese Durchsuchungen hätten auch gar nicht der Verhinderung geplanter Anschläge gedient, erklärt ein Sprecher der Bundesanwaltschaft. "Dafür gab es keine Anhaltspunkte." Sie sollten "Aufschluss über die Strukturen und personellen Zusammensetzung" der Anti-G8-Gruppierungen geben.'
ein weiterer Kommentar ist da eigentlich mehr als liquide: überflüssig.
Aquarius_Jedermann (16.05.2007, 11:53 Uhr)
Obrigkeitsstaat
"Josef" Schäubles Obrigkeitsstaat nimmt langsam Formen an, auf in das IV. Reich. Hartz IV wurde ja schon mit einem faschistoiden Entrechtungs- und Unterjochungsgesetz geschaffen, jetzt machen die Totengräber der 2.Republik munter weiter, dazu muss man ja nur die Menschen dämonisieren und als linke Chaoten diffamieren und denunzieren, das hat auch schon bei den Nazis gut funktioniert. Als dann die dümmlichen "Rechtschaffenen" mit allen anderen in den KZ's eigekerkert wurden, war es schon zu spät. Das soll sich jeder ins Stammbuch schreiben, der meint es seien ja nur linke Krawallmacher, deren Rechte man bricht. Wer im III. Reich arisch war, hat ja auch nichts zu befürchten.
NeuerMensch (16.05.2007, 11:44 Uhr)
linke Chaoten
Ganz offensichtlich soll hier gesellschaftlich breiter Protest und Kritik am G8-Gipfel kriminalisiert und eingeschüchtert werden. Globalisierungskritiker = Chaoten heißt die Parole, auf die es die BILD im Prinzip schon reduziert hat. Völlig übersehen wird dabei, daß die extrem linke Szene, aus der heraus in der Vergangenheit auch schon Gewalttaten verübt wurden, dort eigentlich nur am Rande vertreten ist. Zu Kritik und Protest wird auch dieses Jahr in Deutschland hauptsächlich von großen gesellschaftlichen Gruppen aufgerufen. Viele kirchliche Gruppen, Gewerkschaften, Umweltschutzverbände wie Greenpeace etc sowie Prominente Künstler wie Bono Vox, Herbert Grönemeyer und etliche andere unterstützen die Kritik und den friedlichen Protest. Es kann ja wohl nicht angehen, daß aufgrund einer verschwindend geringen Anzahl an Krawallmachern, welche die Polizei in der Vergangenheit zudem recht gut im Griff hatte, ein Protest auch nur in der Nähe der Veranstaltung verboten werden soll.
RBrunnerHH (16.05.2007, 11:25 Uhr)
G8
losgelöst von dieser Diskussion bezüglich rechstaatlicher oder eben nicht rechtstaatlicher Mittel stellt sich mir hier viel mehr die Frage nach dem Sinn dieser Protestbewegung. Es muss jenen doch lediglich um das fadenscheinige Gefühl der vordergründigen Gewissensberuhigung gehen, frei nach dem Motto:" Ich hab wenigstens nicht tatenlos zugesehen" Unabhängig von der Frage ob mein ein Befürworter oder ein Gegner der Globalisierung ist, ist es doch mehr als naiv zu glauben, sie könne sich in irgend einer Form noch aufhalten lassen. Geld regiert die Welt und das wird auch noch sehr, sehr lange so bleiben, ob uns das gefällt oder nicht. Vor dem Hintergrund dieser einzigen Konstante der Menscheitsgeschichte sollte man auch den Ansatzpunkt für Veränderungen sehen.
ulfmann (16.05.2007, 11:22 Uhr)
Auch nicht besser als die Stasi
Wenn der Staat man auch so gegen rechte Umtriebe vorgehen würde, wie im Vorfeld des G8-Gipfels. Die beschriebenen Maßnahmen erinnern mich sehr an das, was das Ministerium für Staatssicherheit zum 40. Jahrestag der DDR geplant hatte. Unsere "Organe" sind auch nicht besser.
GeroFero (16.05.2007, 11:19 Uhr)
Da wird linke Gewalt
gerne verharmlost. Gerne wird da von Meinungsfreiheit und das Recht auf Demonstrationen geredet. Linke Heuchler. Rechts stehenden wollt ihr dieses Recht nicht zugestehen.
insLot (16.05.2007, 11:13 Uhr)
Welch gloreiches Zeugnix für den G8 Gipfel
Angesichts des Treibens im Vorfeld und der bevorstehenden Maßnahmen fragt man sich für wen dieser Gipfel eigentlich statt findet.
Wenn unsere Politiker die Menschen die zu vertreten sie gewählt wurden so fürchten muss man sich fragen ob hier nicht etwas furchtbar schief gelaufen ist. Für wen machen diese Politiker noch Politik? Ist der G8 tatsächlich im öffentlichen Interesse? Wird hier in unser aller Interesse gehandelt? Ich denke NEIN!
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