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13. Oktober 2009, 09:08 Uhr

"Was Sarrazin macht, verletzt Menschen"

Thilo Sarrazins steile Thesen über Integration erregen die Gemüter - helfen in der Praxis aber nichts. Sagt der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet im stern.de-Interview.

Armin Laschet, 48, ... CDU-Vorstand, ist seit 2005 Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfalen. Für den überzeugten Katholiken aus Aachen ist Integration der Königsweg. Er setzt vor allem bei den Muslimen auf Dialog. Sein Credo: "Der Glaube, Integrationspolitik sei überflüssig, war kollektive Realitätsverweigerung." Gerade ist sein Buch "Die Aufsteiger-Republik. Zuwanderung als Chance" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Thilo Sarrazin hat der deutschen Integrationspolitik ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Was halten Sie als Fachminister für Integration davon?

Man kann Defizite benennen und darf sie auch benennen, wenn man sie bekämpfen will. Aber was Thilo Sarrazin macht, enttäuscht Menschen, verletzt Menschen und bringt sie nicht weiter. Herr Sarrazin könnte seine Beschimpfungen genauso gut gegen die deutsche Unterschicht richten. Ich nenne ein Beispiel: Fälle von Kindesmisshandlung und -verwahrlosung finden in der Regel in deutschen Familien und weniger in Zuwandererfamilien statt. Sarrazin stellt nicht der Integrationspolitik ein vernichtendes Zeugnis aus, sondern er liefert Argumente weshalb sie notwendig ist.

Sarrazin kritisiert vor allem, dass viele Zuwanderer sich nicht bilden wollen und sich weigern, Deutsch zu lernen.

In Berlin sind die Bildungschancen von Zugewanderten so schlecht wie nirgendwo in Deutschland. Insofern rechnet Sarrazin hier auch mit seiner eigenen Politik ab, die er jahrelang gemacht hat.

Hauptproblemgruppe sind für Sarrazin Türken und Araber. Viele von ihnen seien "weder integrationswillig noch integrationsfähig".

Es ist unfair, die Probleme an einzelnen Ethnien festzumachen. Wir haben zum Beispiel aus der Türkei jahrelang die bildungsfernen Schichten als Gastarbeiter angeworben. Wie sollen deren Kinder heute die Bildungseliten sein? Dies kann man nicht mit bildungsbeflissenen asiatischen Zuwanderern vergleichen.

Sarrazin schlägt als Lösung vor: Kein Zuzug mehr, außer für Hochqualifizierte. Wer heiraten wolle, müsse dies im Ausland tun.

Die Familienzusammenführung ist grundgesetzlich geschützt, die können wir gar nicht verbieten. Deutschkenntnisse der nachziehenden Ehepartner abzuverlangen war richtig. Im Übrigen löst es kein Problem, eine gesamte Volksgruppe einfach als integrationsunfähig zu definieren. In den Städten von Nordrhein-Westfalen haben 38 Prozent der Kinder zwischen 0 und 6 Jahren eine Zuwanderungsgeschichte. Diese Kinder sind Teil unseres Landes, sie sind hier geboren. Sie sind es, die in 20 Jahren unser Sozialprodukt mit erwirtschaften müssen.

Aber ist es so falsch, zu sagen: "Integration ist eine Leistung dessen, der sich integriert"?

Integration ist eine gemeinsame Leistung. Wem hilft diese These? Die Kinder der Zugewanderten sind da und wir brauchen sie. Wir müssen sie fördern, und dabei handeln wir nicht nur aus karitativen Motiven, sondern das entspricht dem puren Eigennutz der alternden, deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Über ihre höhere Geburtenrate würden türkische Zuwanderer Deutschland erobern, behauptet Sarrazin - so wie im ehemaligen Jugoslawien die Kosovaren das Kosovo...

Die Geschichte des Kosovo ist etwas komplizierter. Dies ist das Denken des Diktators Milosevic, der so seine großserbische Aggressionspolitik begründet hat. Der Kosovo-Konflikt ist nicht durch Geburtenrate entstanden, sondern liegt in der Rede Milosevics auf dem Amselfeld 1989 begründet, mit der er Krieg und Vertreibung über den Balkan brachte, und die Staatlichkeit Jugoslawiens aufs Spiel setzte.

Was halten Sie von Sarrazins Forderung, in der Familienpolitik umzustellen - weg von Geldleistungen, hin zur direkten Förderung von Kitas und Schulen?

Das sehe ich genauso. In der Tat können wir Gerechtigkeit auf Dauer nicht durch Transferleistungen herstellen, sondern nur durch Bildung und gesellschaftlichen Aufstieg. Dazu brauchen wir gute Kinderbetreuung, exzellente Schulen, auch Ganztagsschulen mit Mittagessen, eine effektive Familienpolitik vor Ort. Das Ziel muss sein: Aufstieg ist möglich, unabhängig von Herkunft und Status der Eltern.

Interview: Tilman Gerwien
 
 
KOMMENTARE (10 von 72)
 
michianso (14.10.2009, 09:11 Uhr)
Integration & Bildung
Integrationswille und -fähigkeit lassen sich nicht (nur) an der Bildung festmachen, bzw. zeigt sich Integrationswille noch in weit mehr Angelegenheiten.

Fakt ist, dass türkische, arabische und sonstige aus südlichen Gefilden stammende Familien i.d.R. grösser sind als deutsche, lauter, hektischer, sie pflegen einfach einen anderen Umgang untereinander. Allein schon das kann zu Reibereien führen und ist ein Thema der Integration.

Nachbarn eines Freundes beispielsweise sind Araber. Er wohnt in einem kleinen Haus mit 5 Parteien. Früher war alles ruhig und friedlich, seit diese Leute dort wohnen gibt es nichts als Ärger.

Von morgens bis Abends wird gejohlt, gegrölt, gerumpelt und getrampelt, dass die Wänder wackeln. Kinderwagen versperren die Eingangstür und damit Feuerfluchtwege, Gerümpel wird im Fahrradkeller gelagert, der Postbote wurde mehrfach angepöbelt, weil er bei diesen Leuten geklingelt hat um Päckchen für die Nachbarn abzugeben und der Vater ist beim Nachbarn auf das Grundstück eingestiegen und hat mit dessen Gartenschlauch seine Terrasse gereinigt. Eine Aussprache hat rein gar nichts ergeben. Für diese Leute scheint das einfach alles normal zu sein, in Deutschland ist es das jedoch nicht! Und das hat nichts mit Spiessigkeit zu tun, sondern mit Benimm und Anstand. Und gerade daran mangelt es häufig. (Auch wenn es natürlich Tausende Gegenbeispiele gibt!)

Diese Leute sind nicht dumm, nicht ungebildet, sie sprechen auch alle fliessend Deutsch. Aber dennoch sind sie nicht integriert. Warum? Siehe oben. Und das ist weder eine Frage der Bildung noch ist das ein Einzelfall.

Wenn man dann auch noch Interviews mit 'Gangs' aus gewissen Stadtvierteln deutscher Grossstädte hört, die nur in 10er Gruppen oder grösser unterwegs sind, mit Messern und anderen Dingen bewaffnet, die auf andere Gangs oder auch Unbeteiligte losgehen, die selbst von sich behaupten keine Gesetze zu kennen, als die ihrer eigenen Gruppe, dann kann einem wahrlich Schwarz vor Augen werden. Und so etwas gab es noch nie bei Schwedischen Einwandereren, Französischen oder Britischen. Das gibt es nur im Süd-Ost-Gefälle.

Insofern: Sarazin mag sich im Ton vergriffen haben, Recht hat er aber allemal.
palomino73 (14.10.2009, 08:58 Uhr)
Alles schreit nach Differenzierung...,
...wie lächerlch ist das denn ?
Ich möchte behaupten, daß vielleicht 0,5 % aller des Lesens mächtigen Bundesbürger überhaupt das KOMPLETTE Interview des Thilo Sarrazin in der "Lettre International" gelesen haben ! Nichtsdestotrotz wird munter mit-krakeelt beim Thilo-Bashing !
Überall in den Medien werden der Leserschaft mit stimmungs-heischender Penetranz die immer gleichen, aus dem Zusammenhang gelösten "Sprüche" um die Ohren gehauen - dabei waren es AUSSAGEN, die Herr Sarrazin da gemacht hat ! Aussagen, die er sehr wohl mit Zahlen zu belegen wusste. Wer natürlich Zahlen und Prozent-Angaben geflissentlich überliest, der wird nur lesen "Alle Türken..." und "Alle Araber ...", nur stimmt das einfach nicht !
Das aufmerksame Lesen aber ist eine Arbeit, die T.S. uns nicht abnehmen kann und wollen sollte. Diese Arbeit zu leisten ist jeder ihm schuldig, der ihn kritisieren möchte - so einfach ist das !
Wer z.B. behauptet, Herr Sarrazin hätte sich per se fremdenfeindlich geäussert, der hat wahrscheinlich den Part nicht gelesen, in dem er ganz explizit andere Ethnien und deren (wesentlich erfolgreichere) Integrations-Historie der der Türken und Araber entgegengestellt hat.
Wenn ich dann lese, daß diese Gegenüberstellungen, diese Vergleiche eine unzulässige Unverschämtheit wären, dann kann ich nur fragen, wie man denn ohne Gegenüberstellungen und Vergleiche überhaupt eine differenzierte Aussage zu irgendwas machen können sollte ?
Aber Differenzierung war doch eigentlich das, was in dieser Sache so empört eingefordert worden war, oder ???
Diese ganze "Diskussion", so wichtig sie in der Sache auch sein mag, ist in der Art, wie sie geführt wird, eine Farce und kommt ohnehin Jahre zu spät - so sehr zu spät, daß seit Jahren die extreme Rechte dieses Landes die Kritik zum Thema Ausländer/Migranten zu ihrem Hoheitsgebiet gemacht hat - und wir haben das geschehen lassen. Die Konsequenz daraus ist nun, daß kritische Fingerzeige prinzipiell als gehobener, rechter Arm gedeutet werden !
Was dieses Land dringender braucht als Integrations-Beauftragte oder "political correctness" ist political awareness - und davon eine ganze Menge !
Davon, daß unsere "Diskussions-Kultur" eine ausgedehnte Kur dringend nötig hätte, will ich erst gar nicht reden...
babylon (14.10.2009, 08:07 Uhr)
@berns4000
Lassen Sie doch bitte endlich mal die Nazi keule stecken. Diese ist genau so abgedroschen wie ihr "hochgeistiger" Kommentar!
traldors (14.10.2009, 07:29 Uhr)
Ach herrje (...)
die Kommentare mancher hier sind wirklich niedlich. Da ist einerseits das Bildungsniveau der Deutschen niedrig oder es wird die Rassismuskeule rausgeholt. Ich lebe in einem Stadtteil mit vielen Migranten, bunt gemischt. Viele Schwarzafrikaner, Russen und unsere lieben Islamisten u.a. aus der fernen Türkei. Dreimal raten, wer seine "Gören" nicht im Griff hat, kleiner Tipp: Die Leute aus Afrika sind es nicht, die sind in mancher Hinsicht deutscher als die Ureinwohner hier (...) Es ist die falsche Diskussion die Sarrazin begonnen hat in Form und Stil. Das Tragische daran ist, das er RECHT hat und nicht jedes Zitat von ihm, stammt auch von ihm. Das die Geburtenrate der Türken insgesamt zu einer "türkischen Mehrheit" führt stammt nicht von ihm. Außerdem, wenn man die türkische Presse (Hürriyet) so manches mal in der Vergangenheit gelesen hat, waren da "knackige" Kommentare drin, die Sarrazin's Äußerungen in nichts nachstanden. Also, liebe türkische Mitbürger, immer schön den Ball "flachhalten".
berns4000 (14.10.2009, 06:32 Uhr)
Wie miserabel die Bildung vieler Deutscher ist,
zeigt sich in Kommentaren auf dieser Seite.
Volksverhetzung und Rassenhass sind die allerniedrigsten Motive, die nur aus völlig unzureichender Bildung entstehen können.
Nicht die Türken sind dumm und bildungsunwillig, sondern die in Tradition der Nationalsozialisten ewiggestrigen "Deutschen" die nicht merken, wie geistig arm sie selber sind.
berns4000 (14.10.2009, 06:24 Uhr)
Sarrazin sollte nicht in solchen Ämtern sein.
Was er über "Ausländer" und solche, die er als "Ausländer" bezeichnet, weist ihn doch ganz klar als Faschisten übelster Sorte aus.
Wer andere Menschen pauschal verunglimpft und das wegen ihrer Herkunft oder Religion, der gehört nicht in öffentliche Ämter.
Es ist ein Armutszeugnis für die BRD, dass dieser Mann immer noch in so einem Amt gteduldet wird.

Er wäre richtig aufgehoben bei einer Arbeit, wo seine Dummschwätzerei nicht zur Kenntnis genommen wird, zum Beispiel als "Praktikant" am Fließband bei Opel.

Dort könnte er angesichts der ständig drohenden Arbeitslosigkeit bei 0,0 Bezahlung beweisen, wie man von wenig Geld gut leben kann, was er ja in berlin schon dauernd behauptet hatte.
Johann58 (14.10.2009, 04:39 Uhr)
@twist34
zunaechst einmal bleibt festzustellen, dass in Deutschland jeder zu jedem Thema seine Meinung aeussern darf und kann. Das ist moeglicherweise einer der wesentlichen Unterschiede zu Laendern wie der Tuerkei. Zudem kann in Deutschland jeder jede Glaubensrichtung einschlagen. Auch ein Unterschied zu Laendern in denen der Muslemische Glaube vorherrscht. Nun frage ich mich was der Begriff Integration bedeutet und stele fest, dass hier sehr wohl eine Eingliederung in die Kultur des gastlandes gemeint ist, die Beherrschung der Sprache, die Achtung der Gesetze und der Kultur. Dass Deutschland seinen Gaesten gestattet Kirchen ihre Glaubensrichtung zu errichten, Muslimischen Kindern schulfrei bei Muslimischen Feiertagen zu gewaehren und ihre Gaeste frei arbeiten und handeln laesst ist ein Zeichen der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Die wollen wir aber auch von unseren Gaesten oder Migranten respektiert wissen. dazu gehoert auch dass ein Herr Sarrazin seine Meinung frei und offen aeussern kann. Wenn die Tuerkei einmal so offen und frei ist wie Deutschland, dann reden wird weiter!
Dirk_37 (14.10.2009, 02:56 Uhr)
@twist:
***"Meiner Meinung nach ist Sarrazin nicht derjenige, der seine Meinung über Integration (und in so einer Form) äußern sollte, ganz egal, ob er Recht hat oder nicht. In einem Land wie Deutschland kann man das nicht anderes als Provokation empfinden"***
Zwei Anmerkungen: es ist also egal, ob er Recht hat oder nicht? Hmmm, das fördert in meinen Augen eine Kultur des Wegsehens bzw eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.
Wieso in einem Land wie Deutschland? Also, wenn zB in den USA die Latinos kritisiert werden, ist das dann ok?
Ich persönlich habe türkischstämmige Freunde die sich ganz klar bekennen, hier geboren und aufgewachsen zu sein. Sie bezeichnen sich als Deutsche mit türkischem Hintergrund, die nächste generation wirds noch lockerer sehen ( hoffe ich). Viele haben einen guten Job, einige haben keine so guten, nicht viel anders als bei " Deutschen". Nachdem ich auf dem Land lebe sind mir die Berliner Ghettos nicht so vertraut, aber was ich lese und höre, lässt mich schon etwas erschrocken sein. Integration ist keine Einbahnstrasse, da müssen beide Partner aufeinander zugehen. Und ja, daß Lernen der Sprache und Anerkennung der Rechtsstaatlichkeit ist für mich eine Voraussetzung, keine Option! verstehen Sie mich bitte nicht falsch: auch die "Deutschen" sollten Toleranz zeigen, ich denke aber daß es Zuwanderern hier weit besser geht als vergleichsweise in anderen Ländern. Es laufen ja nicht überall glatzköpfige Halbprimaten durch die Gegend, die die Hacken zusammenschlagen und Sieg Heil brüllen! Die große Mehrheit der Deutschen ist, wie ich finde, neugierig und freundlich gegenüber den Ausländern. Wenn die sich aber selber abschotten, kann das auch nichts werden! Insofern müssen beide Seiten lernen, miteinander zu leben und umzugehen. Persönlich bin ich oft im Ausland und sehe schon, wie es woanders zugeht. Da bin ich oft froh, in Deutschland zu leben. MfG Dirk
twist34 (14.10.2009, 00:56 Uhr)
Ich, selber als Türke, ...
Meiner Meinung nach ist Sarrazin nicht derjenige, der seine Meinung über Integration (und in so einer Form) äußern sollte, ganz egal, ob er Recht hat oder nicht. In einem Land wie Deutschland kann man das nicht anderes als Provokation empfinden. Und wirklich Schade, dass seine Aussagen alle Grenzen überschreiten, denn ich, selber als Türke, fühle mich angesprochen, auch wenn ich viel mehr Steuern zahle als viele andere, keine "Kopftuchmädchen produziere", oder vom HartzIV lebe. In diesem Land sind es ja auch nur die schwarzköpfigen türkischen Ausländer, die Probleme machen, und keine andere... Griechen, Spanier, Italiener und alles andere? Nein, das sind alle integrierte Mitbürger, die der Zukunft Deutschlands beitragen.
dondiego63 (13.10.2009, 23:24 Uhr)
Integration
Natürlich müssen wir uns an unsere Gäste anpassen, nicht die an uns. Wo kämen wir denn sonst hin. Ausserdem darf man Gäste nicht kritisieren, sondern diesen nur Geld, Geld und noch mehr Geld überweisen. Es ist doch eine Frechheit sondergleichen, das wir als Steuerzahler diese nicht integrationsfähigen und willigen "Gäste" immer weiter bezahlen müssen. Leider ist es so, dass die meisten Türken und Araber von Hartz IV leben. Ups, das darf man in unserem Land ja nicht sagen.
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