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30. Oktober 2010, 14:30 Uhr

Sarrazin tritt gegen seine Kritiker nach

Der frühere Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin hat sich in einem Interview zu Wort gemeldet - und dabei ordentlich ausgeteilt. Bundeskanzlerin Merkel und SPD-Chef Gabriel kriegen ihr Fett weg, besonders hat es Sarrazin aber auf Bundespräsident Wulff abgesehen.

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Kritisiert die Kritiker: Thilo Sarrazin meldet sich nach längerer Zeit wieder zu Wort© AFP

Mit seinen Thesen über Zuwanderung hat Thilo Sarrazin einige Wochen die Republik in Atem gehalten. Zuletzt war es still geworden um den früheren Bundesbank-Vorstand und SPD-Politiker. Doch jetzt hat er sich wieder zu Wort gemeldet und mit seinen Gegnern aus der Politik abgerechnet. "Ich habe mein Amt aufgegeben, weil nach der beispiellosen Kampagne aus der Spitze des Staates ein gedeihliches Arbeiten im Vorstand der Bundesbank nicht mehr möglich gewesen wäre", sagte Sarrazin im Interview mit "Bild am Sonntag". "Ich habe keinen Streit angefangen, sondern schwierige Sachverhalte schlüssig dargelegt. Der Zorn kam nicht von mir, sondern von meinen Gegnern in Politik und Medien."

Sarrazin übte scharfe Kritik an der Debattenkultur im Land: "Wer, wenn nicht einer wie ich - 65 Jahre alt, politisch erfahren und ohne materielle Bedrohungsängste - soll denn in Deutschland unangenehme Wahrheiten aussprechen? Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind auf dem Weg in die Duckmäuser-Republik." Besonders schlecht kommt Bundespräsident Christian Wulff weg, den Sarrazin für sein Verhalten während seines Türkei-Besuchs kritisiert: "In der Türkei wurde und wird der christliche Glaube bestenfalls geduldet. Die Zahlen sprechen da eine deutliche Sprache: Gab es 1914 noch 25 Prozent Christen in der Türkei, sind es heute gerade noch 0,2 Prozent. Und an der deutschen Schule in Istanbul ist seit einigen Jahren der Deutschunterricht in den unteren Klassen verboten. Der Bundespräsident hat über diese nicht sehr erfreulichen Zustände eine Harmonie-Kitsch-Sauce gegossen."

Kritik an Merkel

Auch die Äußerungen von Wulff in der Islam-Debatte wies Sarrazin zurück: "Es ist falsch zu sagen, dass der Islam zu Deutschland gehört. Die deutsche Kultur ist weitgehend ohne Bezug auf den Islam entstanden. Die Tatsache, dass bei uns Millionen Mitbürger islamischen Glaubens leben, ändert daran nichts. Ministerpräsident Erdogan hat die Türken hier vor einer Anpassung an Deutschland gewarnt." Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Sarrazin das Sachinteresse für die Integrations-Debatte ab: "Angela Merkel hat nicht nur mein Buch kritisiert, sie hat auch die Bundesbank indirekt aufgefordert, mich aus dem Vorstand zu entfernen. Außerdem hat sie öffentlich erklärt, dass sie mein Buch nicht gelesen hat und auch nicht lesen wird. Daran mögen Sie das Interesse der Kanzlerin an der Sache, um die es hier geht, ablesen."

Zu Forderungen von SPD-Chef Sigmar Gabriel, Ausländer, die sich nicht anständig benehmen, auszuweisen, sagte Sarrazin: "Wer sich auf dem Kurfürstendamm in der Nase bohrt, kann sicher nicht ausgewiesen werden. Aber im Ernst: Ich warte ab, was von den aktuellen Äußerungen aus der Politik opportunistische Anpassung an eine auch durch mein Buch offenkundig gewordene Stimmung und was ernst gemeinter Handlungswille ist. Das gilt für alle Parteien." Besonders amüsiert ist Sarrazin von der Gleichheit der Reaktionen in Union und SPD.

Einen Erfolg kann Sarrazin schon jetzt feiern: Sein umstrittenes Buch "Deutschland schafft sich ab" hat nach Angaben von Media Control den Verkaufsrekord gebrochen und ist inzwischen das meistverkaufte Politik-Sachbuch eines deutschen Autors in diesem Jahrzehnt. Das Ende August erschienene Buch verkaufte sich den Angaben zufolge bis jetzt schon häufiger als der Bestseller "Außer Dienst" von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Bei den politischen Sachbüchern seit 2000 insgesamt landet Sarrazin hinter Michael Moores "Stupid White Men" an zweiter Stelle.

che
 
 
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