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15. Oktober 2009, 16:17 Uhr

Was will Schwarz-Gelb eigentlich?

Angela Merkel, Guido Westerwelle und ihre Verhandler wirken wie eine Ansammlung von Heimwerkern. Unwillig, wahrscheinlich aber auch unfähig zum großen Entwurf für die politische Architektur. Ein Kommentar von Axel Vornbäumen

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Warten auf den Aufschwung: Kanzlerin Angela Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle© Michael Sohn/AP

Dirk Niebel ist Generalsekretär der FDP. Und weil es "die stärkste FDP ist, die es je gab", wie Niebel des Öfteren sagt, macht ihm der Job in diesen Tagen ja auch so unendlich viel Spaß. Entsprechend strahlt er aus jedem Knopfloch; gut, das sei ihm gegönnt.

Zur Jobbeschreibung eines Generalsekretärs gehört das Schönreden im allgemeinen und im besonderen - und das am besten mehr als 24 Stunden am Tag. Dirk Niebel hat dafür einen Blog. Am Mittwoch hat er sich darin mit der Begleitmusik zu den Koalitionsverhandlungen beschäftigt und dabei ganz tief in die Opernkiste gegriffen: "La Traviata", "Aida" - das seien die reinsten Kinderliedchen im Vergleich zur vorherrschenden Sound in den Medien. Niebel findet alles zu ernst, zu kritisch. Er sieht die Dinge so ganz anders, vorwiegend heiter.

Indes, das sind sie nicht. Die Koalitionsrunde wirkt vor dem Wochenende der Wahrheit wie - wenn man schon bei der Oper bleiben will - ein Gefangenenchor. Von Aufbruch noch immer keine Spur. Wie mit Eisenkugeln an den Füßen bewegen sich die angehenden Koalitionäre - bemüht vor allen Dingen um eines: Machterhalt und Machterwerb jeweils möglichst gesichtswahrend über die Bühne zu bringen.

Nur nicht auf die Nerven gehen

Noch haben Union und FDP den Ton nicht getroffen, warum Schwarz-Gelb das Land regieren soll. Wofür genau aber ist ihnen das Mandat erteilt worden? Damit sie gemeinsam auf den Aufschwung warten, ohne sich dabei allzu sehr auf die Nerven zu gehen? Das ist zu wenig! Damit sie eines fernen Tages ein bisschen am Haushaltsloch rumdoktern können, falls die vagen Erwartungen an ein zartes Wirtschaftswachstum tatsächlich in Erfüllung gehen? Dito.

Es ist, als ob da die große Koalition mit leicht verändertem Personal dran werkelte, eine zweite Amtszeit möglichst glimpflich zu überstehen. Dass nach zehn Tagen zähen Verhandelns das Schonvermögen für Hartz-IV-Bezieher aufgestockt werden wird - das hätte Angela Merkel wahrscheinlich sogar mit Frank-Walter Steinmeier ohne größere gegenseitige Blessuren vereinbaren können. Und die am Donnerstagabend erreichte Einigung beim Thema Innere Sicherheit ist lediglich ein fauler Kompromiss. Und sonst? Mehr nicht? Hätte man bei Schwarz-Rot dann wahrscheinlich gefragt - und die magere Ausbeute, natürlich, mit der gegenseitigen Lähmung erklärt.

Was lähmt die Verhandler?

Was aber lähmt die christlich-liberalen Verhandler eigentlich diesmal? Die Furcht davor, als verspätetes schwarz-gelbes Schreckgespenst die Warnungen der SPD aus dem Wahlkampf doch noch zu bedienen, kann es ja wohl nicht sein. Die Furcht vor einer Schlappe bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai nächsten Jahres? Wenn solche Bemessungsgrößen - und es hat allen Anschein, dass das so ist - den Gestaltungsspielraum von Politik bestimmen, dann: Gute Nacht, Deutschland! Wenn angesichts von Wirtschaftskrise und desaströser Haushaltslage die Kraft zur Ehrlichkeit nicht einmal in den Geburtsstunden der schwarz-gelben Koalition gefunden wird, dann handeln die demnächst Regierenden in höchstem Maße fahrlässig.

Noch mal: Was lähmt die Verhandler? Ist es der Mangel an Visionen? Oder nur der Unwillen dazu?

Guido Westerwelle wird ein Problem haben. Mit Angela Merkel hat er nicht die geeignete Partnerin, dem schwarz-gelben Bündnis jenen visionären Anspruch zu geben, unter den er es gerne die kommenden Jahre stellen würde. Merkel hat das noch nie für nötig gehalten. Sie wird das auch weiterhin nicht tun. Westerwelle wird sich was einfallen lassen müssen. Ein bisschen Steuererleichterung in Zeiten knapper Kassen allein wird nicht ausreichen, um die Bürger auf Dauer vom Sinn einer gelben Regierungsbeteiligung zu überzeugen. Gelingt dem FDP-Chef das nicht, dann kann er schon mal für seinen Auftritt im Gefangenenchor üben.

Ein Kommentar von Axel Vornbäumen
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
rockyciano (17.10.2009, 12:58 Uhr)
Es geht doch nur noch
um Schadensbegrenzung und wie verkaufe ich mich gut. Dazu noch die Blamage mit Brüssel - Opelverkauf!! - Es ist doch wie ein Artikel in der "Süddeutschen " titelt " Eine ausgekochte Klientelpolitik ". Verwunderlich nur - wie die überwiegende Anzahl von Journalisten auf solche Politiker und deren Politik abfahren......... peinlich.
giantroXx (17.10.2009, 12:17 Uhr)
Objektive Berichterstattung?
So langsam hat der Stern das Bild Niveau erreicht, gratulation!

Ihre Artikel haben mit objektivität meist nichts mehr gemeinsam, stattdessen wird alles schlechtgeredet. Gehen Ihnen die Schlagzeilen aus? Man sollte doch meinen das Sommerloch sei vorrüber...

Wirklich schlecht, vielleicht sollten Sie sich um neue Redakteure bemühen die Ihren Job auch verstehen...
Diver277 (17.10.2009, 12:10 Uhr)
Ganz einfach....
Schwarz-Gelb will den Armen nehmen und den Reichen geben- was anderes erwartet?!?
fmies (17.10.2009, 11:56 Uhr)
Warten Sie doch bitte mal ab....
Wenn die Presse nicht jeden Tag eine negative Sensation verkünden kann, wird sie ungeduldig
und schreibt dann einfach negative Kommentare.
Die Koalitionsverhandlungen 2005 zwischen
Scharz/Rot dauerten über 6 Wochen und jetzt wird schon nach 2 Wochen so getan, als ob keine Vision möglich sei.
Ein bißchen mehr Geduld und Zeit sollte man den neuen Koaltiönern schon einräumen, damit eine ordentliche Politik für die nächsten 4 Jahre
gemacht werden kann.
Die Anfangsverhandlungen und Ergebnisse geben zu guter Hoffnung Anlaß!
Laura-Sch (17.10.2009, 11:51 Uhr)
Chance geben
Die deutsche Wirtschaft liegt am Boden, immer mehr Bürger (auch Akademiker) leben von den Sozialsystemen, den immer mehr die Luft ausgeht.

Da ist langsam kein Platz mehr für hohle Sprüche, Jammern nach immer mehr Geld ohne gleichwertige Leistung, und immer nur Forderungen aus dem bequemen Sofa ohne eigenes Engagement.

Glücklicherweise ist die Mehrheit der Deutschen - die übrigens nicht hauptsächlich aus den "Besserverdienenden" besteht - nicht so dumm, wie einige das hier glauben machen wollen. Das sieht man an den Wahlergebnissen im Ganzen Land.

Nachdem politisch in den letzten Jahren nichts wirklich gut funktioniert hat, ist jetzt mal Zeit für eine andere Strategie. Lassen wir ihnen doch die Chance, es zu versuchen. Nach ein paar Tagen schon alles besser zu wissen ist weder fair noch besonders clever.
Tempelhofer (17.10.2009, 11:47 Uhr)
@ Stern.de
Schade, dass bei Ihnen eine halbwegs ernsthafte politische Berichterstattung nicht mehr gewünscht ist, stattdessen verfallen Sie wie auch andere Medien in eine total enthemmte Dauernörgelei.

Mal beschweren Sie sich, es wird zu wenig gespart, dann wird wieder zu viel gespart, mal geht alles zu schnell, oder auch wieder nicht schnell genug, mal beklagen Sie den Mangel an politischen Inhalte, ohne dass Sie selbst anscheinend eine klare Vorstellung haben, was Sie unter "Inhalten" eigentlich verstehen.

Selbstverständlich nörgeln Sie dann auch über alle anderen Parteien, dass muss man Ihnen lassen, beim Nörgeln diskriminieren Sie keinen.

Aber bei dieser reinen Massenproduktion von Artikeln, Updates und Kommentaren kann man auch keine Erwartungen mehr an die Qualität stellen. Was Sie schreiben, ist eigentlich zu 90% belanglos.
Sternchen2020 (17.10.2009, 10:32 Uhr)
Was will Schwarz-Gelb eigentlich?
Leicht zu beantworten: Sie will regieren und Macht erhalten.

Grundsätzlich Neues ZUM WOHLE DES VOLKES ist nicht zu erwarten, eher ein "Weiter so!" nur unter anderer Flagge. Alles auf Kosten der Steuerzahler, versteht sich. Ist ja auch leicht: Einfach in den Pott fassen udn verteilen. So macht Politik Spaß, man muss nicht viel nachdenken.

Wir benötigen dringend Volksentscheide auch auf Bundesebene. Das wäre der zunächst wichtigste Schritt Richtung Stärkung der Demokratie. Denn es kann nicht sein, dass zwei Prozent der Bevölkerung, die sich in Parteien organisiert, restlos alles über die restlichen 98 Prozent zu bestimmen hat. Jedenfalls kann es dann nicht sein, wenn wir tatsächlich eine Demokratie sein wollen.
welari (17.10.2009, 10:17 Uhr)
Des Pudels Kern
Glückwunsch zu Ihrem Kommentar Herr Vornbäumen.

War denn etwas anderes zu erwarten ?
Dazu möchte ich gerne noch ein Sprichwort zitieren:
"Die Tröge bleiben immer die Selben. Nur die Schweine wechseln..."
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