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13. Mai 2007, 20:16 Uhr

Ein vergifteter Sieg

Immerhin. Die SPD darf weiterregieren. Für die Sozialdemokraten im Bund war's das damit aber auch schon mit guten Nachrichten aus Bremen. Viel schwerer wiegt dagegen die Hiobsbotschaft, dass der Stachel Linkspartei sich noch tiefer ins Fleisch der Sozialdemokraten gebohrt hat. Von Florian Güßgen

Hiobsbotschaft aus Bremen: SPD-Chef Kurt Beck© DDP

Ob mit Rot-Grün, ob in einer großen Koalition, ob mit einer Ampel, sicher ist: Die SPD wird in Bremen weiter regieren. Jens Böhrnsen bleibt Bürgermeister. Dabei dürfte es für die Sozialdemokraten schwierig werden, die große Koalition fortzusetzen, obwohl beide Bündnispartner eine Schlappe einstecken mussten und jeweils rund fünf Prozentpunkte Stimmen eingebüßt haben. Die eigentlichen Wahlsieger sind die Grünen mit einem sensationellen Ergebnis von über 16 Prozent und die Linkspartei mit über acht Prozent.

Die große Koalition in Berlin steht nicht auf dem Spiel

Aus bundespolitischer Sicht es dabei fast egal, mit wem Böhrnsen am Ende eine Regierung bildet. In Berlin sind sich Union und SPD einig, dass diese Bürgerschaftswahl es nicht Wert ist, die große Koalition im Bund aufs Spiel zu setzen. Zähneknirschend würden sie im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale in Berlin, auch Rot-Grün hinnehmen. Im Gegenzug würden die Berliner Christdemokraten von ihren Verbündeten im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale, dasselbe verärgerte Stillhalten erwarten, wenn etwa die unionsgeführte große Koalition in Schleswig-Holstein zerbrechen würde.

Die Linkspartei wird zur dauerhaften Protestpartei

Dennoch, unwichtig ist die Bremer Wahl deshalb nicht für den Bund. Mindestens zwei wichtige Signale haben die Bürger nach Berlin gesendet. Das erste macht deutlich, wie vergiftet der Wahlerfolg vor allem für die SPD ist: Für die Sozialdemokraten ist es eine bittere Nachricht, dass die Linkspartei das erste Mal den Einzug in ein westdeutsches Parlament geschafft hat. Und zwar locker, mit über acht Prozent. Das lässt vermuten, dass die Linkspartei bundesweit dauerhaft zur Protestpartei des linken Lagers werden kann, sie bleibt der stets schmerzende Stachel im Fleische der SPD. Das verschärft jenseits aller anderen Probleme das strategische Dilemma der SPD. Sie muss sich nach links orientieren, mit der populistischen Anti-Hartz-IV-Kampagne der Linkspartei irgendwie konkurrieren, ohne die eigene Regierungs- und Reformarbeit zu unterlaufen. Die SPD, die sich als Volkspartei versteht, darf die Wähler der Mitte nicht verprellen, zumal die Bundes-CDU, anders als die Bremer Freunde, in Umfragen meilenweit vor der SPD liegt.

Der Kampf ums Kanzleramt beginnt im Januar 2008

Die zweite bundespolitisch relevante Aspekt der Bremer Wahl ist die geringe Wahlbeteiligung, die einen historischen Tiefstand erreicht hat. Große Koalitionen ermüden die Wähler, auch weil sie das Prinzip der politischen Konkurrenz, der klaren Alternativen, auch der Auseinandersetzung gewichtiger Führungsfiguren aushebeln. Das Desinteresse der Bremer an der Wahl geht einher mit einem Maß an Desinteresse an der Berliner Politik. Für eine Demokratie, die davon lebt, dass Bürger sich beteiligen, ist dieses Maß an Gleichgültigkeit ein gewaltiges Problem.

Die Bremen-Wahl dürfte die Nervosität bei der ohnehin nervösen SPD weiter steigern, den Koalitionsfrieden wird sie nicht nachhaltig erschüttern. Dafür sind vielmehr die nächsten, anstehenden Landtagswahlen entscheidend: In Hessen und in Niedersachsen Ende Januar 2008 und in Hamburg im Februar 2008. Mit diesen Wahlen beginnt der nächste Kampf ums Kanzleramt.

Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 11)
 
Ernst1 (14.05.2007, 10:17 Uhr)
Und da wundern sich die Politiker in Berlin?
2/3 der Deutschen sind gegen den Einsatz im Afghanistan. Es werden Millionen vor der Küste Libanons und am Horn von Afrika verballert. Dagegen wird die MWST erhöht und uns erzählt es wäre kein Geld für Krippenplätze und Bildung da. Ich weis nicht, wie man die Abgeordneten noch abwatschen kann, so dass Sie es in Ihrer Arroganz endlich verstehen.
Net Mulle, wirke (Nicht Reden, arbeiten)und nicht den Wähler ständig verarsch....
gmathol (14.05.2007, 09:29 Uhr)
Staerken wir die Linke weiter.
Das Gekluengel und die Korruption von SPD/CDU muessen endlich beendet werden. 20 Millionen Arme in Deutschland dank Schroeder und einer erbaermlich agierenden Sozialdemokratie, wobei die weder sozial noch demokratisch sind, hier geht es um reinen Machterhalt und dem Verbleib der Pfruende.
Schon einmal haben Sozialdemokratie und das christliche Centrum einen Diktator: Hitler, die unteilbare Macht zugeschustert.
Noch koennen wir waehlen und auch wenn wir nicht mit allem was die Neue Linke fabriziert uebereinstimmen koennen, wir brauchen eine neue Kraft die die Macht der amtierenden Neo-Nazis: SPD/CDU/Gruene kontrolliert also bei der Abstimmung an der Wahlurne: einen fuer die FDP und einen fuer die Linke.
Anders ist dieser Staatsmoloch der zu einem plutokratischem Monster mutiert nicht mehr unter Kontrolle zu halten. Allerdings waere es auch ehrlicher endlich die Volksabstimmung als vierte Kraft einzufuehren, das Schweizer Beispiel funktioniert hervorragend und dort kaeme kein noch so Reicher auf die Idee Menschen verhungern zu lassen.
Alles ist offen, warum fuerchten wir uns vor der echten Demokratie indem auch der Einzelne wieder seinen Beitrag leisten sollte oder vielleicht auch muss.
insLot (14.05.2007, 08:49 Uhr)
Offensichtlich ...
ist die Mitte viel kleiner als man denkt.
Die Mehrheit der Bürger in diesem Land wählt wohl eher links oder gar nicht.
NeuerMensch (14.05.2007, 08:32 Uhr)
@EspritCritique
Wahrheit ist relativ, da haben Sie Recht. Relativ ist damit auch der von Ihnen angeführte "Erfolg" der Agenda 2010: Die sprudelnden Steuereinnahmen sind auf die MwSt-Erhöhung zurückzuführen, nicht auf die Agenda 2010. Sinkende Arbeitslosenzahlen, so kann jeder im umfangreichen Bericht der BA selbst nachlesen, kommen in erster Linie durch statistische Tricks und prekäre Arbeitsverhältnisse zustande. Wie sollten auch sonst die 6,2 Mio ALG-Bezieher bei 4 Mio Arbeitslosen zustande kommen?
Aquarius_Jedermann (14.05.2007, 02:13 Uhr)
Die Wahrheit ist immer unteilbar.
Wahr ist, dass Millionen von Menschen zu Hungerlöhnen arbeiten müssen, dank der Agenda 2010 des Herrn Schröder, dem Stiefelknecht der Reaktion. Aber die Sozialdemokratie hat ja schon frühzeitig das Lügen und Umdeuten begonnen. Demokratisch war es ja schon 1914, ohne große Not, den Kriegeskrediten zuzustimmen, und damit den Kriegstreibern des Kaiserreiches sehr entgegenzukommen. Später musste man dann nur noch dafür sorgen, dass die ehemaligen SPD-Genossen, die das nicht mehr tragen wollten, durch Reichswehroffiziere ermordet werden konnten, ohne dass die Täter sich vor Strafverfolgung fürchten mussten. Die Blutspur der SPD zieht sich durch die ganze Weimarer Republik. Vor solchen Demokraten kann einem nur Angst und Bange werden. Aber es sind ihre Nachfahren, die am Hindukusch die deutschen Grenzen verteidigen und einem "Joseph" Schäuble den Weg bereiten. Die Gefahr geht nicht von ein paar Glatzköpfen aus, sondern von der rot-grün-gelb-schwarzen Melange im Bundestag, denn mischt man diese Farben bekommt man ein schmutziges Braun, so wie die Politik der großen Koalition der habgierigen, willfährigen und gemeingefährlichen "Volksvertreter".
EspritCritique (14.05.2007, 00:58 Uhr)
Wahrheit ist relativ
Schauen wir uns doch einmal die Ergebnisse der von Schröder verantworteten Agenda 2010 an: Die Arbeitslosigkeit sinkt in nie gekanntem Ausmaß. Die Steuereinnahmen sprudeln in nie gekanntem Ausmaß. Und jetzt jammern alle an der SPD herum? Was prangern denn die Linken an? Dass jemand prinzipiell das Recht haben sollte, auf dem Sofa herumzuhängen und sein Dosenbier zu saufen, mag in der DDR in leicht abgewandelter Weise erträglich gewesen sein. Aber dass man zu seinem Glück schon etwas mehr tun muss, sollte selbst den Stasikadern und Mördern, denen Lafontaine vorsitzt, klar sein. Wir Demokraten werden es nicht dulden, dass diese Leute neben der DDR mit ihrer Ignoranz auch noch die Bundesrepublik Deutschland in die Knie zwingen.
starmax (14.05.2007, 00:42 Uhr)
Rufen Sie zum Wahlbetrug auf?
Wenn Sie hier schreiben, die SPD müsse auf mit der "populistischen" Kampagne der Linken "irgendwie konkurrieren, ohne die eigene Reformarbeit zu unterlaufen" Sprich. Wieder mal den Bürger belügen und nach der Wahl einfach weitermachen wie gewohnt?
D A S nenne ich populistisch!Und Betrug wäre es obendrein. Die Linke nennt die Dinge beim Namen, wie es sich für eine Opposition gehört! Und diese Gurkentruppen SPD wird sich entscheiden müssen,wohin die Richtung künftig geht. Sozial träumen , die Mitte wollen und die CDU rechts überholen, das läuft nicht mehr. Det ham wa durchschaut...
Aquarius_Jedermann (13.05.2007, 23:40 Uhr)
Wahlmüdigkeit
Offensichtlich haben die Bürger von den rot-grün-gelb-schwarzen Demagogen einfach die Nase voll und haben deshalb keine Lust wählen zu gehen. Wen sollte man denn auch wählen? Die Wahl besteht doch darin zwischen Pest und Cholera zu wählen, denn eines ist sicher, die Bürger werden auf jeden Fall von den gewählten "Volksvertretern" nach Strich und Faden belogen und betrogen. Dafür sollte man seine Stimme nicht abgeben und sie lieber behalten, dann hat man zumindest den Trost, diese Politik nicht auch noch unterstützt zu haben. Solange sich aber noch so viele Menschen bereit finden, der SPD und den Grünen überhaupt noch eine Stimme zu geben, solange wird sich auch nichts ändern. Die SPD hat ja ihre 100 jährige Verpuppung beendet und sich nun endgültig zu der Partei der Speichellecker und Arschkriecher verwandelt, die ein Eduard Bernstein vor 100 Jahren so haben wollte. Wer hat uns verraten?
oscarherz (13.05.2007, 23:28 Uhr)
Quo vadis SPD
Der Trend nach links wird fortgesetzt. Solange die SPD mit der CDU eine Politik fortsetzt, welche für viele ehemalige Wähler nur Abstinenz bei Wahlen oder die Wahl der Linken übrig läßt, solange wird sich der Abwärtstrend auch fortsetzen.Es ist Zeit die Notbremse zu ziehen. Übrigens werden 2008 noch einige Landtagswahlen die Linke im Westen zu Lasten der SPD etablieren.
geissb (13.05.2007, 22:30 Uhr)
Links trotzdem keine Alternative
Schlimmm, schlimm. Das es eine Partei, wie die Linkspartei so "einfach" schafft. Das zeigt, dass die wesentlichen Fragen der Zukunft weder momentan eine ("linke")Alternative zu scheinen haben, noch, dass die Wähler begriffen haben, dass Populismus keine Lösung ist. Die niedrige Wahlbeteiligung ist da nur Konsequenz, wenn Hoffnung kein Ventil bekommt. Gefährlich natürlich, denn daraus könnte Resignation werden, gar "Wut", siehe Frankreich. Na, dann Prost Mahlzeit.
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