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23. Februar 2010, 19:44 Uhr

Die schwere Krise der Bischöfin

Die Alkohol-Affäre trifft Margot Käßmann ins Mark. Profil gewann sie bislang dadurch, dass sie auch schwere Krisen mit hoher Glaubwürdigkeit bewältigte - diese ist jetzt gefährdet. Von Florian Güßgen

Margot Käßmann, Alkohol, betrunken, EKD-Ratsvorsitzende, Auto, Hannover, Bischöfin, Promille

"Sie knallen auf mich", sagte die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann im Januar© AP Photo/Joerg Sarbach

Es ist nicht lange her, dass Margot Käßmann eine Flut von Schlagzeilen ausgelöst hat. "Nichts ist gut in Afghanistan", sagte sie in ihrer Neujahrspredigt in der Dresdner Frauenkirche. Darf sie das, hieß es damals? Ihren Kritikern erschien Käßmann wie eine Jeanne d'Arc der Gutmenschen: Naiv. Idealistisch. Weltfremd. Ihre Anhänger applaudierten ihrer Aufrichtigkeit, ihrem Mut. Sie selbst setzte sich zur Wehr. Erklärte. Erläuterte. Verteidigte. Bei "Beckmann", in unzähligen Interviews. Mit durchgedrücktem Kreuz focht sie für ihre Haltung, focht für eine kritische Kirche, focht für das, was sie für richtig hält - für das, was ihrer Meinung nach gesagt werden muss, weil es wahr ist.

Darf sie das? Um diese Frage geht es diesmal nicht. Zu offensichtlich ist eine Grenze überschritten, wenn ein Erwachsener sich mit 1,54 Promille Alkohol im Blut ans Steuer setzt. Natürlich darf sie das nicht! Es ist eine Affäre: Wo gibt's denn so etwas: Eine Bischöfin, eine EKD-Ratsvorsitzende gar, Vertreterin von 26 Millionen Protestanten im Lande, die wie eine x-beliebige betrunken Auto fährt, die über eine rote Ampel braust. Es hätte viel passieren können in dieser Nacht zum Sonntag. Ein Unfall. Verletzte. Tote. Was Margot Käßmann da getan hat, war verantwortungslos, weil sie die Gefährdung anderer in Kauf genommen hat.

Diese Affäre rüttelt an ihrem Selbstverständnis

Nur: Was folgt daraus? Was kommt jetzt? Es ist ein Leichtes, Käßmann nun mit Häme zu überschütten, mit den Widersprüchen zwischen öffentlichem Bekenntnis und privatem Verhalten, zwischen Wasser und, im wahrsten Sinne des Wortes, Wein. Es ist auch ein Leichtes, sich nun an der Spekulation über das Warum zu ergötzen: Warum hat sie an jenem Abend getrunken? Hat sie dem Druck der vergangenen Wochen nicht standgehalten? Was für Probleme hat diese Frau?

Es liegt an Käßmann selbst zu entscheiden, was sie der Öffentlichkeit wann erzählt, was sie berichtet, erklärt, wie sie ihr Verhalten rechtfertigt - ob sie meint, im Amt bleiben zu können. Sicher aber ist: Diese Fahrt, dieser Fall, muss ihr Selbstverständnis ins Mark treffen. Denn so offenherzig und offensiv sie auch mit privaten Schicksalsschlägen wie ihrer Scheidung und ihrer Brustkrebserkrankung umgegangen ist, so sehr sie auch mit vermeintlichen Schwächen oder Schwächungen nach außen getreten ist, so anders ist doch diese Sache. Bislang hat Margot Käßmann aus einem Bewusstsein der Verantwortung gehandelt - und ihr Handeln mit Verantwortung gerechtfertigt. Jetzt hat sie vor aller Augen verantwortungslos gehandelt.

Ihren Weg auf der Karriereleiter der evangelischen Kirche hat Käßmann dabei beharrlich und zielstrebig verfolgt. Immer war sie eine der jüngsten, eine der ersten, eine der besten. Aufgewachsen ist sie, die Tochter eines Kfz-Schlossers, im hessischen Marburg. Nach ihrem Theologiestudium wurde sie 1983 im kanadischen Vancouver als Jugenddelegierte der EKD zum jüngsten Mitglied des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats der Kirchen gewählt. Als Pfarrerin, 1985 ordiniert, arbeitete sie im Schwalm-Eder-Kreis, bevor sie in den neunziger Jahren zur Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentags avancierte. 1999, mit gerade 41 Jahren, wurde sie zur Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Hannover gewählt - erst als zweite Frau in Deutschland überhaupt. Im Oktober 2009 folgte der Schritt in das Spitzenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Wahl zur Vorsitzenden des Rates. Sie ist die erste Frau in diesem Amt.

Als Karrieristin geht sie nicht durch

Aber dennoch, trotz dieses Bilderbuchlebenslaufs: Als Karrieristin kann Käßmann nicht gelten. Denn ihr selbstbewusster Auftritt wurde stets auch flankiert von dem Anschein von Verwundbarkeit, Verletzlichkeit. So war das, als sie vor rund vier Jahren öffentlich erklärte, dass sie an Brustkrebs erkrankt sei, so war das, als sie kurze Zeit später bekannt gab, dass sie sich von ihrem Ehemann trennen wolle. Trotz der vier gemeinsamen Töchter, trotz der 26 gemeinsamen Ehejahre. Immer wollte sie im Amt bleiben. Immer durfte sie im Amt bleiben, denn diese Bekenntnisse haben ihr nicht geschadet. Im Gegenteil. Sie haben ihr Authentizität, Glaubwürdigkeit verliehen. Hier war jemand, der das echte Leben kannte, Krankheiten, Beziehungsprobleme. Auch im Januar, als Käßmann in der Afghanistan-Debatte kritisiert wurde, offenbarte sie diese Verletzlichkeit. "Sie knallen auf mich", sagte sie einer Journalistin der "Süddeutschen Zeitung". Und konnte bei all den Auftritten, die es im Januar gab, nicht verhehlen, wie sehr sie die Kritik persönlich traf.

Auch jetzt steht eine sehr persönliche Entscheidung an. Über Käßmanns Befindlichkeit nach Bekanntwerden der Alkohol-Affäre kann nur spekuliert werden. Sie hat vorerst alle Termine abgesagt. Vielleicht um darüber nachzudenken, ob eine Trunkenheitsfahrt eine verzeihbare Schwäche ist, die auch eine Bischöfin möglicherweise menschlich macht, glaubwürdig. Oder ob eine Fahrt im alkoholisierten Zustand ein Fehler ist, der ihre Glaubwürdigkeit so sehr beschädigt, dass sie nicht mehr im Amt bleiben kann.

Eins ist dabei sicher: Die Autofahrt vom Samstag stellt Margot Käßmann in Frage wie keine ihrer öffentlich debattierten Krisen zuvor.

Abstimmung

Betrunken am Steuer - hat Margot Käßmann ihre Glaubwürdigkeit verspielt?

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Von Florian Güßgen
 
 
KOMMENTARE (10 von 46)
 
Administrator (24.02.2010, 13:33 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
kabelmann (24.02.2010, 12:41 Uhr)
Wahnsinn
Wie sich hier in der Redaktion alles überschlägt.

Das hätten wir lieber letztes Jahr im Saarland so gesehen, als herauskam, dass sich die Grünen von der FDP haben kaufen lassen.


Aber nein ach Gott, Frau Käßmann ist nicht mainstream-konform, da ist der Schreiberling verzückt.

Es widert mich nur noch an
JanvanHelsing (24.02.2010, 10:09 Uhr)
und noch etwas
mir ist eine hin und wieder trinkende evangelische Bischöfin lieber als ein
unsere Kinder missbrauchender katholischer * Würdenträger *

Es war ein Fingerzeig des Schicksals das kein Unbeteiligter zu schaden gekommen ist, aber man sollte das Schicksal kein zweites mal fordern.
JanvanHelsing (24.02.2010, 10:09 Uhr)
wer ohne Sünde ist
.den ersten Stein

Hier wird wieder eine Medienkampagne geritten, gegen eine unbequeme, weil polarisierende Frau, die dazu noch im höchsten Amt der evangelischen Kirche in Deutschland ist.
Was diese Frau für einen Fehltritt begangen hat, brauche ich hier nicht wiederholen.

Was mich anekelt ist das moralinsauere Geseiere hier von all den Menschen ohne Fehl und Tadel.
Unser Land wurde u. wird, ohne uns zu fragen, in den Krieg geschickt, Banker spekulieren mit unserem Geld, gefragt wurden wir nicht, Politiker führen sich auf wie Gutsherren, hetzen gegen Bevölkerungsschichten, der Platz reicht nicht um all dies, was wirklich schiefläuft, aufzuzählen.

Die Presse brauchte wiedermal eine Nebelkerze, um von einer wirklich wichtige Sauerei unserer Regierung abzulenken ....
Und IHR fallt alle darauf herein...

Frau Käßmann hat ihren Fehler eingestanden und wird die Konsequenzen tragen, aber hier gleich wieder Kopf ab zu fordern ist wirklich der Gipfel.
starmax (24.02.2010, 09:58 Uhr)
Trinker/Innen und Kinderschaender
in öffentlichen Ämtern zeigen die Dekadenz dieser Gesellschaft- amen.
vombromsberg (24.02.2010, 09:15 Uhr)
richtige schei....e bauen und sich...
...über BILD äussern, dass ärgert mich extrem. frau k. liebt anscheinend den boulevard. jeden persönlichen kram teilt sie über BILD mit, einfach nur niveaulos. wenn schwer krank, ist das schon schlimm genug,
aber den kontakt zu BILD schaffte sie noch. nee, die passt in eine boulevard kolummne als tägliche schreiberin in sachen kirche, der rest war und ist quote.
facility (24.02.2010, 07:47 Uhr)
Kurzform
Rücktritt: Wenn sie denn will...
Allgemeine Meinung zu leuten die betrunken Auto fahren: Jeder der sich betrunken ans Steuer setzt, nimmt (min) die Verletzung Anderer im Straßenverkehr in Kauf.
Die Frage sollte nicht sein, ob sie bei dem was passiert ist noch geeignet für ihre Position ist, sondern ob sie bei dem Risiko was sie eingegangen ist, authentisch ist.
Außerdem frage ich mich, warum man das Alles nun trennen soll? Sie übt einen Beruf (in ihrem Fall und aus ihrer Sicht kann man da ganz sicher von Berufung sprechen) aus, in dem sie als Mensch nicht unfehlbar sein muss, aber gewisse Grenzen kennen und auch beachten sollte. Dazu kommt, dass sich Leute, die öffentlich Arbeiten, auch immer der Öffentlichkeit preis geben (und das wissen die vorher).
Als wenn sich hier nicht jeder beschweren würde, wenn mal wieder bekannt wird, dass ein Politiker (ganz klar entgegen seinen politischen "Parolen" und Zielen und natürlich dem Grundsatz, dem Volk zu dienen) nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, sondern mit einem effizienten aber immernoch nicht Verbrauchsarmen BMW. Oder eben Steuergelder auf einer Dienstwagenfahrt in den Süden verprasst. Die Liste dieser Beispiele könnte lang werden, und jedes mal regt es die Bürger auf. Nun gehts nicht um Moral und Ethik sondern (auch) um Geld... ist das alles dann eher berechtigt?
Der Punkt ist, dass Politiker etwas versprechen und dagegen handeln und wir uns zu recht aufregen und dass dies in diesem Fall genauso ist.
MadDoubleF (24.02.2010, 07:18 Uhr)
Meine Güte ...
... wen interessiert das? Die gute Frau hat einen über den Durst getrunken. Ok. Ist nicht besonders von Vorteil dabei erwischt zu werden, vor allem wenn man im Licht der Öffentlichkeit steht. Aber das sagt mir - sie ist auch nur Mensch. Aber deswegen muss sie noch lange nicht irgendwelche Probleme haben. Lasst due Frau einfach in Ruhe und gut ist. Wenn das beim Stern so weiter geht, dann kann ich auch gleich Bild der Frau lesen. Oder Gala oder die Bunte oder ...
bob-der-meister (24.02.2010, 06:45 Uhr)
Und wenn schon!
Okay, sie hat einen schweren Fehler begangen und ist ertappt worden.
Ich persönlich glaube nicht, dass sie deswegen nicht mehr im Amt tragbar wäre. Allerdings werden diejenigen, denen sie mit ihren unbequemen Ansichten auf die Füße getreten ist, auf diese Verfehlung immer wieder anspielen und die konservative Boulevardpresse wird sie weiterhin als Alkoholikerin diffamieren wollen, sobald sie sich äußert.

Wahrscheinlich hätte Jesus an ihrer Stelle auch seinen Rücktritt erklärt.

Dadurch bietet sich vermutlich eine noch bessere Chance, in der Öffentlichkeit für ihre Überzeugungen einzutreten. Ihre Glaubwürdigkeit wäre nicht in Frage gestellt, und sie hätte die Möglichkeit, auf Grund ihrer Bekanntheit weitere BEstseller zu schreiben. Sie würde in allen Talkshows des Landes an prominenter Stelle eingeladen werden und möglicherweise mehr Gehör finden als aus ihrem Amt heraus.

So war es doch auch bei Eugen Drewermann, nachdem er aus der katholischen Kirche herausgemobbt worden ist.

Das Geld aus den Bestsellererlösen könnte sie Stiftungen zur Hilfe für Alkohol-und Drogenabhängige spenden.
mupfeline (24.02.2010, 06:32 Uhr)
heisst natürlich
"integer"
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