"Danke, dass es Sie gibt"

4. Juni 2010, 10:58 Uhr

Einen "Demokratielehrer" nannte sie ihn, einen "Versöhner", einen Mann, der zugleich links, liberal und konservativ sei. Kanzlerin Angela Merkel bejubelte Joachim Gauck zu dessen 70. Geburtstag. Nun ist er Präsidentschaftskandidat von SPD und Grünen. stern.de dokumentiert ihre Rede. abo/lk

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"Sie werben für Demokratie": Kanzlerin Angela Merkel über Joachim Gauck©

Angela Merkel hielt ihre Rede zu Gaucks 70. Geburtstag am 22. Januar 2010 in Berlin. stern.de dokumentiert sie im Wortlaut. Die Quelle ist die offizielle Website der Bundesregierung

"Sehr geehrter, lieber Joachim Gauck, sehr geehrter Herr Rathnow, sehr geehrte Frau Schmalz-Jacobsen, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung bedanken. Sehr gerne bin ich heute zu dieser Festveranstaltung gekommen. Eigentlich könnte Joachim Gauck die Laudatio auf sich am allerbesten selbst halten. Denn da er ein herausragender Redner und prägnant in der Ansprache ist und das, was er ausgeführt hätte, vielleicht auch noch höheren Neuigkeitswert hätte als das, was ich zu sagen habe, wäre das ein interessantes Experiment gewesen. Aber ich sage gerne einige Worte zu ihm, denn trotz aller Verschiedenartigkeit verbindet uns ja einiges, auch im Persönlichen, nämlich ein großer Teil des Lebens in der ehemaligen DDR und dort auch die immerwährende Sehnsucht nach Freiheit. Nun wurde er hier schon als linker, liberaler Konservativer charakterisiert. Da muss ich in einer meiner Funktionen sagen: Das gibt es eigentlich gar nicht. Insoweit hätte das auch weiterer persönlicher Erklärungen bedurft, aber vielleicht erfahren wir darüber ja noch etwas in der Diskussion.

Versöhner und Einheitsstifter

Bei dieser Charakterisierung als linker, liberaler Konservativer deutet sich schon an, dass Joachim Gauck kaum in eine Schublade passt. Das ist im Zuge des Vereinigungsprozesses sicherlich manch einem aufgefallen – manch einem positiv –, aber manchmal macht das eben auch Schwierigkeiten. Weil Joachim Gauck so eine spannende Persönlichkeit ist, sage ich natürlich aus vollem Herzen, dass ich ihm gerne meine Reverenz erweise, denn er hat sich in herausragender und auch in unverwechselbarer Weise um unser Land verdient gemacht – als Bürgerrechtler, politischer Aufklärer und Freiheitsdenker, als Versöhner und Einheitsstifter in unserem jetzt gemeinsamen Land sowie als Mahner und Aufarbeiter des SED-Unrechts und damit auch als ein Mann, der immer wieder an historische Verantwortung erinnert. Welche Facette man auch hervorhebt, immer spiegelt sich das Fundament unserer Gesellschaft wider: Einigkeit in Recht und Freiheit. Zunächst zum ersten großen Leitmotiv Ihres vielfältigen Wirkens, zur Freiheit. Wer in Ihrem reichen publizistischen Werk stöbert, der spürt: Freiheit ist die zentrale politische Idee, der Sie sich zeit Ihres Lebens verpflichtet gefühlt haben und auch sicherlich weiterhin verpflichtet fühlen.

Früh geschärfter Freiheitssinn

Dieser Freiheitssinn ist früh geschärft worden, wohl vor allem durch ein prägendes Erlebnis: Die Verhaftung des Vaters 1951 durch die sowjetische Geheimpolizei und die anschließende Haft in der Sowjetunion. Erst nach vier Jahren kam der Vater wieder frei, kurz nach dem Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955 in Moskau. Nicht zuletzt waren unter diesen Vorzeichen die ersten 15 Lebensjahre von Joachim Gauck sicherlich sehr von Entbehrung und Schmerz, aber auch von Verantwortung geprägt, die ihm eine innere Stärke und innere Freiheit verliehen hat. So ergab sich auch früh eine Ferne zum System in der ehemaligen DDR. Die Kirche hat Raum gegeben, trotz aller Bevormundung, auch etwas von dieser Systemferne nicht nur selbst zu leben, sondern vor allen Dingen auch anderen vorzuleben, die damit auch wiederum ein Stück ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit artikulieren konnten und Räume zum Diskutieren hatten. Alle, die aus der ehemaligen DDR kommen, wissen, wie wichtig es ist, dass man mit seinen Gedanken nicht allein bleibt, sondern sich austauschen kann.

Kirche und Politik

Sie haben als Pfarrer in Mecklenburg mutig die Chance genutzt, eine zunehmend offensive und auch DDR-kritische Haltung in Menschenrechtsfragen, in Friedensfragen, in Umweltfragen nicht nur nach innen, sondern auch nach außen zu vertreten. Als sich 1989 der Widerstand gegen die Regierung zu einer Massenbewegung in der DDR formierte, haben Sie die wöchentlichen Gottesdienste, die in der Marienkirche in Rostock und in anderen Kirchen stattfanden, geleitet. Die Rostocker Massendemonstrationen im Herbst 1989 gingen wesentlich – das wird heute viel zu oft vergessen – von den Kirchen aus. Dass es eine friedliche Revolution war, war mit Sicherheit auch ganz wesentlich den evangelischen Kirchen zu verdanken. Da ergab sich der Weg von der Kirche in die Politik fast von allein. Joachim Gauck war geradezu prädestiniert, Sprecher des Neuen Forums zu werden, das Sie in Rostock mit gegründet haben. Sie sind dann – wortmächtig und worterfahren, wie Sie waren – zu einem der Wortführer in der Wendezeit geworden; und das tat gut. Die Bürgerbewegung in Mecklenburg-Vorpommern schloss sich schließlich im Bündnis 90 zusammen. Nach der ersten freien Wahl in der DDR am 18. März 1990 wurden Sie dessen einziger mecklenburg-vorpommerscher Abgeordneter in der Volkskammer. Ich vermute, Sie haben das gut vertreten.

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