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27. November 2009, 17:45 Uhr

Unbedingt untauglich

Franz Josef Jung hatte nie das Format für einen Bundesminister. Gut, dass er zurückgetreten ist. Der Fall zeigt, was passiert, wenn Minister nach Proporz statt nach Kompetenz bestimmt werden. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Jung, Rücktritt, Bundeswehr, Afghanistan, Merkel

In einer sehr kurzen Erklärung hat Franz Josef Jung seinen Rücktritt bekanntgegeben© Michael Kappeler/DDP

Die Rücktrittserklärung des Verteidigungsministers beweist, wie überfällig der Rücktritt war. Natürlich räumt Franz-Josef Jung kein persönliches Versagen auf dem Ministerstuhl ein. Großherzig zeigt er sich bereit, die politische Verantwortung für die "interne Informationspolitik" des Verteidigungsministeriums zu übernehmen. Im Klartext heißt das: Da sitzen böse Beamtenbuben, die ihn nicht hinreichend informiert haben. Die hätten ihn dank seines unzureichenden Kenntnisstandes ins offene Messer laufen lassen.

Der Minister las die Akten nicht

Ein peinliches Ablenkungsmanöver. Jung hat die Papiere nicht gelesen, die er mit absolutem Vorrang hätte lesen müssen. 142 Menschen in Afghanistan sind durch Versagen der Bundeswehr ums Leben gekommen. Kann es einen dramatischeren Auftrag zur intensiven Wahrheitsfindung geben? Nein, aber der politisch verantwortliche Minister liest trotzdem die Unterlagen nicht. Es kann ja sein, dass es chaotische Führungsstrukturen im Verteidigungsministerium zu Jungs Zeiten gegeben hat. Aber wenn der Minister keine Akten liest - was soll dann sein Generalinspekteur machen? Die Infos ihm etwa ins Ohr brüllen? Jung sagt jetzt, er übernehme die Verantwortung. Richtig wäre zu sagen: Ich habe die Verantwortung nie wahrgenommen.

Der Skandal Jung ist ein nachdrücklicher Beweis dafür, was herauskommt, wenn politische Spitzenpositionen nach absolut untauglichen Maßstäben besetzt werden. Der als Weinbauminister vielleicht geeignete Winzersohn Jung musste Verteidigungsminister werden, weil auch die Hessen im Kabinett Merkel während der Großen Koalition sitzen wollten. Roland Koch wünschte, immer sofort zu hören, was am Kabinettstisch läuft. Und außerdem war Jung Mitglied im "Andenpakt" der CDU, der sich vor vielen Jahren wechselseitig geschworen hat, einander bei der Postenverteilung behilflich zu sein. Also hat man Angela Merkel für die Zeit der Großen Koalition den Späher Jung reingedrückt.

Auch die Kanzlerin trägt Verantwortung

Herausgekommen ist vielfaches Chaos. Bei der deutschen Beteiligung am Kongo-Einsatz brach unverzüglich das Durcheinander aus. Man kämpfte vor allem mit dem EU-Außenbeauftragten Javier Solana. Dass der deutsche Kongo-Kommandeur Karlheinz Viereck in der ganz heißen Phase des Einsatzes einen Liebesurlaub bei seiner schwedischen Freundin verbrachte, blieb ungeahndet. Beim Libanoneinsatz redete Jung plötzlich von einem Kampfeinsatz, obwohl die Kanzlerin mit dem Wort vom "robusten Mandat" Drumherumreden empfohlen hatte. Dass er den umstrittenen Staatssekretär Peter Wichert wieder reaktivierte, der vielfach früher schon ins kritische Gerede gekommen war, war ebenfalls eine Fehlentscheidung. Schließlich hat Jung ein Bundeswehr-Weißbuch schreiben lassen, das kühn der Einsatz der Bundeswehr im Innern im Kampf gegen den Terrorismus predigte. Im Generalstab der Bundeswehr erinnert man sich noch heute mit gemischten Gefühlen, wie der Minister die überfällige strategische Orientierung der Bundeswehr damals definierte.

Merkel trägt für diesen Einsatz eines überaus bedingt tauglichen Ministers ebenfalls politische Mitverantwortung. Sie muss daher auch die Mitverantwortung für das Handeln dieses Mannes in Afghanistan übernehmen. Sie war es, die aus polit-opportunistischen Gründen einen Politiker mit hessischem Landesformat auf die Bundesbühne geholt hat. Umso unverzeihlicher ist, dass sie auch noch 24 Stunden zögerte, sich von ihm zu trennen. Verzeihlicher andererseits stimmt, dass sie jetzt mit dem Minister zu Guttenberg einen Mann zum Verteidigungsminister gemacht hat, der dem Job gewachsen sein dürfte. Und zwar truppendienstlich und gesamtstrategisch.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
Aquarius2 (29.11.2009, 10:10 Uhr)
Auswahl von Ministern nach Proporz
ist doch Standard in Deutschland.
Das Ergebnis ist der Zustand unseres Landes in Bildungs-, Familien-, Finanz-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik.
Und wenn ein grüner Steinewerfer zum Außenminister gemacht wird, dann wird er seine Erfahrungen zu Problemlösungen in der Politik anwenden - und deutsche Jugendliche in Kriege außerhalb Deutschlands entsenden.
Was für Angebertypen in den Bundestag gekommen sind, zeigt doch deutlichst die Affäre "Angeberfüllhalter kaufen". Es zählen nur Oberflächlichkeiten, Äußerlichkeiten und Floskeln.
Hauptsache, die Haare liegen.
Nach uns die Sintflut ...
rockyciano (29.11.2009, 10:04 Uhr)
Herr Schütz
es ist absolut nicht verzeihlich - auch wenn die Kanzlerin den Posten mit den Herrn von und zu Guttenberg besetzt hat.Es gibt einfach noch zu viele offene Fragen und eine ganz wichtige : wie tief stecken Frau Merkel und der neue Verteidigungsminister mit drin ??!!!
faculdoc (28.11.2009, 14:25 Uhr)
Zum " ÜberraschungsMinister " F.J.Jung
Liebe Admins,es fordert schon Knigge-Energie, um auf allein dieses von H.P.Schütz uns qualifiziert mitgeteilte Desaster nicht bösartig zu reagieren. Ich vermute, dass bei dieser C-typischen VertuschungsAffäre mehr Schuldige als nur der GI, der Staatssekretär und Jung selbst beteiligt sind. Beteiligt sind ohne Umschweife - weil mit fehlender politischer
Courage dem Wähler gegenüber und immer wieder wegen der Gier nach Macht gekennzeichnet- der durchaus umstrittene
Koch samt seiner Kanzlerin Merkel. Es kann keinem erzählt werden,dass es hierbei Unterlassungsleistungen bzgl. Rapport auf "besondere Vorkommnisse Afghanistan" gegeben habe. Was ist nur mit dieser deutschen Schattenpolitik los ?
Derselben völlig fremd muss doch die Tatsache sein : " Der richtige Mann/Frau -am richtigen Platz !" - In jedem Unternehmen ,in jeder Einrichtung wird das erforderliche Humankapital mit Sorgfalt und Verantwortung auf Geeignetheit geprüft. Und hier ? Hier zählen unverändert Parteienproporz und
ideologische Korruptionen, dass sich die Balken biegen . Wann wird in unserer politischen Landschaft Intriganten und Wahrheitsdieben endlich das Vertrauen des Souveräns entzogen ?!
Ich danke dem Kommentator für seinen Beitrag .
Gisella (28.11.2009, 12:36 Uhr)
Horsti-
200 soldaten sind aber nicht umgekommen-die tanklaster saßen auf ner sandbank fest. und dann überlegt man sich erstmal, was so zu tun ist. aber auch die leute, denen wir helfen wollen -dort -in diesem land, können lesen und wissen jetzt , wo der "Hammer hängt" -würde mich nicht überraschen, wenn jetzt die rache gegen uns und unsere soldaten greift.
Horsti2307 (28.11.2009, 11:46 Uhr)
Wegtreten, Herr Schütz
Herr S., übernehmen Sie doch mal als kleinen Zeitvertreib das Kommando und damit die Verantwortung für 500 Soldaten. Von denen kommen dann 200 bei einem Selbstmordanschlag mit 2 Tanklastern ums leben, der Rest liegt mit schwersten Verbrennungen im Krankenhaus (wie auch immer sie da hinkommen, ist ja kaum noch wer in der Lage, wen zu retten).
Mit zwei Tanklastern, deren Entführung beobachtet wurde und die man durch rechtzeitiges Handeln hätte abfangen können.
Kommen Sie erstmal in der Realität an bevor Sie hier eimerweise verbaler Hühnerkacke über unseren Soldaten ausgießen. Pressefreiheit wäre echt ne tolle Sache, aber durch Journalisten wie Sie kann man auch zu ner anderen Meinung kommen.
Zorro01 (28.11.2009, 00:03 Uhr)
Ich
mochte Jung nie. Seine Überforderung war ständig augenfällig.
Nun ist er weg. Und gut ist.

Das Nachtreten von Herrn Schütz ist ein Tribut an die Gosse.
Anzuprangern, dass Frau Merkel (nur!) 24 Stunden benötigte, um Jung in den Wind zu schießen, ist blanke Marktschreierei.

Auflagensteigerung lässt sich damit nicht erreichen.

master_of_chaos (27.11.2009, 22:18 Uhr)
Minister und Kompetenz = Schenkelklopfer !
Seit wann haben Ministeposten etwas mit Kompetenz zu tun? Hab ich was verpasst?

Sind wir hier im Media Markt und etwa blöd?
Nein, mitnichten.
Bei dem Postengeschachere fällt der dümmsten Nacktschnecke doch auf, das es hier um alles, ausser Kompetenz geht.
Da geht es ja auf einem Kirmeskarussell ruhiger zu als in unserer Volksverräterloge.

Brüller... mein Wochenende ist mal wieder gerettet. Gott sei dank gibt es Phoenix und den Stern, seid die Muppetshow nicht mehr gesendet wird.

Nursery (27.11.2009, 19:29 Uhr)
Diese Regierung ist Reif für die Insel
Merkel bekommt auch gar nichts mehr zustande.Es zeigt sich das deren Stil "Politik aussitzen" zu keinem Ergebnis führt.So miserabel die große Koaltion im Ansehen der Bevölkerung auch war.Es ist nichts gegen, das uns mit dieser CDU- FDP Truppe noch erwartet.
markus1907 (27.11.2009, 18:52 Uhr)
Endlich!!!
Ein wirklich guter Artikel. Endlich wird hier die politische Verantwortung von Frau Merkel angesprochen. Die "Hofberichterstattung" hat Diese vorher nämlich mit keinem Wort erwähnt. Es muss auf jeden Fall hinterleuchtet werden von Was und zu welcher Zeit Frau Merkel überhaupt in Kenntnis gesetzt wurde. Das muss ein wichtiges Thema für den Untersuchungsausschuß bleiben. Ich kann mir nämlich überhaupt nicht vorstellen, dass Frau Merkel bei so einer wichtigen Angelegenheit völlig ahnungslos war. Falls ja, dann ist sie für dieses Amt eh nicht geeignet Sie hatte ja auch direkt nach diesem Vorfall eine lückelose Aufklärung versprochen. Was ist denn bisher geschehen? Absolut gar nichts. Sie wollte wieder das Ganze aussitzen. Typisch Frau Merkel. Hoffentlich trägt die jetzige öffentliche und politische Aufmerksamkeit zur völligen Aufklärung dieses tragischen Vorfalls bei.
Mikelm (27.11.2009, 18:35 Uhr)
Wie heißt es..
so schön in Heines Deutschland ein Wintermärchen? ?..denke ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht?. Wo mit haben WIR das verdient? MIT UNSEREN STIMMEN BEI DER LETZTEN WAHL!!
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