4. Oktober 2009, 12:14 Uhr

Klarmachen zum Verändern

Die Piratenpartei hat bei der Bundestagswahl einen Achtungserfolg erzielt. Doch um wirklich etwas zu erreichen, muss sie professioneller werden - und zwar jetzt. Von Sebastian Christ

Piratenpartei, Seipenbusch, Bundestagswahl

Eine Anhängerin der Piraten-Partei steht am Sonntag im Areal des RAW-Tempels in Berlin©

Auf dem Fensterbrett steht noch ein Farbeimer. Und in den Regalen liegen leere Aktenordner. Erst vor einigen Wochen hat die Piratenpartei das Ladenlokal in der Berliner Pflugstraße bezogen, es ist die erste professionelle Geschäftsstelle in der noch jungen Geschichte der Partei. Auf den Tischen liegen Haftnotizen mit dem Logo von Jörg Tauss, und auf einem kleinen Schrank steht ein leer getrunkener Kasten "Club Mate". Ein Kultgetränk unter Computer-Freaks. "Das trinken hier sehr viele", sagt Robert Sarnighausen, Mitarbeiter der Geschäftsstelle. "Aber das heißt nicht, dass in der Partei nur Nerds unterwegs sind. Gerade unter den Neumitgliedern gibt es viele, für die die Thematik der Bürgerrechte im Vordergrund steht."

"Das war Web 1.0"

Mittlerweile sind die Piraten auf dem Sprung: Sie sind zu groß, um noch als Splitterpartei zu gelten. Aber zu klein, um bei der Bundestagswahl in den Fernsehgrafiken einen eigenen Balken zu bekommen. Am Wochenende erreichten sie knapp zwei Prozent der Stimmen, unter den Erstwählern waren es sogar neun Prozent. Im Berliner Wahlkreis Friedrichshain/Kreuzberg ließen sie die FDP hinter sich, auf der Hamburger Elbinsel Veddel schlugen sie sogar die CDU. Die Piratenpartei ist zwar keine Partei neuen Typs, dafür aber des neuen Stils. Das zeigte sich schon im Wahlkampf. Für die Wahlkampfmanager in den Zentralen der großen Parteien war das Netz nur ein weiterer Kanal für die Wahlwerbung - selbst in den sozialen Netzwerken. "Das war Web 1.0", sagt Robert Sarnighausen. "Man konnte nicht mit den Politikern in Diskurs treten. Es war reine Übermittlung von Botschaften." Die Piraten boten ihren Unterstützern an, aktiv mitzugestalten. Digital - und auch analog. Auf vielen Wahlplakaten ließen die Piraten weiße Flächen, die von Passanten nach Belieben gestaltet werden konnten.

Was als Marketinggag gedacht war, zeigt das Provokationspotenzial der Partei. Wie niemand sonst stehen die Piraten für einen Generationenkonflikt: Auf der einen Seite gibt es mittlerweile Millionen von jungen Bundesbürgern, die mit dem Internet aufgewachsen sind und sich dort wie selbstverständlich zuhause fühlen - die "Digital Natives". Auf der anderen Seite stehen jene, die sich dem neuen Medium - wertneutral formuliert - immer noch skeptisch gegenüber verhalten. Die daraus resultierenden Unterschiede in der Diskussionskultur sind offensichtlich. Sie äußern sich nicht nur in der Haltung zum Urheberrecht und zu Netzsperren, sondern auch in der Weise, wie Positionen und Forderungen erarbeitet werden. Deshalb ist die Piratenpartei nicht zuletzt auch ein Politikexperiment einer jungen Generation. So wie es die Grünen Anfang der 80er Jahre waren. Die Ökopartei von damals, die bei ihrer ersten Bundestagswahl 1983 1,5 Prozent der Stimmen bekam, wollte anders sein, mehr Basisdemokratie wagen. Parteitage hießen Bundesdelegiertenkonferenzen, Bundestagsmandate wurden im Rotationsverfahren vergeben, ebenso wie Posten innerhalb der Partei. Die Grünen waren spannend, weil sie eine Alternative boten zu den Politikritualen einer Republik, die im Dreiparteiensystem der 60er und 70er Jahre erstarrt war. Am Anfang stand der Versuch, die basisdemokratischen Diskussionsformen der sozialen Bewegungen in die große Politik überführen.

Mitgliederzahl im Jahr 2009 verzehnfacht

Im Grunde machen die Piraten im Jahr 2009 genau dasselbe. Sie treffen auf ein Parteiensystem, das immer mehr an Akzeptanz verliert - wie die Beteiligung bei der Bundestagswahl zeigt. Dabei orientieren sie sich jedoch nicht an den sozialen Bewegungen, sondern an Diskussionsformen, die mit dem Internet aufkamen. Der Vorstand versteht sich lediglich als ausführendes Organ, die Ideen kommen von der Parteibasis. Das Programm der Piraten kann nach Voranmeldung von jedem User mitgestaltet werden, egal ob Parteimitglied oder nicht. Dafür gibt es das so genannte "Piraten-Wiki", in dem nach dem Prinzip der Online-Enzyklopädie Wikipedia gearbeitet wird. Moderatoren achten auf neu eingehende Änderungen. Und wenn es zu Unstimmigkeiten kommt, wird per Mail kommuniziert.

Bald wird die Piratenpartei 10.000 Mitglieder haben. Vor einem halben Jahr waren es noch knapp 1.000. Schon jetzt ist sie die größte der Kleinparteien, täglich treten 70 Neupiraten bei. Mit den sprunghaft steigenden Mitgliederzahlen jedoch werden auch strukturellen Probleme spürbar. Wie überwacht man ein Wiki, an dem statt Dutzenden plötzlich Tausende User mitarbeiten? Derzeit tüftelt die Piratenpartei an technischen Lösungen. "Ein politisches Wiki hat andere Prämissen als eine Enzyklopädie", sagt der Parteivorsitzende Jens Seipenbusch. "Man muss zum Beispiel mehrere Entwürfe nebeneinander stellen können." Es gibt nun eine eigene Arbeitsgemeinschaft, die sich um neue Software für die innerparteiliche Kommunikation kümmert.

Das Glaubwürdigkeitsproblem heißt Tauss

Doch was braucht es, damit eine kleine Partei auch wirklich eine ernstzunehmende Partei wird? Die knapp zwei Prozent bei der Bundestagswahl sind zwar ein Achtungserfolg, mehr jedoch nicht. Der Markenkern der Piratenpartei ist der Kampf um digitale Bürgerrechte. Und der ist latent gefährdet. Sowohl Grüne als auch FDP melden in diesem Gebiet Ansprüche an. Seipenbusch lässt zudem offen, ob sich die Piraten zukünftig noch um andere Themen kümmern wollen. "Ob es weitere Themen gibt, wird der Diskussionsprozess zeigen". Bisher beschränkt sich die Partei lediglich auf die "Freiheit im Internet".

Zudem liegt die Personalie Jörg Tauss wie ein großer Schatten über der Glaubwürdigkeit der Partei. Der SPD-Bundestagsabgeordnete war zu den Piraten gewechselt, nachdem er wegen einer Kinderporno-Affäre sämtliche Ämter in der SPD niedergelegt hatte. Parteichef Seipenbusch vertritt in diesem Fall eine Argumentation, die sich vor allem an rechtlichen Maßstäben orientiert. Es gelte die Unschuldsvermutung, bis zu einer Verurteilung.

Ähnlich argumentierten Parteimitglieder auch, als Parteivize Andreas Popp der "Jungen Freiheit" ein Interview gab. Die rechtslastige Wochenzeitung wirbt gern mit den Namen ihrer Interviewpartner, um ihr schmuddeliges Image aufzupolieren. Es hieß, dass die "Junge Freiheit" zwar deutschnational sei, aber nicht rechtsextrem. Deswegen dürfe man Interviews mit diesem Blatt nicht ausschließen - eine legalistische Argumentation, die sich selbst von der Pflicht zu politischem Spürsinn freispricht. Popp selbst sagte, dass er schlicht nicht gewusst habe, wer hinter der Zeitung steht. Die Diskussion beweist, dass der Kampf um barrierefreie Kommunikation, den die Piratenpartei führt, eben auch manchmal Grenzen hat. Die Freiheit, mit der man rechten Publikationen durch Interviews (ungewollt) zur Hoffähigkeit verhilft, ist nicht jene Freiheit, die man im Internet gegen Zensur verteidigt.

Um solche Affären zu vermeiden, wollen die Piraten ihre Strukturen professionalisieren. Mittlerweile gibt es eine Pressestelle, die Interviewanfragen vorsortiert. Und aus der Parteienfinanzierung sprudeln in den kommenden vier Jahren bis zu 2,9 Millionen Euro. Ein Segen für die Partei. Es könnte das Startkapital für eine tragfähige Zukunftsstruktur sein.

 
 
KOMMENTARE (10 von 20)
 
desasterman (05.10.2009, 10:47 Uhr)
Hoffähigkeit
"Die Freiheit, mit der man rechten Publikationen durch Interviews (ungewollt) zur Hoffähigkeit verhilft, ist nicht jene Freiheit, die man im Internet gegen Zensur verteidigt."

Lieber Stern, die "Junge Freiheit" hat durch das Breittreten dieses Themas in den Medien mit Sicherheit um ein Vielfaches mehr an Lesern dazugewonnen, als durch das Interview mit Andreas Popp. Außerdem ist zumindest der Inhalt des Interviews nun wirklich nicht zu beanstanden.
AxelR. (05.10.2009, 08:16 Uhr)
nichts neues
Was jetzt noch wie Rebellion klingt wird spätestens beim Einzug in den Bundestag zur müden Anpassungsnummer werden. Auch die Piraten werden sich diversen Lobbygruppen nicht entziehen und sich schön anpassen - wenn sie erst einmal über die 5 Prozent sind. Aber wer möchte schon von einer Partei in der "nicht nur Nerds" sind mitregiert werden...
mupfeline (05.10.2009, 07:43 Uhr)
@acenes
wie gut dass es

1, in anderen Parteien keine Vorkommnisse gibt und

2. die Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils abgeschaff wurde.

Sind Sie auch ein Anhänger von: "Ich habe nichts zu verbergen, meine Telefone können gerne abgehört werden und meine Briefe und Mails gern gelesen werden von wem auch immer ...

dann graturliere ich Ihnen zu Ihrer schönen neuen Welt.

Wer noch nicht gemerkt hat dass dieser Staat die Bürgerrechte immer mehr einschränkt, das Postgeheimnis nicht mehr gilt, die Privatspähre durchleuchtet wird und das freie Internet an die Kette gelegt werden soll - dem gratuliere ich zu seinem gesunden Schlaf.

Schlafen Sie also weiter - aber wundern Sie sich nicht wenn es ein böses Erwachen gibt.

ICH habe meine Erfahrungen schon gemacht mit diesem Staat DDR und seiner Rundumüberwachung - SIE brauchen sie die Erfahrungen - wohl erst noch um munter zu werden.

Und dasselbe gilt für alle anderen Verharmloser dieses Schnüfflers Schäuble und seiner Anhänger.
johnwayne1477 (05.10.2009, 01:15 Uhr)
Nichts Neues
Liebe Freunde und Befürworter der Piraten,

regt euch bitte nicht auf über Leute, die es für richtig halten einen Überwachungsstaat aufzubauen. Regt euch nicht auf über Leute die einfach irgendwas ablassen, von dem sie offensichtlich keine Ahnung haben. Wir kennen doch das Spiel mittlerweile.

Niemand nimmt sich wirklich Zeit um sich erstmal ausgiebig mit der Thematik auseinanderzusetzen. Wer von denen, die die Piratenpartei verunglimpfen wollen, oder einfach nicht verstehen, hat sich wohl ernsthaft mit der Thematik befasst?

Die Nichtpolitiker befürworten eine Vorgehensweise die nichts, aber wirklich gar nichts, an dem Problem der Kinderpornographie ändert. Auch in Bezug auf alles andere, für was die Piratenpartei einsteht, verstehen die auch nicht mehr.
Lieber die gute alte "Blöd" Zeitung lesen, weil alles was da drin steht ist wichtig und richtig. (Von wegen überparteilich)

Die Politiker die Angst vor der Piratenpartei haben, wissen sicherlich auch warum. Denn bei dieser kann jeder mitreden, dass nenne ich wahre Demokratie, und nicht Rechte und Pflichten setzen nach Wunsch ihrer Lobbyisten.

Für den Rest fällt mir nur ein Lebensmotto von einem uns allen Bekannten ein. Dieses ist "Wer keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten."
dentix07 (05.10.2009, 00:24 Uhr)
Nur so zur Information
Andere Interviewpartner der ?JF? hießen Ephraim Kishon, Peter Glotz, Michel Friedmann, Egon Bahr, Peter Gauweiler ......!
Stehen bestimmt nicht in Verdacht "rechtes Gedankengut" zu vertreten!
Und warum Tauss so eine Hypothek sein soll kann ich nicht einsehen. Vor Kurzem wurde ein CSUler wegen Kipo verurteilt, Schäubles schwarze Koffer sind noch in Erinnerung, Zensursulas Fahrtenbuch ist immer noch nicht offengelegt, Ullas Alicante-Fahrt gab's auch noch und in allen sonstigen Parteien finden sich an führender Stelle Leute die schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, teilweise auch rechtskräftig verurteilt!
"Sowohl Grüne als auch FDP melden in diesem Gebiet (Bürgerrechte) Ansprüche an."
Die Grünen sind in der Opposition. Und ob die FDP sich (sofern sie tatsächlich will) gegen die CDU/CSU durchsetzen kann, ist noch nicht klar!
Sollte die FDP ihre Vorstellungen umsetzen können, ist die Piratenpartei wahrscheinlich Vergangenheit. Na und? Hauptsache ist doch daß das zentrale Thema Berücksichtigung findet. Parteien existieren doch nicht als Sebstzweck (müsste man SPD/CDU/CSU/GRÜNEN/LINKE und auch der FDP mal wieder ins Stammbuch schreiben). Sie haben eine Aufgabe: an der politischen Meinungsbildung MITWIRKEN, nicht mehr!
Mikeorganizer (04.10.2009, 23:14 Uhr)
turmsicht
Oh doch wir brauchen solch eine Partei- eine Partei mit Idealen - Volksnähe aber vor allem mit Glaubwürdigkeit. Es ist gerade zu wiederlich das hier immer wieder vergreiste Leute über Dinge reden von denen sie keine Ahnung haben. Aber falls diese Partei sterben sollte - stirbt die letzte Hoffung auf all die Dinge die einen freien Menschen ausmachen und damit meine ich sicherlich keine Verbrechen. Aber eine genugtuung habe ich dann - wenn diese Partei verliert und die volle Zensur und Kontrolle jedes Bürger endlich Realität geworden ist, dürfen wir zukünftig auch auf ihr Kommentar verzichten. Ein schwacher Trost aber immerhin etwas.
richter169 (04.10.2009, 22:12 Uhr)
ich frage
mich wieso Leute die Fragen haben, nicht zu den Leuten gehen, wo sie die Antworten bekommen. Das sind die Stammtische der Piraten. Die findet man bei der Piratenpartei de und da findet man noch mehr. Jede Stimme die einer anderen Partei zugefallen ist, wenn man die Piraten mag, ist das glauben einer Lüge. Damit meine ich die verschenkte Stimme. Die gibt es in einer Demokratie nicht. Aber in den Augen der Bundestagspartein schon. Warum wohl?

Bis dann
LG von Richter169
hardius (04.10.2009, 21:58 Uhr)
Ich war kurz davor...
... die Piratenpartei zu wählen. Aber es galt mir vorerst als verlorene Stimme gegen Quido. Ich werde sie aber weiter im Blickfeld behalten. Eine Partei mit unverbrauchten Persönlichkeiten und politischer Vernunft wird in Deutschland dringend gesucht!
Schau'n wir mal.
Popobawa (04.10.2009, 19:51 Uhr)
@Hostie
Haben wir doch, die Junge Freiheit gibt Wochenlang umsonst Werbung für die Piraten, gibt eine inoffizielle Empfehlung ab, spätestens da hätte man merken sollen das dieses gelaber von Rechtlastiges Blatt nur eine Hetzkampagne ist. Und dann fällt ihr denen noch so richtig saftig in den Rücken. Vera Lengsfeld (CDU) hat es schon passend auf den Punkt gebracht, mangelndes Rückgrat zeichnen die Piraten aus.
Hostie (04.10.2009, 19:40 Uhr)
Hier haben offensichtlich ...
einige Foristen ihre Kenntnis über die Piraten aus der BLÖD-Zeitung oder ähnlichen Intelligenzblättern. @Ascenes, @popobawa, @turmsicht und auch @ur63: bevor ihr sowas hier abseicht macht euch erstmal schlau, und zwar vorher.
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