Renate Künast will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden und Klaus Wowereit ablösen. Die Chancen für die Grüne stehen gar nicht schlecht. Ein Porträt Von Sebastian Kemnitzer und Lutz Kinkel

Laut, grün, angriffslustig: Renate Künast© Uwe Anspach/DPA
Beinhart. Richtig beinhart reagierte Renate Künast, wenn man sie darauf ansprach, ob sie für den Posten des Berliner Bürgermeisters kandidiere. "Versuchen Sie es erst gar nicht", blaffte sie. "Ich sage sowieso nichts." So war es dann auch. Doch ihr Schweigen war unglaubwürdig. So, als würde eine Schwangere im siebten Monat behaupten, sie wisse nichts von einer Familiengründung. Überhaupt nichts.
Zumindest in der Hauptstadt ist es seit Wochen ein offenes Geheimnis, dass die 54-Jährige kandidieren wird. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es bis heute nicht. Aber die Indizien verdichteten sich am Mittwoch so sehr, dass grüne Mitstreiter weich wurden. Er gehe davon aus, dass sie antrete, sagte der Künast-Intimus Wolfgang Wieland dem "Tagesspiegel". Bekannt gegeben werden soll die Entscheidung am 5. November auf einem "erweiterten Mitgliederabend" im Museum für Kommunikation. Natürlich lade man nicht zu einer solchen Veranstaltung ein, wenn da nichts passiere, hieß es aus der Partei.
Künast. In einer Reihe mit den großen Regierenden Bürgermeistern von Berlin, Heroen wie Ernst Reuter, Willy Brandt und Richard von Weizsäcker. Da weht der Mantel der Geschichte, und die Grünen könnten den Zipfel erhaschen. Diese Aussicht kitzelt selbst Christian Ströbele, der gewiss nicht zu den engen Freunden Künasts in der Partei zählt. "Es ist ein faszinierendes Ziel, die Führung zu übernehmen", sagt er zu stern.de.
Andererseits wird nun ein Mann fuchsig, der weiß, dass ihn diese Kandidatur ins politische Aus manövrieren kann: Klaus Wowereit (SPD). Er nahm den Fehdehandschuh am Mittwoch sofort auf und attackierte Künast an ihrer schwachen Stelle. "Eine Rückfahrkarte in die Bundespolitik, die Frau Künast sich offenbar bereithalten will, schadet Berlin", sagte der Berliner Regierungschef. Tatsächlich deuten selbst Spitzengrüne hinter der Hand an, dass Künast keineswegs vorhat, im Berliner Abgeordnetenhaus zu versauern und fleißig Anträge zu verfassen, wie sich die Hundekacke aus dem Straßenbild der Hauptstadt entfernen lässt. Entweder sie gewinnt die Wahl im September 2011 - oder macht weiter Bundespolitik.
Faktisch ist damit der Wahlkampf eröffnet, und Künasts Ausgangsposition ist besser denn je. In der jüngsten Forsa-Umfrage liegen die Berliner Grünen bei 30 Prozent, die SPD bei 26, die CDU erzielt 16 und die Linken 15 Prozent. "Künast hat keine herausragenden Eigenschaften. Aber sie ist sichtbar, nicht verbraucht und im richtigen Alter", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner zu stern.de. Berlin sei eigentlich keine Stadt, die grün ticke. Aber die Grünen profitierten von der Lage ihrer Konkurrenten: Die SPD sei in einer schlechten Verfassung, die CDU in einer noch schlechteren, und der Wowi-Bonus habe sich abgenutzt. Unter den Wählern herrsche der Eindruck: "Wowereit ist zu zynisch geworden, er kümmert sich nicht um die Stadt."
Zynismus lässt sich Künast nicht nachsagen, im Gegenteil. Sie wirkt immer ein bisschen überengangiert, "voller Ideen und voller Tatendrang", wie es ein Parteifreund im Gespräch mit stern.de ebenso blumig wie ironisch formuliert. Ihr Standardauftritt sieht so aus: verschränkte Arme, Schnute, und dann bellt sie los. Vor der Fraktion, im Bundestag, bei Pressekonferenzen, überall. Oft ist sie so aufgedreht, dass sie in freier Rede vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, alle Zeitlimits überschreitet und Mitdiskutanten erst gar nicht zu Wort kommen lässt. Ein Kraftwerk mit Stoppelfrisur, das reichlich Hitze abgibt und die Pflänzchen drumherum schon mal ansengt. Ein moderner Kommunkationsberater würde sagen: Das geht gar nicht, die Frau muss ihre Auftritte geschmeidiger gestalten.
Aber eben das ist auch Künasts Vorteil: Sie ist kantig, macht keinen Hehl daraus und gewinnt dadurch Glaubwürdigkeit. "Renate ist eine politische Kämpferin, die ganz nah am Herzen der Bevölkerung ist", sagt Fritz Kuhn, stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion, zu stern.de. Legendär sind ihre Fights mit Bauernpräsident Gerd Sonnleitner, den sie sich als Verbraucher- und Agrarministerin unter Kanzler Gerhard Schröder vorknöpfte. Sie forcierte die ökologische Landwirtschaft, er gab den Betonkopf der Nahrungsmittelindustrie. Heute ist Bio-Food eine Erfolgsgeschichte, gerade auch in Sonnleitners Heimat Bayern. Das war und ist ein großer realpolitischer Sieg für Künast.
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