Die Bahn jubelt - und taktiert

28. November 2011, 16:11 Uhr

"Vorbildlich", "beispielgebend" - Bahnchef Grube jubelt über den Ausgang des Volksentscheids zu Stuttgart 21. Aber: Bei den Projektkosten will er sich nicht festlegen. Von Hans Peter Schütz

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Gute Laune: Bahnchef Rüdiger Grube©

Bundesbahnchef Rüdiger Grube stellte sich am Montag als rundum glücklicher Mensch der Presse. Der Ausgang der Volksabstimmung über Stuttgart 21 ermögliche "nicht nur den modernsten Bahnhof und Bahnknoten Deutschlands". Er ermögliche auch eine leistungsfähige Infrastruktur mit schnellen Verbindungen.

Grube würdigte das Ergebnis der Abstimmung auch als "vorbildlich und für Deutschland beispielgebend". Er könne zwar verstehen, dass der eine oder andere Gegner enttäuscht sei, "aber ich bin zuversichtlich, dass die Mehrheit der Gegner das Ergebnis akzeptieren wird".

Kalkulation mit "Risikovorbehalt"

Auf der Pressekonferenz machte Grube jedoch zugleich deutlich, dass es um das Projekt Stuttgart 21 vermutlich bald neue Auseinandersetzungen geben wird - vor allem beim Blick auf die Gesamtkosten. Die Bahn kalkuliert derzeit mit 4,526 Milliarden Euro. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat mehrfach gesagt, dass er an dieser Kalkulation eisern festhalten werde, die den Finanzierungsanteil seines Landes auf maximal 930 Millionen Euro begrenzt. Kretschmann: "Mit größeren Beträgen werden wir uns an diesem Projekt nicht beteiligen." Sollten die Kosten über diesen Betrag hinausgehen, dann müsse die Bahn selbst zahlen. "Die Bahn ist der Bauherr", betonte Kretschmann in Stuttgart.

Auf diese Diskussion ließ sich Grube in Berlin nicht ein. Er versicherte zwar nochmals, der Kostenrahmen werde eingehalten. Wenn sich eine Überziehung abzeichne, fügte Grube aber hinzu, dann werde man sich mit der Landesregierung hinsetzen und beraten, "wie wir miteinander vorgehen." Volker Kefer, im Bahnvorstand für Technik zuständig, ergänzte: "Es gibt bei solchen Projekten immer einen Risikovorbehalt."

Schätzungen bis 9 Milliarden

Grube wies zum Beispiel hin, dass kein Mensch wissen könne, wie sich etwa die Stahlpreise in den nächsten zehn Jahren entwickeln würden. Sicher sei, dass sie nach oben tendierten. Aus seiner Sicht ist es unmöglich, eine verbindliche Kostenkalkulation bis Ende des Jahres 2019 vorzulegen. Ob man bis dahin fertig sein werde, dafür lege er seine Hände nicht ins Feuer. Grube: "Hexen können wir auch nicht." Durch die Volksabstimmung sind der Bahn nach eigenen Angaben bereits grob geschätzt 50 Millionen Euro zusätzliche Kosten entstanden.

Dass das Projekt für rund 4,5 Milliarden zu realisieren ist, wird von Experten massiv bezweifelt. Der Bundesrechnungshof taxierte die Gesamtkosten schon 2008 auf 5,3 Milliarden Euro, die Grünen und die Umweltschutzorganisation Bund rechneten im gleichen Jahr mit bis zu 8,7 Milliarden Euro, auf einer Klausurtagung der Beratenden Ingenieure der Ingenieurkammer Baden-Württemberg 2010 kursierte nach stern.de-Informationen eine Schätzung von 9 Milliarden Euro. Diese Summe hatte der Stuttgarter Geologe Martin Schaffer dem Ministerpräsidenten in einem Brief mitgeteilt.

Kretschmann verlangte in den vergangenen Wochen von der Bahn, dass sie eine öffentliche Erklärung abgibt, alle Mehrkosten selbst zu tragen - worauf die Bahn jedoch nicht einging. Denn das würde klar machen, wer aller Voraussicht nach letztlich für mögliche Kostensteigerungen aufkommen muss: der Bahnkunde.

 
 
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