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14. Februar 2008, 16:38 Uhr

Keine Blumen für Zumwinkel

Während vor dem Haus von Klaus Zumwinkel Dutzende Journalisten auf das entscheidende Foto warten, können es die Mitarbeiter der Deutschen Post nicht fassen: Steuerhinterziehung? Aber doch nicht Klaus Zumwinkel. stern.de war vor Ort - im Kölner Villenviertel und in der Kantine der Deutschen Post. Von Ruth Helmling

Reporter belagern Zumwinkels Haus im Kölner Villenviertel Marienburg© Martin Meissner/ AP

In der Kantine der Post gibt es an diesem Tag Blumen. "Ist doch Valentinstag", meint eine Blumendame mit Herzchenhut und Herzchenpulli verschwörerisch und drückt jedem zum Tablett eine rosa Tulpe in die Hand. Es ist Mittag, und der Post-Mitarbeiter an sich geht zu Tisch. Manchmal wird auch Konzern-Chef Klaus Zumwinkel in der Kantine gesichtet. "Er fragt dann, wie die Stimmung so ist, und verspricht, etwas am Essen zu ändern", erzählt ein Mitarbeiter. "Heute wohl eher nicht", meint ein anderer trocken. Wenn Zumwinkel sich heute nach der Stimmung erkundigen würde, dann bekäme er vor allem eine Reaktion: ungläubiges Schweigen. Steuerhinterziehung - klar, soll es geben. Aber nicht er. Nicht unser Post-Chef. Zugetraut hätten ihm den Skandal nur die wenigsten. Nett, loyal, sympathisch. So habe man ihn gesehen.

Da passt es nicht rein, dass er, der den Chefposten bei der Deutsche Post vor 19 Jahren übernommen und den Konzern erfolgreich privatisiert hat, - ausgerechnet er - unter dem Verdacht steht, zehn Millionen Euro abgezweigt und auf schwarzen Konten in Liechtenstein deponiert zu haben. "Was soll ich denn sagen", zuckt ein Mitarbeiter in den 40ern mit den Achseln. "Ich gucke heute Abend Nachrichten." "Warten auf den Mops" Auch im Kölner Villenviertel Marienburg hängen die Wolken tief. Als könne der Himmel sich nicht entscheiden, ob er es auch regnen lassen soll oder nicht. Der Presseauflauf vor der Zumwinkel-Villa gleicht einem Spiel, in dem jede Figur ihre Position genau kennt. Festgefroren reihen sich gut zwei Dutzend Journalisten hinter dem rot-weißen Absperrband auf. Die Vorhänge der Villa sind zugezogen. Nur ganz oben, in den Giebeln, lassen zwei Fenster Licht ein. Unbewegt strecken die Bäume ihre kahlen Äste in den Himmel. Ein Kinderwagen knirscht über den feuchten Bürgersteig, begleitet vom dunklen Brummen des Generators vom ZDF. Vor dem Haus frieren eine Hand voll Polizisten, die keine Auskünfte erteilen dürfen.

"Die warten auf den Mops", bringt ein Grünflächen-Arbeiter im Park gegenüber die Szene auf den Punkt. "Spannend ist das, mal ein bisschen Action", freut sich sein Kollege und beobachtet unter seiner dicken Wollmütze das Geschehen auf der anderen Straßenseite. Niemand weiß es genau, aber alle vermuten es: Hinter dem grün-weißen Zaun in dem Haus mit den grün-weißen Fenstern hält sich nicht nur die Staatsanwaltschaft auf, sondern auch der Post-Chef persönlich. Und irgendwann, so die Vermutung, muss er auch raus kommen. Es geht um viel Geld, weiß der Kollege. "Für mich wären das 13.000 Monatsrenten", sagt er im schönsten Kölsch und überlegt, was er selbst alles damit machen könnte. Zu früh gefreut Plötzlich Aufregung. Das Tor bewegt sich! Die Kamerateams hasten in Position. Ein Journalist schleppt ein Klapp-Treppchen an. Jeder Zentimeter zählt - könnte zählen. Die Polizisten treten zurück, die grün-weißen Holzpfosten schwingen auf, zwei Autos fahren heraus. Ein hellblauer Ford. Ein kleiner schwarzer Flitzer. "Das ist er!" ruft einer. Zu früh gefreut: in dem Sportwagen sitze "der Kölner Anwalt", sagt ein Reporter in die Fernsehkamera. Der Anwalt sieht durch das Autofenster ein bisschen aus wie Zumwinkel.

Der Sportwagen verschwindet in wenigen Sekunden Richtung Rheinufer. Der Staatsanwalt fährt seinen Ford wieder zurück auf den Hof. Wenigstens etwas. "Total geil, wir haben die Bewegung drauf", freut sich ein Fernsehteam.

Wieder warten. Nebel frisst sich kalt in die Hände und Füße, nur krakelig bewegen sich die Stifte über die Notizblöcke. Zumwinkel ist nicht zu sehen, die Polizisten erteilen keine Auskunft, und so bleibt den Journalisten nur eines: die Nachbarn. Hätten Sie das gedacht? Wie ist er so, der Nachbar, privat? Haben Sie etwas erwartet? Gesehen? Gehört? Darf man vielleicht auf Ihren Balkon? Auch die Nachbarn sind keine Quelle Nur: Schräg gegenüber der Villa Zumwinkel - die Grünfläche. Daneben: ein Vereinshaus. Schräg links: eine Arztpraxis. Bleibt also das Mehrfamilienhaus daneben. Auf dem Balkon von Nr. 24 erscheint ein originaler Zumwinkel-Nachbar, und ein Journalist reckt hoffnungsfroh den Hals. "Ich kann nichts über meine Nachbarn sagen. Bitte? Ich hör Sie kaum." Der Nachbar schüttelt den Kopf. Gedreht würde hier öfter. Fernsehteams, ja, das kenne man, für die Fernsehserie "Verbotene Liebe" und so. "Ich bin froh, wenn ich meine Ruhe habe", sagt der Nachbar. Eine Frau erscheint in der Balkontür, dann ist die Quelle auch schon versiegt. Das Warten geht weiter. Mittag. Etwa 50 Kilometer weiter südlich gehen die ersten Post-Mitarbeiter in die Kantine. Da passiert es. Vor der Kölner Villa in Marienburg, wo die Vorhänge den ganzen Morgen schon unbewegt hinter den Fenstern hängen, tut sich etwas. Ein Polizist auf dem Motorrad führt zwei silberne Staatsautos mit Blaulicht an. Aufgeregt rücken die Journalisten hinter dem Absperrband zusammen, das rot-weiße Plastik dehnt sich bedenklich in Richtung Villa.

Und keiner hat ihn gesehen

Jetzt. Jetzt. Ein Platzregen aus Auslösern ergießt sich aus der Kamerafront, analog und digital. Hunderte Male Hofeinfahrten, Torflügel, Autofenster. Zumwinkel kommt raus. Und keiner hat ihn gesehen. Verhaftet? Zum Verhör abgeführt? Keiner weiß es. Der Staatsanwalt bleibt noch ein bisschen. Er holt einen Umzugskarton, und geht wieder ins Haus. Auch der Himmel hat noch nicht entschieden. Nur die Wolken, die hängen tief.

Von Ruth Helmling
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
stesocom (15.02.2008, 14:40 Uhr)
Zumwinkel bekam den Hals nicht voll!!!
Es ist ja kaum zu fassen, dass manche Manager den Hals nicht voll genug bekommen können. Mehrere Millionen Euro soll der Vorstandsvorsitzende der Post an den Fiskus vorbei geschleust und in Lichtenstein deponiert haben. Herr Zumwinkel, der ein jährliches Einkommen von über 15 Millionen Euro verdient (oder auch nicht !), reichen diese Gelder wohl nicht mehr aus. Nein, es muss noch mehr Geld angehäuft werden, und das möglichst steuerfrei !!! Solche Menschen sollen sich nicht nur schämen , sondern gehören zu den Asozialen unserer Gesellschaft. Asozial bedeutet schließlich, sich gegen die Gesellschaft wendend. Infolgedessen ist Herr Zumwinkel asozial !!! Leider handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Es scheint so, als ob es ein in Mode gekommener Sport unter den Superreichen geworden ist, wie man den Staat und damit uns „dummen“ Bürger am Besten austricksen kann. Danach kann man vor seinen „Freunden 2 richtig toll prahlen. „Man bin ich ein super Hecht. Da hab` ich dem Staat mal wieder richtig kräftig in den Arsch getreten !!!“ Die Staatsanwaltschaft hat dieses zumindest im Fall des Vorstandsvorsitzenden der Post vereitelt. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. Allerdings gehe ich davon aus, das Zuwinkel durch Zahlung einer 7 stelligen Geldstrafe mit 2 Jahren auf Bewährung davon kommen wird. Ein normaler Bürger, der sich nicht freikaufen kann, würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, kaum unter 10 Jahre Gefängnis davon kommen. So ist unser Rechtsystem gespalten. Sehr tragisch !!!!
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