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2. November 2011, 13:32 Uhr

Immer mit der Ruhe, Herr Erdogan!

Der türkische Ministerpräsident Erdogan schimpft wieder auf die deutsche Integrationspolitik, fordert Türkischkurse für Migrantenkinder und gibt sich auch sonst schlechtgelaunt. Nun ist aber mal gut, findet Niels Kruse

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Selbstbewusst und erfolgsverwöhnt: der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan© Tolga Bozoglu/EPA/DPA

Lieber Herr Erdogan, zunächst einmal: Herzlich willkommen in Deutschland. Es ist immer wieder eine Freude, Sie hier begrüßen zu dürfen, auch wenn Sie bei Ihrer Ankunft nicht gerade zurückhaltend waren. Unsere Landsleute mit türkischen Wurzeln werden neugierig sein, erneut ihren Worten lauschen zu dürfen. Vor einem dreiviertel Jahr hatten Sie ja schon einmal die Gelegenheit, vor 11.000 Menschen in Düsseldorf eine Art Massenpredigt abzuhalten. Leider kam die nicht überall so gut an, was vielleicht auch daran lag, dass Sie zwar Integration forderten, aber bitte nicht zu viel - schließlich dürfe kein Türke seine Kultur vergessen. Ganz so, als wäre die zweite oder dritte Einwanderer-Generation vor der Sie sprachen, immer noch eine Schar von Gastarbeitern auf Zwischenstopp in Essen-Mühlheim, Berlin-Kreuzberg oder Köln-Porz wie vor 50 Jahren.

Vor genau einem halben Jahrhundert, als die ersten Einwanderer aus der Türkei nach Deutschland kamen, und derentwegen Sie nun Berlin besuchen, mögen alle Beteiligten noch geglaubt haben, dass die Gäste aus dem fernen Süden nach ein paar Jahre auf Lohnarbeitwanderschaft in ihre Heimat zurückkehren würden. War aber nicht so, sie kamen, um zu bleiben. Ihre Äußerungen aber, die Sie, Herr Erdogan nun vor Ihrer neuen Stippvisite lauthals verkündeten, klingen so, als wäre und könne Deutschland nur ein unfreiwilliges Exil für die türkischen Einwanderer und ihren Nachwuchs sein, das es schnellstmöglich zu verlassen gelte. Interessanterweise ist das übrigens die gleiche Einstellung, die für die verfehlte deutsche Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte mitverantwortlich ist.

War Kurdisch vor einigen Jahren nicht verboten?

Ironischerweise war es die "Bild"-Zeitung, der Sie nun ein Interview gaben, um Ihre These von "Türkisch zuerst" zu wiederholen: Schon in Düsseldorf hatten Sie vehement gefordert, dass die Migrantensprösslinge natürlich Deutsch lernen sollten, aber wichtiger noch: erst, nachdem sie Türkisch gelernt haben. Herr Erdogan, es wäre interessant zu wissen, was passieren würde, wenn der Ministerpräsident Ihres bei Ihnen nicht von allen ganz so geschätzten Nachbarlandes Griechenland seine Minderheit in der Türkei dazu aufforderte, doch bitte die griechische Sprache der türkischen vorzuziehen. Nur zur Erinnerung: War es bis vor einigen Jahren der größten Minderheit in Ihrem Land, den Kurden, nicht sogar verboten, ihre eigene Sprache zu sprechen?

Natürlich sollte es selbstverständlich sein, dass jeder, der in Deutschland zur Welt kommt und hier aufwächst, zunächst einmal Deutscher ist. Unabhängig davon, woher die Eltern kommen und ganz gleich, welche Staatsbürgerschaften das Schicksal ihm oder ihr mit in die Wiege gelegt hat. Und natürlich sollten Deutsche deutsch sprechen können. Alles andere ist und bleibt jedem selbst überlassen, wobei eine zweite Muttersprache eher ein Glücksfall denn ein Intergrationshindernis ist. Sicher: Von solchen Selbstverständlichkeiten, wie sie in anderen Einwanderungsländern wie etwa den USA üblich sind, ist Deutschland leider noch weit entfernt. Die Politik, aber auch Teile der Bevölkerung machen es den Zugezogenen nicht leicht, sich hier zu Hause zu fühlen.

Türke zu sein ist kein gottgebender Dauerzustand

Aber Ihre Auslassungen, Herr Erdogan, torpedieren genau die Anstrengungen, die Integrationsversäumnisse des vergangenen halben Jahrhunderts auszubessern. Wer hier lebt, muss zum Glück kein Hurra-Patriot werden, er muss noch nicht einmal deutscher Staatsbürger sein, wie Sie es empfehlen. Er soll sich auch nicht entscheiden müssen, ob er nun ausschließlich die rote Fahne im Herzen trägt oder die schwarz-rot-goldene. Er soll einfach nur in Ruhe nach seinem Gusto leben können. Türke zu sein, das mag in Ihrem Weltbild eine immerwährende Gnade des Herren sein - aber ob und wie türkisch die Menschen hierzulande zu sein haben, bleibt immer noch ihnen selbst überlassen.

Lieber Herr Erdogan, hören Sie bitte auf, an den Menschern herumzuzerren und sie wie orientierungslose Kinder zu belehren. Wenn Ihr Wirtschaftswunderland wirklich hält, was es derzeit verspricht, werden die Leute ohnehin in Scharen an den Bosporus kommen. Und dann wollen Sie sicher auch keinen Staatsgast, der schon im Vorfeld seiner Reise beleidigt-polternd offene Türen eintritt.

findet Niels Kruse
 
 
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