Hilft mehr Videoüberwachung wirklich?

17. Dezember 2012, 13:57 Uhr

Nach der Beinahe-Katastrophe am Bonner Bahnhof hat Innenminister Friedrich eine schärfere Videoüberwachung gefordert. Allein: Damit lässt sich kein Terroranschlag verhindern. Von Lutz Kinkel und Elias Schneider

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Abschreckende Wirkung: Videokamera vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth, Bayern©

Vergangene Woche Montag, 12.49 Uhr. Es gibt einen neun Sekunden langen Filmschnipsel aus der McDonald's-Filiale im Bonner Hauptbahnhof. Mehr nicht. Darauf ist ein bärtiger, junger Mann mit Mütze zu sehen. Er trägt die blaue Sporttasche, in der eine Bombe versteckt war. Kurz darauf lag die Tasche an Gleis 1, der Zünder war aktiviert. Die Bombe wäre explodiert und hätte verheerende Schäden angerichtet - wenn sie nicht fehlerhaft zusammengebastelt worden wäre. Glück im Unglück, Rettung durch Dilettantismus.

Das ist überaus peinlich für Behörden, Fahnder, Polizei. Sie konnten die Bonner Bahngäste nicht schützen, sie haben das versuchte Attentat im Vorfeld nicht verhindert. Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zog daraus eine erste Konsequenz: "Wir brauchen eine effiziente Videobeobachtung und Videoaufzeichnung auf öffentlichen Plätzen und in Bahnhöfen", sagte Friedrich dem "Spiegel". Prompt flog ihm die öffentliche Kritik um die Ohren.

Bittere Erfahrung in London

Bernhard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei sagte: "Wer eine selbstgebaute Bombe an einer belebten Stelle deponiert, lässt sich nicht durch eine Überwachungskamera aufhalten. Der Täter will sein Ziel, massiven Schaden anzurichten und gleichzeitig möglichst viele Menschen zu töten, auf jeden Fall erreichen. Dass er dabei womöglich gefilmt wird, wird ihn nicht zum Umdenken bewegen." So war es offenbar auch in Bonn. In dem Bahnhofsgebäude sind sieben Kameras installiert, der Täter konnte nicht wissen, dass die Aufnahmen nicht archiviert werden. Hat es ihn davon abgehalten, die Bombe zu platzieren und zu zünden? Nein.

Diese bittere Erfahrung mussten auch die Londoner Sicherheitsbehörden machen, die mit mehreren Millionen Videokameras täglich die gesamte Stadt beobachten. Am 7. Juli 2005 ließen Rucksackbomber während der Hauptverkehrszeit am frühen Morgen vier Sprengsätze detonieren, drei davon in der U-Bahn, einer in einem Doppeldeckerbus. 56 Menschen starben, mehr als 700 wurden verletzt. Die britische Hauptstadt stand unter Schock, das gesamte U- und Busliniennetz stand still, der Handel an der Börse wurde zeitweise ausgesetzt. Immerhin: Den Fahndern gelang es aufgrund des Videomaterials innerhalb weniger Tage, die Täter zu identifizieren. Sie konnten allerdings nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden, weil sie selbst bei den Attentaten umkamen.

Ex-post-Analysen

Insofern hat Polizeigewerkschaftler Witthaut Recht: Ideologen, die überzeugt sind, einen heiligen Krieg - gegen wen oder was auch immer - zu führen, lassen sich von Kameras nicht beeindrucken. Sind sie bereit, auch ihr eigenes Leben zu riskieren, sowieso nicht. Gegen diese Kategorie Attentäter gibt es nur einen Schutz: Die Inlandsgeheimdienste müssen rechtzeitig Alarm schlagen, wenn ein Terroranschlag geplant wird. Dies gelingt oft, aber nicht immer. In Köln waren 2006 die sogenannten "Kofferbomber" unterwegs. Auch sie erreichten ungehindert die Regionalzüge am Kölner Hauptbahnhof, auch damals verhinderte nur ein Baufehler der Bombe die Katastrophe.

Die Kameras, die Bilder der Kofferbomber einfingen, halfen indes auch im Kölner Fall, das Attentat aufzuklären. Das Material ist für Fahnder extrem nützlich. Aber erst im Nachhinein, ex post, wenn das Drama schon passiert ist. Und das alles nur unter der Voraussetzung, dass tatsächlich Videomaterial gespeichert wurde. In Bonn zankten sich Bahn und Bundespolizei, wer die Kosten dafür hätte übernehmen müssen - also speicherten sie gar nichts. Bildstörung, Totalausfall, und keiner will nun die Verantwortung übernehmen.

Ein Mittel gegen Alltagskriminalität?

Bringt die Kameraüberwachung zumindest etwas, um die "normale" Kriminalität auf Bahnhöfen und Plätzen einzudämmen? Die Erfahrungen aus London sind ernüchternd. Auf einer Konferenz in der britischen Hauptstadt 2010 habe Scotland Yard eingeräumt, dass "Closed Circuit Television", also die flächendeckende Beobachtung, zwar Milliarden koste, aber nur wenig bringe, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Nur drei Prozent der Diebstähle auf offener Straße hätten sich dank der Bilder aufklären lassen - aufklären, wohlgemerkt, nicht verhindern. Die Kriminellen hätten den Respekt vor den Kameras verloren, die Polizisten aber würden in den Bilderfluten ersaufen.

Kameras - nur eine Sicherheitsillusion? Innenminister Friedrich glaubt, sie hätten "abschreckende" Wirkung. Der Koalitionspartner FDP hält dagegen. Innenexpertin Gisela Piltz sagt: "Es ist unrealistisch anzunehmen, dass eine Rundumüberwachung öffentlicher Plätze die Sicherheit tatsächlich steigert." Weiterhin verweist Piltz darauf, dass die Komplettüberwachung einen enormen personellen Aufwand nach sich ziehen würde und die dauerhafte Videospeicherung nicht mit den Persönlichkeitsrechten vereinbar wäre.

Schutz, old school

Besserer Schutz der Bürger, das ist aus vielen kritischen Statements herauszulesen, würde sich am effektivsten auf die ganz herkömmliche Tour gewährleisten lassen: mit mehr Sicherheitsbeamten vor Ort sowie einer maßvollen Videoüberwachung. Und einer funktionierenden Terrorabwehr auf Ebene der Geheimdienste und Landespolizeien. Hier hat Friedrich noch viel zu tun. Siehe Köln. Siehe Bonn. Siehe NSU.

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