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20. März 2010, 18:28 Uhr

Herr Gerneklein gegen Frau Gernegroß

So sieht der Wahlkampf in NRW aus: Jürgen Rüttgers, CDU, hat Angst, dass ihm die Wähler einen Denkzettel für die Berliner Koalition verpassen. Hannelore Kraft, SPD, will die Wähler genau dazu motivieren. Es ist ein hilfloses Schauspiel. Ein Kommentar von Lutz Kinkel

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Bloß nicht in Berlins Sog geraten: Jürgen Rüttgers beschwört seine Parteifreunde in Münster

Die Barmenia-Versicherung ist derzeit ganz groß im Rennen. Sie hatte auf dem FDP-Landesparteitag in Siegen einen Stand, auf dem der CDU in Münster ist sie wieder dabei. Am Stand wuseln freundliche Damen mit blonden Haaren und weißen Kitteln herum. Sie bieten kostenlose "Vitalmassagen" an, um Körper und Geist zu entspannen. 30 Minuten nach Beginn des Münsteraner Parteitages zählte die Barmenia schon vier Kunden.

Kein Wunder. Die Panik sitzt CDU und FDP im Nacken. Alle Umfragen zeigen, dass die schwarz-gelbe Koalition in Düsseldorf keine Mehrheit mehr hat. Verliert das Bündnis die Landtagswahlen, ist die Bundesratsmehrheit dahin - Kanzlerin Angela Merkel könnte Steuersenkungen und die Einführung der Kopfpauschale zu den Akten legen. Und die Karriere des Jürgen Rüttgers wäre wohl auch vorbei. Die Karriere eines enorm ehrgeizigen Mannes, der sich zum Höchsten, also zur Kanzlerschaft, berufen fühlt.

Die Angst vor der Sippenhaft

Und nun entscheidet ein Wort. Es heißt "Denkzettel".

Jürgen Rüttgers, CDU, will auf gar keinen Fall in Sippenhaft genommen werden für das Chaos, das die Berliner Koalition veranstaltet. Deswegen betont er die landespolitischen Themen, deswegen spricht er unentwegt vom seinen Kommunen, seinem Haushalt, seiner Bildungspolitik, seinem Nordrhein-Westfalen. Der Mann, der immer stolz darauf war, der Bundespartei kräftig in die Suppe spucken zu können, wird zum Düsseldorfer Gerneklein.

Den größten landespolitischen Kracher glaubt Rüttgers in seinern Kampagne gegen "Rot-Rot" gefunden zu haben. Chaos würden Linke und SPD veranstalten, die Industrie ruinieren, den Haushalt sowieso, die Schulen zu sozialistischen Einheitsanstalten ummodeln. Für solche Polemiken lieben ihn seine Anhänger. Aber gewinnt er damit auch Wähler? Klar ist: Für eine rot-rote Mehrheit wird es bei diesen Landtagswahlen niemals reichen. Die Linken wollen offenbar auch gar nicht regieren. Rüttgers baut ein Gespenst auf, das so real ist wie Hui Buh.

Die Strategie des "Negative Campaigning"

Außerdem: Hatte es der SPD eigentlich geholfen, vor der Bundestagswahl Schwarz-Gelb zu verteufeln? "Negative Campaigning" ist nicht sonderlich klug, denn es demoliert eher die eigene Glaubwürdigkeit als die des Gegners.

SPD-Frau Hannelore Kraft will, dass Rüttgers in jedem Fall in Sippenhaft genommen wird für das Chaos, das die Berliner Koalition veranstaltet. Deswegen setzt sie voll auf Bundesthemen. Sie will die NRW-Wahl zu einer Abstimmung über die Kopfpauschale umfunktionieren. Und sie will mit ihren Vorschlägen zu Hartz IV punkten, einem Thema, das FDP-Chef Guido Westerwelle zum Schaden der schwarz-gelben Koalition sozialfeindlich intoniert hat. So wird Hannelore Kraft, die bisher bundespolitisch nicht aufgefallen ist, zum Berliner Gernegroß.

Aber gewinnt sie damit auch Wähler? Fakt ist: Nordrhein-Westfalen kann die Hartz IV-Gesetze im Alleingang nicht ändern. Von der Finanzierung des Gesundheitswesens ganz zu schweigen. Kraft macht Vorschläge, die sie landespolitisch nie verantworten muss und kann. Sie baut Kulissen auf, die an potemkinsche Dörfer erinnern.

Herr Gerneklein gegen Frau Gernegroß.

Hui Buh im potemkinschen Dorf.

Es wird für die Wähler nicht einfach werden.

Die Barmenia sollte ihre Massagen im ganzen Land kostenlos anbieten.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel
 
 
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