Barack Obamas charismatische Erscheinung offenbart das bedrohlichste Defizit der deutschen Politik: Führung. Aber sie zeigt uns auch, was wir nicht brauchen: Politik als Religion - mit irrationalem Erlösungsanspruch. Von Hans-Ulrich Jörges

Neid - auf sein Charisma? Eifersucht - weil er Massen in Verzückung versetzt? Ist es das, was die Kanzlerin bewegt hat, Barack Obama die Bühne am Brandenburger Tor zu verweigern? So konsternierend, so undiplomatisch, so belastend für die künftige Beziehung. Wenn es so wäre, wovor hätte sich selbst eine Angela Merkel zu fürchten, die doch hinreichend unter Beweis gestellt hat, dass sie national wie international nichts und niemanden zu fürchten braucht? Es lohnt, die Obama-Formel in ihre Bestandteile zu zerlegen, um zu beurteilen, was ihn so einzigartig erscheinen lässt - aber auch unheimlich, bedrohlich gar.
Die Obama-Formel also, in der immer gleichen Inszenierung: Charisma, Jugendlichkeit, Machtwillen, rhetorische Brillanz, Überzeugung, Vision. Das alles zusammen erzeugt jene Gänsehaut, die das Publikum überläuft bei seinen Auftritten, wenn er - frei redend, mit kühler, fast arroganter Miene - die Schraube andreht, noch eine Drehung und noch eine und noch eine: "America, this is our moment! This is our time!" Bis es die Menschen von den Sitzen reißt und sie von Zuhörern in berauschte Gefolgschaft verwandelt. In Jünger.
Das führt zur letzten, vielleicht entscheidenden Ingredienz der Obama-Formel: zum Messianischen, Erlöserhaften, Quasi-Religiösen seiner Erscheinung. Nicht nur Amerika, die ganze Welt verspricht er zu verändern, ach was: zu retten aus Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Krieg und Terror. Und die Gläubigen - betört, wie in Trance - skandieren: Yes, we can! Ja, das können wir! Das wollen wir! Dabei folgen wir dir!

Der wöchentliche Zwischenruf aus Berlin von Hans-Ulrich Jörges
Dieser Klimax bricht die Figur. Die Erlösergestalt wird fragwürdig. Die Gänsehaut wird zum Gruseln. Denn im Moment der emotionalen Entladung triumphiert das Irrationale über den Verstand. Und die Vernunft sagt: Das kann Politik nicht. Diesen Anspruch wird sie enttäuschen. Daran muss sie scheitern. Denn Politik ist nicht Religion, darf sie nicht sein, nicht einmal sein wollen. Barack Obama, der Erweckungsprediger in der Wüste der Politik, verdient also kritische Distanz, Selbstreflexion seines Publikums, Misstrauen sogar. Vielleicht ist es das, weniger Neid oder Eifersucht, was Angela Merkel, die Physikerin, den Vernunftmenschen, auf Distanz gehen ließ zu dem Heiland Obama, der seinen ersten globalen Feldgottesdienst am Brandenburger Tor plante, vor ihrer Haustüre, ohne zu fragen. Es wäre eine verdeckte Warnung: Wollt ihr das wirklich? Denkt nach, bevor ihr jubelt …
Distanz selbst um den Preis, dass die Lichtgestalt der amerikanischen Demokraten nun quasi den deutschen Sozialdemokraten "gehört", sein Wahltriumph im November irgendwie auch der ihre würde. Aber wie lange und mit welchen Folgen, wenn der Präsident Obama mit messianischem Eifer deutsche Kampftruppen und deutsches Geld - mehr, viel mehr als heute - in Afghanistan verlangt? Für seinen heiligen Krieg gegen den Terror - den wahren, den gerechten Krieg?
Noch aber verzaubert er, scheint der Augenblick der Ernüchterung fern. Noch dient uns der Gänsehautmann als Maßstab dafür, was wir vermissen in der deutschen Politik - und was deren Hauptdarstellern fehlt. Dieser Vergleich ist rasch gezogen. Lassen wir das Messianische beiseite, fehlt allen irgendetwas von der Obama-Formel: die mitreißende Jugendlichkeit, die brillante Rhetorik, die Überzeugung, für die sie sich schlagen, die Vision, für die sie werben. Den meisten fehlt alles. Und allen fehlt es an einem: Charisma, massenwirksamer Ausstrahlung, die ein vom Volk gewählter Politiker braucht, eine Parteiendemokratie hingegen verkümmern, verzichtbar erscheinen lässt. Europa wird von Anti-Charismatikern beherrscht. Nicolas Sarkozy, Frankreichs direkt gewählter Präsident mit der betörenden Carla Bruni an seiner Seite, ist die einzige Ausnahme. Großes Theater. Aber auch: Surrogat, Politik-Ersatz.
In Deutschland sind wir schon froh über Alpha-Tiere. Besser: Wir wären froh - wenn wir sie denn hätten. Alpha-Tiere reduzieren die Obama-Formel auf Machtwillen. Notfalls pur, unter Verzicht auf Ausstrahlung, Jugendlichkeit, große Rhetorik, Überzeugung, gar Vision. Das Alpha-Tier aber steht hierzulande auf der Roten Liste. Es ist vom Aussterben bedroht.
Wir hatten sie einst, und nicht wenige. Es waren Männer, die den Tag begannen, indem sie mit Testosteron gurgelten. Helmut Kohl, der sich zwei Jahrzehnte gegen eine mediale Ablehnungsfront behauptete, einen Putschversuch innerparteilicher Rivalen lustvoll erstickte, den Deutschen ihr Liebstes nahm, die D-Mark, und ihnen schwer Verdauliches schmackhaft machte, die Einheit. Gerhard Schröder, der sich emporkämpfte aus sozialem Elend, mit rüpeliger Ironie am Zaun des Kohl'schen Kanzleramts rüttelte, seinen schärfsten Widersacher, Oskar Lafontaine, in die Resignation mobbte und den Deutschen, mehr noch: seiner eigenen Partei, ein Reformprogramm aufzwang, das sie heute noch nicht wirklich angenommen haben, die SPD so wenig wie die Deutschen. Joschka Fischer, der die Anti-Parteien-Partei zur Machtpartei umformte, die Fundamentalisten aus ihr vertrieb, ein System von Satrapen installierte und am Ende alles abwarf, was ihn einst ausgemacht hatte, vom oppositionellen Straßenkämpfer mit der struppigen "Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch"-Rhetorik zum sprachgekämmten Außenminister aufstieg. Selbst Edmund Stoiber, der als Aktentaschenträger von Franz Josef Strauß begann, dessen Spezl-Wirtschaft zerschlug und schließlich von dem Gedanken besessen wurde, er könne, er müsse Kanzler werden. Sie waren Rudelführer. Bissig und behütend zugleich.
Übernommen aus ...
Ausgabe 31/2008
Kohl, Schröder
und Fischer
gurgelten einst
mit Testosteron.
Jetzt nahm sich auch
noch Merkels letzter
Rivale aus dem Rennen