Zwanzig Jahre lang traut er sich nicht. Doch dann stellt der Biologe Charles Darwin das christliche Weltbild auf den Kopf: Alle Tiere und Pflanzen haben dieselben Wurzeln. Der Allmächtige hat damit nichts zu schaffen

Hätte Mrs. Henslow nicht so ein rührend unglückliches Gesicht gemacht, wäre es wohl nichts geworden mit dem Darwinismus. Die junge Frau hatte gerade ihr erstes Kind geboren und fand es grässlich, dass ihr Mann auf Seiner Majestät Dreimastsegler »Beagle« für einige Jahre um die Erde butschern wollte. Der 35-jährige Cambridger Biologie-Professor und Theologe John Stevens Henslow hatte sich schon immer eine Weltreise gewünscht, war aber nur bis zu den sozusagen in Sichtweite liegenden Inseln Man und Wight gekommen. Nun diese Chance und nun diese verweinte Schnute. Henslow verzichtete und sagte seinem Lieblingsschüler Charles Darwin, mit seiner Bio-Begeisterung sei er genau der Richtige für diesen Job. Der Lulatsch war 22 Jahre alt, hatte eine »entsetzlich öde Schule« durchlitten, ein »unerträglich langweiliges Medizinstudium« in Edinburgh hingeschmissen und ohne großes Gefühl von Berufung in Cambridge sein Pastoren-Bakkalaureat gemacht.
Und nach all der Trostlosigkeit kann nun »mein zweites Leben beginnen, endlich«. Sachte, Junge, da ist noch dein Vater. Und der Dreizentner-Haustyrann platzt wieder mal. Landpfarrer soll sein Jüngster werden, wenn schon nicht Arzt wie er selbst und der berühmte Großvater, aber bestimmt nicht unter Seeleuten verlottern. Hat er nicht schon dem wie ein Kutscher fluchenden, Käfer aufspießenden und jedes Moorhuhn vom Himmel über Shropshire schießenden Schüler mit seiner nervigen Fistelstimme an den Kopf geworfen, er werde nichts als Schande über seine Familie bringen? Ja, hatte er. Aber gut: »Wenn du auch nur einen Mann mit gesundem Menschenverstand findest, der dir zurät, dann gebe ich meine Zustimmung.« Charles fand Onkel Josiah Wedgwood, Boss der Porzellandynastie. Der beredete den Choleriker, und Robert Darwin tat sogar 500 Pfund raus. So viel kostete die wissenschaftliche Gastreise auf der Bark, die zum Wohle der englischen Schifffahrt und Kaufleute vor allem die Küsten und Häfen Südamerikas vermessen und kartieren sollte.
Nun konnte es ja wohl losgehen. Obwohl Kapitän Robert FitzRoy, ein arroganter Aristokrat mit feinen Gesichtszügen, beim ersten Treff mit seinem Gast als überzeugter Physiognomiker sicher war, dass ein Mensch mit so einer derben Knubbelnase nicht genug »Energie und Entschlossenheit« für die strapaziöse Rundfahrt hätte. Er besann sich aber, weil er einen Gentleman an seiner Seite wollte, um in der Meereseinsamkeit nicht in Depression und Selbstmordgefahr zu verfallen. Willkommen an Bord.
Da steht er nun auf Planken, der Landjunker Charles Darwin. Als Biologie-Eleve, der unter Professor Henslows Anleitung auf der Heide von Gamlingway ein paar Anemonen entdeckt hat, die dort noch nie zuvor gefunden wurden: Mikroskop unterm Arm, im Kopf die frischen Lehren aus einem Crash-Kurs in Geologie, im Gepäck die vielgerühmten Reisebeschreibungen Alexander von Humboldts, ein teures Jagdgewehr und »ein paar gute Pistolen«, um bei Bedarf »den König der Kannibaleninseln zu erschießen«.