Mitten im Vorwahlkampf um die US-Präsidentschaft, vor genau 40 Jahren, wurde Bobby Kennedy erschossen. Er war nicht der einzige und nicht der letzte Hoffnungsträger des Clans, den der Familienfluch ereilte. Der Mythos der Kennedys und ihre Ideale leben fort - etwa in Barack Obama. Von Katja Gloger, Washington

Wurde, wie sein Bruder John F. (links), ermordet: Robert Kennedy (rechts), genannt Bobby© Paul Schutzer/Time Life Pictures/Getty Images
Es war kurz nach Mitternacht am 5. Juni 1968 im Hotel Ambassador in Los Angeles. Er war erschöpft nach einem langen Wahlkampftag. Doch als die ersten Ergebnisse der Vorwahlen gemeldet wurden, entspannte er sich zunehmend. Hier, im wichtigen Bundesstaat Kalifornien, hatte Robert Fitzgerald Kennedy, genannt Bobby, gesiegt, nur zwei Monate, nachdem er Anspruch auf die Kandidatur erhoben hatte. Er war zuversichtlich, nun auch den Rest des Landes zu erobern, um dann ins Weiße Haus einzuziehen, schließlich war er ein Kennedy. Die Männer in seiner Familie hatten immer gesiegt. Ja, Bobby Kennedy wollte Präsident werden - wollte in jenes Büro, in dem einst sein Bruder John Fitzgerald, genannt "Jack", saß - 1036 Tage lang, bevor er an jenem 22. November 1963 nach Dallas gereist war, an einem strahlenden Tag, der es erlaubte, in einem offenen Wagen durch die Innenstadt zu fahren.
Robert F. Kennedy hatte lange gezögert, nach Jahren der Trauer, der Verbitterung und der Suche nach der Wahrheit über das Attentat auf seinen Bruder. Schließlich hatte der Senator aus New York dann die Kandidatur gewagt, den Ängsten seiner Frau Ethel zum Trotz. Noch lag er weit hinter seinem Konkurrenten um die Nominierung, Hubert Humphrey. Doch Bobby war zuversichtlich. Überall jubelten ihm die Menschen begeistert zu. Wieder einmal symbolisierte ein Kennedy das bessere, das demokratische Amerika. Er setzte sich für Rassengleichheit in den USA ein, forderte die Aufhebung der Apartheid in Südafrika, er war gegen die Todesstrafe, wollte ein Ende des Vietnamkrieges. Robert Kennedy symbolisierte Wandel, einen Neuanfang. Denn da draußen, im Land, da tobten die Rassenunruhen. War Friedensnobelpreisträger Martin Luther King nur zwei Monate zuvor bei einem Attentat ermordet worden. Und in Vietnam offenbarte Amerika seine schlimmste, seine grausamste Seite.
Es war kurz nach Mitternacht, er wollte noch mit Journalisten sprechen, man riet ihm, den Weg durch die Küche zu nehmen. Dort wechselte er ein paar Worte mit Juan Romero, einem jungen Hotelangestellten, und als er sich dann nach links wandte, um Hände zu schütteln, fielen acht Schüsse, mehrere trafen ihn in den Kopf. Robert Kennedy glitt zu Boden, "Sind alle o.k.?" konnte er noch fragen, Juan Romero drückte ihm einen Rosenkranz in die Hand, ein zufällig anwesender Fotograf machte Bilder. Dann verlor er das Bewusstsein. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen, 26 Stunden nach dem Attentat starb Robert F. Kennedy, damals 42 Jahre alt.
Sirhan Bishara Sirhan, ein junger Palästinenser, der seit seinem 12. Lebensjahr in den USA lebte, hatte das Attentat ausgeführt. Er wollte Robert Kennedy wegen dessen Israel-freundlicher Position mit dem Tode bestrafen - und zwar am 5. Juni 1968, genau ein Jahr nach dem Beginn des Sechs-Tage-Krieges im Nahen Osten. Nach allem, was man heute weiß, war Sirhan ein Einzeltäter, er wurde zum Tode verurteilt, später begnadigt, heute sitzt er im Corcoran-Gefängnis in Kalifornien. Sein 13. Antrag auf Begnadigung wurde vor zwei Jahren abgelehnt.
Und wieder einmal erstarrte die Welt. Sprach vom "Fluch der Kennedys", wälzte Verschwörungstheorien. Denn in kaum einer Familie bündeln sich Amerikas Triumphe und Tragödien so wie im Kennedy-Clan. Ein Name, der fast mythische Bedeutung erlangte, verknüpft mit hehren Idealen ebenso wie mit den sehr dunklen Seiten der Macht. Reichtum, Sex, wilde Lebenslust, Geld, Gier, Skandale und Tod. Camelot ebenso wie Gefängnis.
Sie waren eine der reichsten, eine der mächtigsten Familien Amerikas. Heute ist ihr politischer Einfluss dramatisch zurückgegangen - doch der Mythos von den tragischen Helden eines besseren Amerika lebt fort. Und immer noch horchen die Menschen auf, wenn der Name Kennedy fällt. Etwa nun wieder, wenn sich das Attentat auf Robert Kennedy zum 40. Mal jährt. Oder vor wenigen Wochen, als Senator Edward Kennedy, genannt Ted, der letzte Überlebende der vier Brüder, auf dem weitläufigen Familienanwesen in Hyannisport zusammenbrach, die Ärzte fanden einen bösartigen Tumor in der linken Gehirnhälfte.
(Noch-)Kandidatin Hillary Clinton musste sich vor wenigen Wochen öffentlich entschuldigen, als sie die Ermordung Robert Kennedys im Juni zu schnöden Politzwecken bemühte, um damit die Länge ihres eigenen Wahlkampfes zu rechtfertigen. "Daran erinnern wir uns ja alle", sagte sie - und vielleicht war der geschmacklose Vergleich wirklich unbeabsichtigt. Doch es brach ein Sturm der Entrüstung los. Denn Hillary Clinton hatte das ultimative Tabu berührt, den Alptraum einer Nation. Das politische Attentat. John F. Kennedy, Martin Luther King, Robert Kennedy. Und natürlich weiß sie, dass der Secret Service, die Leibgarde des Präsidenten, schon vor einem Jahr darauf bestand, Barack Obama zu schützen. Und mit Äußerungen dieser Art nähren sich die Gerüchte über die Obamas Sicherheit - und damit über seine Wählbarkeit.
Denn wie einst die Kennedys ist ER, Barack Obama, für Viele ein personifiziertes Versprechen auf die Zukunft. Ein Hoffnungsträger, der nach acht dunklen Jahren sein Land zurückbringen in die Welt, und der den Menschen etwas abverlangen will, ein Ziel, größer als jeder Einzelne. Ein Mann, der den amerikanischen Traum wieder zum Leben erwecken will, wie er selbst sagt. Ein Mann, in dem Viele das Potential eines neuen Kennedy sehen, eines neuen J.F.K.
Es war ein rührender Moment, als der weißmähnige, noch so kraftvoll erscheinende Senator Edward Kennedy vor einigen Monaten seinen Kollegen Obama zur Wahl empfahl. Und neben ihm stand John F. Kennedys Tochter Caroline, die bescheidene, kluge, Frau, die eigentlich nie in der Öffentlichkeit zu sehen ist. In Barack Obama sieht sie das Erbe ihres Vaters. Die Fernsehsender schalteten live nach Washington, vor den Türen zum Auditorium der American University drängten sich Tausende, und einen Moment lang schien es, als ob die Kennedys die unerfüllten Träume eines Landes auf Obamas knochige Schultern legten.