"Videobeweis, sofort!"

10. August 2009, 10:03 Uhr

Jetzt geht es los: Ab sofort schreibt Champions-League-Sieger und Ex-Bayern-Kapitän Stefan Effenberg regelmäßig in seiner eigenen Kolumne auf stern.de. Der erste Bundesliga-Spieltag hat den "Tiger" aufgewühlt.

Stefan Effenberg, Kolumne, Bundesliga

Erfolgreiche Reizfigur und ein prägendes Gesicht der Bundesliga-Geschichte: Stefan Effenberg©

Der erste Spieltag ist gelaufen, aber wo die Reise für die Mannschaften in dieser Saison wirklich hingeht, wird man erst nach ein paar Spieltagen sehen. Als Spieler braucht es eine Zeit, um wieder seinen Rhythmus zu finden. Bei mir waren das immer so drei, vier Matches, dann war ich voll drin. Dann hatte ich auch wieder die nötige Frische und Aggressivität, um mein Spiel durchzuziehen. Man ist zu Beginn einer Saison immer noch ein bisschen platt von der ganzen Konditionbolzerei in der Vorbereitung. Wobei: Die richtige Kondition holt man sich als Spieler sowieso nur im Spiel. Da kannst du noch so viele Strandläufe absolvieren oder Berge bezwingen: Nur im Wettkampf holt man sich die Härte für ein Jahr Bundesliga.

Apropos Frische und Aggressivität: Der VfL Wolfsburg hat mich bereits am ersten Spieltag voll überzeugt. Mein Ex-Club wirkte erstaunlich frisch beim 2:0 über Stuttgart. Aber auch hier gilt es abzuwarten. Ob Wolfsburg wieder um den Titel mitspielen kann, hängt entscheidend davon ab, wie man die Doppelbelastung mit Bundesliga und Champions League verkraftet. Da sind schon so manche Teams daran zerbrochen, ich erinnere mich da an den HSV oder auch Stuttgart.

Besonders gespannt war ich natürlich auch auf den Auftritt eines anderen Ex-Vereins von mir, des FC Bayern München. In Hoffenheim beim schmeichelhaften 1:1 hat die Kraft nach vorne gefehlt - ohne das jetzt alles gleich wieder überbewerten zu wollen. Was aber nicht von der Hand zu weisen ist: Franck Ribéry ist für die Bayern unersetzlich. Er allein macht den Unterschied aus. Wenn er nicht an Bord ist, bricht das spielerische Element weg. Am nächsten Wochenende gegen Werder ist Ribéry vermutlich wieder dabei - ein Segen für den FC Bayern. Aber gleichzeitig auch ein Vabanque-Spiel, weil man eben total abhängig vom kleinen Franzosen ist.

Wie gesagt: Über die Aussagekraft der einzelnen Ergebnisse dieses ersten Spieltages kann man noch nicht viel sagen - wohl aber über die Leistungen der Schiedsrichter zum Bundesliga-Auftakt. Damit wir uns hier richtig verstehen: Ich will jetzt nicht Schiri-Bashing betreiben, aber sie müssen einfach noch viel mehr als zuvor das Schwalbenspiel unterbinden. Deshalb ist es ganz wichtig, gleich von Beginn an hart durchzugreifen. Ich habe diese ganzen Schauspieler zu meiner aktiven Zeit wirklich verachtet. Wenn man gefoult wird, tut das weh. Dann liegt man kurz am Boden, schüttelt sich und steht gefälligst wieder auf. Wenn man leicht berührt wird, fallen nur Mimosen hin. Insofern konnte ich Rudi Völlers Wutausbruch schon verstehen. Der hatte sich ja fürchterlich über den Mainzer Bancè aufgeregt, weil der einen Freistoß nach einem minimalen Schubser herausgeschunden hatte. Liebe Schiedsrichter, da müsst ihr handeln - wenn ihr denn solche Szenen überhaupt seht!

Womit wir beim Hauptproblem in der Schiedsrichterproblematik angekommen wären. Jetzt mal weg von den Schwalben und hin zu den kniffligeren Szenen. Und da hatten wir bereits am ersten Spieltag wieder so eine: Das nicht gegebene Tor von Hoffenheims Simunic gegen die Bayern hat mich wütend gemacht. Ich will Schiedsrichter Rafati und seinem Linienrichter keinen großen Vorwurf machen. Ich bin deshalb nur so ärgerlich, weil man sich diese ganzen unzähligen Zeitlupen und Meckereien hätte sparen können. Ich frage mich schon länger, warum nicht endlich der Videobeweis eingeführt wird. Nur so kann es gehen. Ich besuche hier in den USA ja regelmäßig Basketball- und Footballspiele. Das ist so simpel. Da wird das Match bei einer strittigen Szene kurz angehalten, am Monitor nachgeprüft und entschieden. Fertig! Warum denn nicht endlich auch in der Bundesliga? Damit ersparen wir uns fünf Diskussionen pro Spieltag - mindestens. Sollte die Fifa den Videobeweis nicht ab der kommenden Saison endlich als Beweismittel zulassen, werde ich da wahrscheinlich selber bei Sepp Blatter vorsprechen. Spieler, Trainer, Schiedsrichter, alles sind dafür, worauf warten die Herren bei der Fifa eigentlich noch?

Zur Person: Stefan Effenberg Stefan Effenberg, geboren am 2. August 1968 in Hamburg, war einer der besten Mittelfeldspieler der Welt und eine der großen Reizfiguren des deutschen Fußballs. In der Bundesliga bestritt er 370 Spiele für Borussia Mönchengladbach, Bayern München und den VfL Wolfsburg. Von 1992 bis 1994 spielte Effenberg in Italien für den AC Florenz. Mit Gladbach gewann der "Tiger" 1995 den DFB-Pokal, seine erfolgreichste Zeit hatte er allerdings beim FC Bayern. Mit dem Rekordmeister gewann Effenberg als Kapitän drei deutsche Meisterschaften, DFB-Pokal und 2001 die Champions Legaue und den Weltpokal. Effenberg lebt in Miami, USA, und arbeitet als Champions-League-Experte für den TV-Bezahlsender "Sky".

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