Warum Deutschland mehr Türken braucht

13. Oktober 2010, 19:41 Uhr

Erst Sarrazin, dann Seehofer, heute weitere CSU-Politiker: Schelte gegen zuwandernde Türken kommt in Mode. Vier Polit-Parolen - und was Experten dazu meinen. Von Sönke Wiese

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Deutsch-türkische Flagge beim Fußball: Neue Zuwanderer könnten Integration erleichtern©

Horst Seehofers jüngste Aussagen zur Zuwanderungspolitik sorgten für Wirbel. Der bayerische Ministerpräsident wies deshalb rasch darauf hin: Man möge doch bitte genau lesen, was er gesagt habe. Das hat stern.de getan. Lesen Sie die vier Kernaussagen seines Interviews - und was Experten davon halten.

1. Es gibt keine Netto-Zuwanderung aus muslimischen Ländern

Im "Focus"-Interview sagte Horst Seehofer, dass "wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen". Er zielte damit auf Immigranten aus der "Türkei und anderen arabischen Ländern".

Der CSU-Vorsitzende will somit ein Phänomen bekämpfen, das es gar nicht gibt. Schon seit Mitte der 1990er Jahre schrumpft die ausländische Bevölkerung insgesamt in Deutschland, wie die Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge zeigt. Auch die Zahl der Türken, die mit Abstand größte Gruppe unter den Ausländern, sinkt seit Jahren.

Der Saldo ist aus deutscher Sicht negativ: "De facto hat es in den vergangenen Jahren eine Abwanderung in muslimische Länder gegeben", sagt Reiner Klingholz, Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. 2008 zogen laut Migrationsbericht der Bundesregierung knapp 27.000 Türken hierher, gleichzeitig aber verließen knapp 35.000 Deutschland.

Was die Zu- und Abwanderung betrifft, sind die Türken außerdem längst von anderen Gruppen überholt worden: 2008 kamen beispielsweise 120.000 Polen und knapp 50.000 Rumänen nach Deutschland. "Das weiß gewiss auch Horst Seehofer", sagte Klingholz stern.de. Die Statistiken veröffentlicht das Statistische Bundesamt jährlich, sie sind für jedermann über die Website einzusehen.

2. Deutschland braucht dringend Fachkräfte - aus jedem Land

Horst Seehofer sagte: "Den Fachkräftemangel beheben wir nicht durch Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen: Erst einmal müssen wir das hier vorhandene Potenzial ausschöpfen." Damit folgt der CSU-Vorsitzende, ohne es direkt auszusprechen, der üblichen Stammtischlogik: Die freien Stellen in den Unternehmen sollten doch gefälligst erst einmal durch deutsche Arbeitslose besetzt werden!

Ein frommer Wunsch, der leider nicht zu erfüllen ist. "Das versucht die Bundesagentur für Arbeit seit vielen Jahren mit enormem Aufwand - und hat dabei offenkundig nur begrenzten Erfolg", sagt Klingholz. Das Problem: Ein arbeitsloser Zimmermann aus Berlin kann eben nicht morgen als Ingenieur in Bayern eingesetzt werden.

Die Qualifikationen und Kompetenzen vieler Arbeitsloser werden schlicht nicht mehr gebraucht - und sie können auch nicht über Nacht den neuen Erfordernissen des Arbeitsmarkts angepasst werden. "Auch bei besten Qualifikationsmaßnahmen können die offenen Stellen nicht kurzfristig besetzt werden", sagt Klingholz. So setzt auch Frank-Jürgen Weise auf ausländische Spitzenkräfte. Das benötigte Personal hauptsächlich unter deutschen Langzeitarbeitslosen zu rekrutieren, sei eine unrealistische Forderung, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit der "Süddeutschen Zeitung". Veränderungen im Schul- und Ausbildungssystem dauern mitunter Jahrzehnte, bis sie greifen.

Vor diesen Herausforderungen stehen alle westlichen Industriestaaten. Und so werben sie alle aktiv die ausgebildeten Spezialisten aus dem Ausland an, das ist auch die offizielle Linie der Bundesregierung. Dabei allerdings nach Kulturkreisen zu separieren, wie es offenkundig Horst Seehofer vorschwebt, halten Experten für unvernünftig. "Letztendlich interessiert Arbeitgeber nicht die Religion ihrer Angestellten", meint Thomas Liebig, Migrationsexperte der OECD in Paris. "Entscheidend für sie ist, ob jemand produktiv ist oder nicht."

Er sagte stern.de: "Nach meiner Kenntnis gibt es kein OECD-Land, das bei der Arbeitsmarktzuwanderung nach Kulturkreisen unterscheidet." Als vorbildlich gelten Kanada und Australien, die die Zuwanderung streng nach dem Bedarf auf dem Arbeitsmarkt steuern. Die Immigranten sichern Jobs oder schaffen sogar neue Arbeitsplätze, weil ohne die ausländischen Fachkräfte viele Unternehmen nicht überlebensfähig wären oder ihre Produktion ins Ausland verlagern müssen.

Die in Deutschland geführte Integrationsdebatte, die immer wieder Herkunft, Religion und Kultur in den Vordergrund rückt, dürfte Akademiker aus Indien, China und der Türkei dagegen eher abschrecken als ermutigen. Nach Schätzung der OECD sind 2008 nur rund 18.000 hochqualifizierte Fachkräfte nach Deutschland gekommen - "eine im internationalen Vergleich sehr niedrige Zahl", so Liebig.

Während sich also die dramatisch rückläufige Zuwanderung immer mehr zu einem ernsten Problem für den hiesigen Wirtschaftsstandort entwickelt, sagte Horst Seehofer: "Ich habe kein Verständnis für die Forderung nach weitergehender Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen."

Weitere Infos Auf den Seiten des Bundesinnenministeriums gibt es die offiziellen Statistiken zur Zu- und Abwanderung in Deutschland: Migrationsberichte (als pdf-Dokumente)

Statistik vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Ausländerzahlen 2009

Weitere offizielle Statistiken hier: Integrationsreport

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