12. November 2005, 09:00 Uhr

Nur die Dosis macht das Gift

Jedem ist klar: Trinken ist riskant - es verfettet die Leber, verursacht Verkehrsunfälle, zerrüttet Biografien. Immer wieder entdecken aber Forscher in Bier und Wein gesundheitsfördernde Substanzen. Darf die Medizin "Wohl bekomm's" rufen?

Ein Kellermeister des Weinguts Kloster Marienthal an der Ahr überzeugt sich von der Qualität seines Rotweins©

So muss er aussehen, der Bierhimmel. Mit braunen Fläschchen gepflastert und großen Säcken Gerstenmalz behängt, von der Eingangstür bis zum Büro des Chefs. Dort, mit Blick über die Hügel des bayerischen Alpenvorlandes, sitzen zwei Männer und betrachten - was sonst? - zwei volle Gläser Bier. "Das ist ein sehr schöner, stabiler Schaum", sagt Werner Back und schaut ebenso zufrieden drein wie der junge Mann neben ihm. Am Weihenstephaner Lehrstuhl für Technologie der Brauerei der Technischen Universität München ist schöner Schaum zwar nichts wirklich Besonderes. Das Bier aber, dessen Schaumbildung Institutsleiter Back und Assistent Martin Krottenthaler begutachten, ist es.

Das bronzefarbene Hefeweizen nämlich ist besonders reich an einer Hopfensubstanz namens Xanthohumol. Dieser Stoff kommt auch in normalem Pils oder Weißbier vor, jedoch nur in winzigen Mengen. Schade, fanden die Brauforscher. Denn offenbar bremst zumindest pures Xanthohumol Entzündungen und vielleicht gar die Entstehung von Krebs. Deshalb machten sich Werner Back und sein Team daran, ein neues Bier zu schaffen: "Xan" enthält ein gegenüber gewöhnlichem Gerstensaft Zehnfaches des potenziellen Wunderstoffs. Seit einem Jahr wird das Weizen im Sechserpack verkauft, und auch das bayerische Wissenschaftsministerium freut sich - über "ein Bier mit besonders gesundheitsfördernden Eigenschaften". Doch wie weit geht das mit dem Gesundheitsfaktor wirklich? Immerhin enthält Xan auch Alkohol, mit 5,4 Prozent nicht zu knapp. Kann das gesund sein?

Der Deutschen liebste Droge

C2H5OH, Ethanol - Alkohol ist der Deutschen liebste Droge. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung leben vollständig abstinent, rühren also niemals ein gutes Tröpfchen oder einen fiesen Fusel an. Der ganze große Rest spricht dem Weingeist mit unterschiedlicher - und bekanntlich teils hoch riskanter - Intensität zu. Im Durchschnitt konsumieren wir pro Kopf und Jahr zehneinhalb Liter reinen Alkohol. Deutschland liegt damit auf Platz fünf in Europa, hinter Luxemburg, Ungarn, Irland und Tschechien. Das kann nicht gut sein, oder?

Doch halt! Fast ebenso viel wie wir Deutschen trinken unsere französischen Nachbarn - und das liegt sogar mehrere Liter unter dem, was sie noch vor knapp 30 Jahren kippten. Ausgerechnet in den Siebzigern aber haben Mediziner beobachtet, dass speziell die Südfranzosen mit ihrem ausgeprägten Hang zum Rotwein einen Gesundheitsvorteil gegenüber Nordeuropäern besitzen: Trotz traditionell fettreichen Essens leiden sie viel seltener unter Herz- oder Gefäßerkrankungen. Seither genießt der Rotwein ein Image als Gesundheitselixier. Rasch fanden sich Freunde des gepflegten Gläschens mit Marketingspezialisten zusammen, die seither gern verkünden: Trinken in Maßen macht dich gesund.

Hefeweizen, angereichert mit Xanthohumol: Werner Back und Martin Krottenthaler sind Brauerei-Technologen im bayerischen Weihenstephan©

Vielfältige Wirkungen

Nun also wollen es ihnen auch die Konkurrenten der Bierfraktion nachtun. Sind das alles Sauf-Ausreden oder ist es Stand der Wissenschaft? Sind es Nebenwirkungen ganz anderer Substanzen als des Nervengifts Ethanol? Und wäre es dann nicht besser, auf den Rausch zu verzichten und die wohltätigen Pflanzenextrakte pur zu konsumieren?

Die weißen Ratten im Labor des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg jedenfalls machen mit ihrem glatten Fell und den wachen roten Äuglein einen quietschfidelen Eindruck. Testweise bekommen die Nager Xanthohumol zu futtern, und zwar in Reinform. "Richtig gut schmeckt ihnen das nicht gerade", erklärt Chemiker Norbert Frank, "schließlich ist das Xanthohumol doch etwas bitter."

Seit fünf Jahren forschen Frank und Arbeitsgruppenleiterin Clarissa Gerhäuser an dem wundersamen Stoff. Hans Becker von der Uni Saarbrücken hatte das Xanthohumol damals in einem Rückstand entdeckt, der routinemäßig in der Homburger Brauerei Karlsberg anfällt - und eigentlich weggeworfen wird. "Es ist beeindruckend, was dieser Stoff für vielfältige Wirkungen hat", findet Gerhäuser.

Brauindustrie begeistert vom positiven Potenzial

Erste Versuche im Reagenzglas zeigten schon, dass Xanthohumol wichtige Entzündungsenzyme hemmen kann, die Cyclooxygenasen COX-1 und COX-2. Sie spielen bei rheumatischen Erkrankungen eine Rolle und sind Ziel vieler Rheumamedikamente. Die entzündungshemmende Wirkung war aber auch ein Hinweis darauf, dass der Pflanzenstoff Krebs aufhalten könnte. Die Heidelberger stellten fest: "Xanthohumol hemmt alle Stufen der Krebsentstehung." Das Problem ist nur: Wie weit die hemmende Wirkung auf entstehende Tumorzellen im lebenden Organismus funktioniert, kann noch niemand genau sagen.

Im vergangenen Jahr veröffentlichten Forscher aus den Vereinigten Staaten und China je eine Untersuchung über antivirale Eigenschaften von Hopfenextrakt. Direkte Labortests an einzelnen Immunzellen zeigten, dass angereichertes Xanthohumol tatsächlich die Vermehrung verschiedener Viren bremsen kann. Sogar dem Malaria-Parasiten Plasmodium falciparum kann die Hopfenverbindung das Leben schwer machen. Bereits jetzt also scheint mit Xanthohumol eine ganze Apotheke in der Bierflasche zu stecken - doch als Aufforderung zu ungehemmtem Pilsgenuss wollen weder die Krebsspezialisten noch die Brauexperten aus Weihenstephan ihre Forschung verstanden wissen. "Selbst im Xan-Bier von Professor Back", stellt Forscherin Gerhäuser fest, "ist ganz sicher zu wenig Xanthohumol, als dass man damit allein Krankheiten bekämpfen könnte."

Dennoch: Dass ein einziger von mehr als 50 pflanzlichen Inhaltsstoffen im Bier schon solch positives Potenzial zeigt, begeistert nicht nur Wissenschaftler und passionierte Biertrinker, sondern vor allem die Brauindustrie. Die hat es nicht leicht in Zeiten, in denen der Body Mass Index zum Politikum und Wellness zur Lifestylefrage erhoben werden. Bier hat weder das Image eines Diätdrinks, noch gilt die Buddel Pils als kultiviertes Partygetränk. Vielleicht konsumieren die Deutschen deshalb deutlich weniger Bier als noch vor fünf Jahren.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 45/2005

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