Das Gift im Gebäck

11. Dezember 2002, 17:31 Uhr

Mehr als 1000 verdächtige Lebensmittel haben Chemiker schon untersucht: In den meisten fanden sie bedenkliche konzentrationen des toxischen Acrylamid, das als krebserregend eingestuft wird. Der stern testete jetzt Weihnachtsgebäck - und wurde erneut fündig.

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Risikonahrungsmittel: Pommes©

Der Duft von Vanille und Zimt, Kardamom und Ingwer, Piment und Muskat zieht durch die Wohnung - Weihnachtszeit ist Lebkuchen- und Plätzchenzeit. Bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Glühwein in der gemütlichen Stube gehören die Leckereien zum winterlichen Fest wie der Adventskranz und der geschmückte Tannenbaum.

Eine Gaumenfreude, die neueste Erkenntnisse gründlichst vermiesen. Denn das schmackhafte Knabberzeug enthält hohe Mengen Acrylamid, jenes Gift, das seit Monaten immer wieder für Schlagzeilen sorgt und von der "International Agency for Research on Cancer" als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft wird. Den Stoff im Weihnachtsschmaus fand das Berliner "Naturwissenschaftliche Forschungs- und Untersuchungslaboratorium" (Nafu), bei dem der stern eine Analyse in Auftrag gab. Die Chemiker untersuchten insgesamt 14 Backwaren, die sie stichprobenhaft in Supermärkten eingekauft hatten. Ergebnis: In zwölf der Proben war das Gift nachweisbar, vor allem Spekulatius und Lebkuchen enthielten große Mengen. So betrug der Gehalt in sechs Fällen über 300 Mikrogramm pro Kilogramm Ware, in einem Lebkuchen lag er sogar bei 557 Mikrogramm pro Kilo (siehe Tabelle). Werte, die Toxikologen und Lebensmittelchemiker als erschreckend hoch ansehen.

Weiteres Übel also in der umfangreichen Liste von Nahrungsmitteln, die inzwischen als Acrylamid-belastet geoutet sind. Woche für Woche wird sie länger, tragen Medien, Behörden, Universitäten und die Lebensmittelindustrie neue Daten zusammen. Pommes und Bratkartoffeln, Chips und Butterkekse, Cornflakes und Knäckebrot, Popcorn und Kaffee, Toast und Salzstangen stehen darauf. Zirka 1000 Produkte wurden bis heute untersucht, und in den meisten wurde das Gift gefunden. Das teilte vergangene Woche das Berliner Verbraucherschutzministerium mit und sprach von einer "vollkommen neuen Risikolage" für die Konsumenten. Produktnamen zu den vorliegenden Daten, so beteuert das Ministerium, könne es aus juristischen Gründen allerdings nicht nennen. Das Land Nordrhein-Westfalen jedoch, wo die Rechtslage wegen eines eigenen Landesgesetzes anders ist, kann es.

Von der Bedrohung in unseren Lebensmitteln weiß die Welt seit nunmehr acht Monaten. Ende April schlugen skandinavische Forscher Alarm. Leif Busk und Karl-Erik Hellenäs von der schwedischen Lebensmittelbehörde in Uppsala hatten in mehr als 100 Nahrungsmitteln nach dem Gift gesucht. Dabei fanden sie vor allem in Waren, die geröstet, scharf gebacken oder frittiert waren, hohe Konzentrationen. Als die Schweden ihre Ergebnisse veröffentlichten, wiegelten hierzulande Wissenschaftler und Behörden massiv ab - zu unglaublich und appetitverderbend erschien die Schreckensnachricht. So bezweifelten die deutschen Experten die Exaktheit der skandinavischen Messmethoden. Darüber hinaus verkündete man grundsätzliche Skepsis an den Werten aus Uppsala. "Aufgrund fehlender Messungen ist noch unklar, ob auch in Deutschland mit dem Vorkommen von Acrylamid in stärkehaltigen Lebensmitteln zu rechnen ist", ließ das damalige Berliner "Bundesamt für den gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin" (BgVV), eine Behörde des Verbraucherschutzministeriums, verlauten. Man müsse erst einmal in Ruhe allgemein anerkannte Messverfahren etablieren und dann sorgfältigst den Markt sondieren, hieß es. Das werde dauern. Kein Grund zur Panik. Und die Lebensmittelindustrie freute sich über diese Schützenhilfe von Amtsseite.

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