Einer hat die Agenda des Klimagipfels in Kopenhagen mehr geprägt als alle anderen: der Physiker Hans Joachim Schellnhuber. Er ist der Mann, dem Angela Merkel vertraut. Von Axel Bojanowski und Dennis Ballwieser

Die Kanzlerin und ihr Klimaberater: Hans Joachim Schellnhuber berät Angela Merkel in Klimafragen© Wolfgang Kumm/DPA
Der klapprige weiße VW-Bus tuckert durch den Tiergarten, umrundet die Siegessäule, weiter auf der Straße des 17. Juni, verlässt Berlin in Richtung Potsdam. Auf der zweiten Rückbank sitzt im dunklen Dreiteiler, Manschettenknöpfe am gestreiften Hemd, der oberste Klimaberater der deutschen Bundeskanzlerin. Es ist der Physikprofessor Hans Joachim Schellnhuber, ein schlaksiger Endfünfziger, grauer Haarkranz, der aus tief liegenden Augen in die Welt blickt. Er kommt von einem Treffen mit Angela Merkel. Im Foyer des Paul-Löbe-Hauses hat Schellnhuber der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag Angst machende Dias gezeigt und Grundlagen der deutschen Klimapolitik erläutert.
Angela Merkel hat es leicht, Schellnhuber zu verstehen: Beide sind Physiker. Schellnhuber kritzelt im Kanzleramt schon mal chemische Formeln auf einen Zettel. Die Formeln beschreiben eine Katastrophe, die in den Ozeanen droht: Kohlendioxid-Abgase aus Autos, Fabriken und Kraftwerken wandeln sich im Meer zu Kohlensäure. Die Säure verätzt Kalkschalen von Muscheln und Korallen. Als die Kanzlerin die chemische Gleichung las, habe sie das Problem sofort erkannt, berichtet Schellnhuber: "Sie fragt so lange, bis sie ein Thema verstanden hat."
Schellnhuber hat drei Bundeskanzler in Sachen Umweltpolitik beraten, er sitzt seit 1992 im wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung, dessen Vorsitzender er mittlerweile ist. Bei Kohl ist er kaum zu Wort gekommen, der Altkanzler redete ohne Unterlass. Während eines Gesprächs mit Umweltexperten, erinnert sich Schellnhuber, sei Kohl erst nach anderthalbstündigem Monolog auf das Umwelt-Thema zurückgekommen, als er knapp verkündete: "Bäume sind mir wichtig!" Über die Schröder-Zeit erzählt Schellnhuber nicht viel, dafür schwärmt er geradezu für Merkel; zeitweise trafen sie sich alle paar Wochen.
Politiker greifen Schellnhubers Vorschläge dankbar auf. Der 59-jährige Physiker schafft es, komplizierte Wissenschaft in handfeste Slogans zu übersetzen. Schon in den 1990er Jahren entdeckte Schellnhuber das einprägsame "Zwei-Grad-Ziel": Die globale Erwärmung muss demnach auf zwei Grad begrenzt werden, um katastrophale Folgen zu verhindern. Nach der Bundesregierung hatte 2006 auch die Europäische Union und schließlich die Weltgemeinschaft das Zwei-Grad-Ziel als Richtlinie übernommen.
Schellnhubers Sprache findet direkt den Weg ins Unterbewusstsein der Zuhörer. Bei einer Diskussion vor UN-Delegierten stehen die Zuschauer bis auf die Flure. Schellnhuber blickt durch schmale Augenlieder mit zurückgelegtem Kopf vom Podium hinab aufs Publikum. Ohne eine "geschlossene Reaktion der Weltgemeinschaft" gegen den Klimawandel, sagt der Klimaforscher in gewohnt ruhigem Ton wie im Selbstgespräch, werde die Welt künftig eine "ganz andere" sein. Der Meeresspiegel drohe um "sieben Meter" anzusteigen. "Sieben Meter", notieren die anwesenden Journalisten. Zeitungen drucken zur UN-Klimakonferenz unzählige wohlmeinende Portraits über den Wissenschafts-Star.
Schellnhubers Sieben-Meter-Szenario wird auch auf der Konferenz in Kopenhagen nicht in Frage gestellt. Darauf angesprochen, gibt er sofort zu: Die Aussage sei aus wissenschaftlicher Sicht natürlich spekulativ. Tatsächlich sei unklar, wie viel Eis schmelzen und die Ozeane anschwellen lassen werde. "Aber würden Sie in ein Flugzeug steigen, das mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn Prozent abstürzt?"
Schellnhuber lässt seine Thesen am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) prüfen, dessen Gründer und Direktor er ist. Zum Institut geht es vom Potsdamer Hauptbahnhof eine hässliche Straße den Telegrafenberg hinauf. Oben präsentiert sich die Welt der Wissenschaft wie für einen Kinofilm gebaut. In einer Parkanlage liegt das herrschaftliche Institut, im renovierten Altbau mit stolz thronenden Observatorien. Hier oben arbeitete bereits Einstein, was man bei einem Besuch in jedem Fall erfährt.
Von seinen Mitarbeitern fordert Schellnhuber ständig neue Einfälle. "Er ist der intellektuelle Übervater unseres Instituts", schwärmt ein leitender Forscher. Viele Vorschläge stammen von Schellnhuber selbst. "Der Mann ist eine Ideen-Gebärmaschine", sagt Hartmut Graßl, ehemaliger Chef der Meteorologischen Weltorganisation WMO. "Sein scharfer Verstand bringt jeden in Bedrängnis."
Bereits als 17-Jähriger hat sich Hans Joachim Schellnhuber bewiesen, dass er viel erreichen kann. Er stammt aus dem niederbayerischen Dorf Ortenburg. Für die Universität war kein Geld da, aber es gab ein Stipendium für Hochbegabte. "Dann habe ich mich eben ein Jahr etwas mehr angestrengt in der Schule und habe das Abitur mit 1,0 abgelegt. Obwohl ich sonst kein fleißiger Schüler war", erzählt er.
Physik und Mathematik hat er studiert, in Regensburg promoviert, und wurde an das kalifornische Institute of Theoretical Physics empfohlen, in dem er mehrere Jahre gearbeitet hat. Tür an Tür mit drei Nobelpreisträgern, die er heute alle zu seinen Freunden zählt. Er wurde Direktor am Institut für Chemie und Biologie des Meeres in Oldenburg und 1991 gründete er das PIK in Potsdam. Anfang des Jahrtausends baute Schellnhuber in Großbritannien auch noch das Tyndall-Klimaforschungsinstitut auf.