Forscher sehen Fracking als Gefahr fürs Grundwasser

10. Juli 2013, 21:04 Uhr

Wie gefährlich ist Fracking? In einer neuen Studie lehnen Forscher die umstrittenen Bohrungen in Deutschland vorerst ab - gerade in dicht besiedelten Regionen könnten die Folgen verheerend sein. Von Alexander Sturm

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Fracking, Bohrungen, Erdgas, Schiefergas, Berenberg Bank, Hamburgisches Weltwirtschaftsinstitut, Klimabilanz, Co2

Protestplakat gegen Fracking am Bodensee: Die Bohrungen stoßen bei vielen Deutschen auf Ablehnung. Eine neue Studie bestätigt die Kritiker.©

Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Angelsachsen beim Thema Fracking anders denken als Deutsche, erbrachte Londons Bürgermeister Boris Johnson ihn vergangene Woche: Er zeigte sich offen für Pläne unter der britischen Hauptstadt Fracking einzusetzen, also Schiefergestein mithilfe von Chemikalien aufzusprengen, um an eingeschlossenes Erdgas zu gelangen. Denn solche Vorkommen werden nahe Londons bevölkerungsreichstem Stadtbezirk Croydon vermutet. Bis Ende des Jahres soll das Volumen erkundet sein. "Wenn Schiefergas in London ausgebeutet werden kann, sollten wir keinen Stein umgedreht lassen, damit die Lichter weiter an bleiben", so Johnson. "Es ist Zeit für maximalen Mut bei der Energiegewinnung."

In Deutschland wäre solch ein Vorstoß unwahrscheinlich. Erst im Mai scheiterte eine Gesetzesvorlage der schwarz-gelben Koalition, der die Voraussetzungen für Fracking in Deutschland regeln sollte, am Widerstand von SPD und Grünen im Bundesrat. Daraufhin vertagte Bundesumweltminister Peter Altmaier das Vorhaben auf die Zeit nach der Bundestagswahl. Die Mehrheit der Deutschen würde sich sogar freuen, wenn das Thema komplett von der politischen Agenda verschwinden würde - viele haben Angst vor den umstrittenen Bohrmethoden: Beim Fracking werden Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in Schiefergestein gepresst, um dort eingeschlossenes Gas oder Öl freizusetzen (siehe interaktive Grafik). Die Folgen für die Umwelt sind bislang kaum erforscht.

"Irreversible Folgen für dicht besiedelte Regionen"

Fracking-Gegner dürften sich nun von einer neuen Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und der Berenberg Privatbank bestätigt sehen. Darin warnen die Autoren eindringlich vor Umweltschäden und Trinkwasserverschmutzungen. "Ein schnelles Vorantreiben der Schiefergasförderung, ohne die Folgen für Grund- und Trinkwasser eingehend untersucht zu haben, könnte besonders für dichtbesiedelte Gebiete irreversible Folgen haben", sagt Thomas Straubhaar, Direktor des HWWI. Gerade beim Wasserschutz müssten erst einmal Umweltstandards definiert werden. Auch die Frage, wer bei Verunreinigungen hafte, sei noch zu klären. Die Sorge, Bohrungen in Schiefersteinschichten könnten in spannungsreichen Gebieten Erdbeben auslösen, teilen die Forscher hingegen nur eingeschränkt. Erdbebengefahr bestehe höchstens im Rheingraben, nicht aber im Norddeutschen Becken, wo das meiste Schiefergas liege.

Insgesamt plädieren HWWI und Berenberg Bank für ein sorgfältiges Testen der neuen Technologie. Die deutsche Gasversorgung durch Russland sei langfristig gesichert, was genug Zeit verschaffe, Chancen und Risiken abzuwägen. "Als Land mit einer hohen Bevölkerungsdichte sollte Deutschland beim Fracking keine Vorreiterrolle einnehmen", sagte Michael Bräuninger, Forschungsdirektor am HWWI, im Gespräch mit stern.de. "Man muss nicht in einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt mit Fracking starten."

USA mit bester CO2-Bilanz seit 20 Jahren - dank Fracking

Allerdings warnen die Forscher auch davor, die wirtschaftlichen Chancen von Fracking schon im Vorhinein auszuschließen. "Wir neigen in Deutschland dazu, den Risiken mehr Gewicht einzuräumen als den Chancen", so Bräuninger. "Die positiven Effekte gehen in der öffentlichen Diskussion häufig unter."

So verweisen die Autoren auf die USA, wo die umstrittenen Bohrungen schon seit Jahren eingesetzt werden. Dadurch sei es gelungen, viel billiges Erdgas zu gewinnen und weitgehend unabhängig von Importen zu werden - wenngleich die Umweltauflagen dort sehr lax ausgelegt würden. Außerdem habe das Land seine Klimabilanz enorm verbessert: Da Erdgas die umweltschädlichere Kohle bei der Stromerzeugung zunehmend ersetze, seien die CO2-Emissionen so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Deutscher Erdgasbedarf wäre auf Jahre gestillt

Laut HWWI und Berenberg Bank seien die Schiefergasvorkommen in Deutschland mit 1,3 Billionen Kubikmetern zwar zehnmal kleiner als in den USA; folglich seien auch weniger Jobs durch Fracking zu erwarten. Trotzdem könnten die Vorkommen den deutschen Gasbedarf für die nächsten 13 Jahre decken. Auch die deutsche Klimabilanz könne Fracking verbessern - allerdings nur, wenn die CO2-intensive Stromerzeugung mit Kohle durch Schiefergas ersetzt werde.

Die Autoren rechnen damit, dass China, Kanada und Großbritannien bald dem Vorbild USA folgen und ebenfalls Fracking einsetzen werden. Das muss laut Wolfgang Pflüger, Volkswirt bei Berenberg, aber kein großer Nachteil für Deutschland sein. Zwar profitierten in den USA energieintensive Unternehmen von niedrigen Gaspreisen und hätten so einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz. "Doch selbst wenn Deutschland sich nicht am Fracking beteiligt", sagte er stern.de, "halte ich sehr negative Auswirkungen für die Industrie für übertrieben."

 
 
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