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40. Tokyo Motor Show: Autoliebe

Ein völlig anderes Bild als bei der IAA vor sechs Wochen: In Japan scheint der Kunde das Auto nach wie vor zu lieben. Mit forschen Studien, alternativen Konzepten und jede Menge Emotionen zeigen die Japanern den Deutschen, was eine Harke ist.

Von Stefan Grundhoff

Die Zeiten, in denen der deutsche Autofahrer seinen fahrbaren Untersatz so sehr liebte, wie ein kein anderer auf der Welt, scheinen vorbei. Während Themen wie CO2 und Kraftstoffkosten wie ein Damoklesschwert über der Branche hängen, ist die Stimmung ist auch nach der pseudogrünen IAA mies. Keine Spur von alledem auf der 40. Tokyo Motor Show. Die Leistungsschau des euro-asiatischen Wirtschaftsraumes spiegelt neues und bekanntes wider. Eine Lustlosigkeit rund um das Thema Auto ist im Messezentrum Makuhari beim besten Willen nicht zu entdecken. Kein grüner Schleier, kein schlechtes Gewissen – vielmehr präsentiert sich Japan mehr denn je als echtes Autoland.

Das an den meisten Messeständen gekünstelte Öko-Image der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt sucht man in Tokio vergebens. Alternative Antriebskonzepte stellen sich schiedlich friedlich neben Kraftprotzen zur Schau. Die erwarteten 1,5 Millionen Kunden werden es zu schätzen wissen.

Sportive Symbiose aus Kreiskolbenmotor und Heckantrieb

Viele der Technologien kann man bereits erfahren oder hat zumindest in den nächsten Monaten die Möglichkeit dazu. Umso wichtiger sind auf der Asienmesse die Studien und Konzepte, die einem Geschmack auf den Autoverkehr von morgen und übermorgen machen sollen. Autos wie der rundliche Kubus Nissan Pivo 2 mit seinem drehbaren Kommandostand, der stromlinienförmige Mazda Taiki mit der sportiven Symbiose aus Kreiskolbenmotor und Heckantrieb oder der Mitsubishi i MIEV Sport mit einem Photovoltaikdach bieten nicht nur technische Neuerungen, sondern glänzen mit betont mutigem Styling.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Klein und kernig

Tun sich viele der deutschen Hersteller auf dem Heimatmarkt schwer, so können sie in Nippon Zeichen setzen. Allen voran das kompakte Audi Metropolitan quattro Concept, eine Vorwegnahme des neuen Audi A1. An seiner Seite bringt der VW Space Up als familiäre Nachfolgeversion der IAA-Studie Up ebenfalls Unruhe in die zumeist asiatisch-betulichen Messehallen. Audi A1 als Konkurrent des Mini Cooper und der VW Up als Smart-Gegner werden kommen - auch in Japan. Bis 2010 dürfte man sie auch im Straßenverkehr sehen; wie es aussieht mit hocheffizienten Hybridkomponenten. Doch es geht auch sportlich: Die Japaner lieben den BMW M3. Den gibt es für den Familienausflug ab sofort auch als Limousine. Wer es kleiner und kernig mag, träumt dagegen vom realen Prototypen des BMW 1er Coupé tii. Da werden Erinnerungen an die 70er wach.

Diesel mit Schmuddelimage

War auf der IAA markenübergreifend noch der Saubermann-Diesel ein großes Thema, so gilt die Selbstzündertechnik in Japan unverändert als technika non grata. Abgesehen von größeren Lastwagen haben die Diesel - ob Hightech oder nicht - hier unverändert ein Schmuddelimage. Ganz ohne Diesel kommt auf der Motorshow zum Beispiel der neue Honda Fit aus. In Europa dürfte der Fit unter dem Namen Jazz im nächsten Jahr auf den Markt kommen. Sein Van-Styling und das intelligente Raumkonzept mit der hochklappbaren Rückbank hat der Musiker im Hause Honda behalten.

Lara-Croft-Design

Ein interessantes Doppel zeigt Suzuki bei seinem Messeheimspiel. Zum Publikumsliebling der Messe dürfte der Suzuki X-Head, eine Art Micro-Unimog im Lara-Croft-Design, avisieren. Der gerade einmal 3,75 Meter lange Kleinlaster bietet Platz für zwei Personen und auf der Ladefläche Raum für Sportgeräte aller Art. Für den Vortrieb sorgen 4x4-Technik und ein sparsames 1,4-Liter-Triebwerk mit Doppelkupplung. Mit dem Kizashi II spinnt Suzuki die IAA-Idee eines sportlichen Crossover gelungen weiter. Bleibt abzuwarten, wie sich die Fortsetzung des Kizashi als reale Limousine im D-Segment im Jahre 2010 platziert. Die Tokio-Studie macht in jedem Fall Lust auf mehr.

Was wäre die Motor Show ohne eine Vielzahl PS-starker Boliden? Wer einen Spaziergang über die Flaniermeilen der Millionenagglomeration Tokio macht, ist sowieso der Ansicht, dass ein Großteil von AMG-, M-, RS- und Porsche-Modellen im japanischen Yenparadies seine geneigten Abnehmer findet. Star der Autoshow ist dabei der bereits seit langem erwartete Nissan Skyline GT-R, der mit Doppelturbo, 480 PS und einer Nordschleifen-Bestzeit von 7,38 Minuten ab sofort BMW M3 und Porsche 911 das Leben schwer macht. In die gleiche Kerbe schlägt der Lexus IS-F, der Toyota nicht nur in der Öko-Fraktion einen Platz sichern soll.

Entweder exklusiv oder quadratisch - praktisch - gut

Die Tokyo Motor Show zeigt mit Nachdruck, dass auf dem lokalen Markt Vans jeder Größe eine enorme Bedeutung haben. Asiatische Raumwunder wie der Mitsubishi Delica, der Nissan NV 200 oder der Microbus Suzuki Palette sind heimliche Messestars. Seine Qualitäten gut versteckt hat der Mazda5 Hydrogen RE Hybrid. Er wird von einem sauberen und effizienten Wasserstoff-Hybridmotor angetrieben. Scheinen Coupés und Kombis in Europa langsam wieder auf dem Vormarsch, so ist davon auf dem asiatischen Markt nichts zu sehen. Entweder exklusiv oder quadratisch - praktisch - gut.

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