AUTO Das Oberauge

Der Mann hat immer Jetlag in den Knochen. Damit die Krisenfirma Mitsubishi endlich schicke Modelle bauen kann, düst der neue Chefdesigner Olivier Boulay ständig zu seinen Studios in aller Welt. Der stern war dabei.

Je heftiger die Krise, desto höflicher die Japaner. Kopfnicker säumen den Einlass, abknickende Bücklinge das Foyer, Hostessen in Dunkelblau und Männer in Business-Grau wedeln die Gäste zu ihren Plätzen im dämmrigen Saal, arrangieren Mineralwasserflaschen und Übersetzungsanlagen.

An der Stirnseite, links und rechts des Rednerpultes, wie überdimensionale Weihnachtsgeschenke, zwei riesengroße silbergraue Hüllen, unter denen sich die Konturen von Autos abzeichnen - die Zukunft!

Rekordverluste

Die Gegenwart sieht düster aus. Mitsubishi Motors Corporation hat das Geschäftsjahr 2000/2001 mit einem Rekordverlust von rund fünf Milliarden Mark abgeschlossen.

Absatzeinbrüche auf dem Heimatmarkt, Verluste im Europa-Geschäft und obendrein spektakuläre Rückrufaktionen haben das Unternehmen mit Biturbotempo in die Krise gesteuert.

Was können schon Manager?

Trouble-Shooter aus Europa wurden an die Front in Fernost geschickt, der Mercedes-Kämpe Rolf Eckrodt vom 37-Prozent-Miteigentümer aus Sindelfingen ans Ruder des kranken Konzerns kommandiert, drastischer Stellenabbau und ein dramatisches Sanierungsprogramm verordnet.

Aber was können schon Manager? Leute rausschmeißen, gewiss, und Kosten reduzieren und Plattformen standardisieren und Abläufe rationalisieren und irgendwas minimieren und was anderes optimieren und so weiter.

Aber interessieren sich die zwei Hundertschaften von Motorjournalisten, die an diesem grauen Herbstfreitag in das graue Hochhaus mit dem Mercedes-Stern am First in den Tokioter Stadtteil Rappongi gekommen sind, für Betriebswirtschaft?

Für die Zerknirschungs-Deklamationen von Entwicklungschef Ulrich Walker (»Our image was seriously damaged«)? Für rote Zahlen oder neue Controlling-Strukturen? Nein. Sie interessieren sich für Autos.

Auto ohne Eigenart

Da allerdings war die Mitsubishi-Krise bisher beinahe noch greifbarer als beim Blick auf die Bilanz. Autos? Kühlschränke auf Rädern! Fahrende Waschmaschinen!

Technisch okay, aber stillos. Ohne Charakter, Gesicht, Sex-Appeal. Wer das Unglück hatte, am Flughafen einen Mitsubishi als Leihwagen zu bekommen, ihn dann auf einem großen Parkplatz abstellte und sich den Platz nicht exakt merkte, der konnte bei der Rückkehr mitunter lange suchen. Mitsubishi - das perfekte Auto ohne Eigenschaften. Ohne Zukunft?

Zurück zur japanischen Kultur

Auftritt des Hoffnungsträgers. Eher klein, eher schmächtig, dunkelblond, freundlich und entspannt, 44 Jahre alt und auf verblüffende Weise Uli Wickert ähnlich.

Steht wie dessen kleiner Bruder am Pult und spricht gelassen große Worte. Zu lange sei die japanische Autoindustrie von Amerika und Europa beeinflusst worden.

»Es ist Zeit, die Stärken der eigenen Kultur zu entwickeln.« Zwei Dinge gelobe er für die Zukunft: »Premium Image« und »Real Japanese Identity«.

Das Zweitheim

Der so lässig nach japanischer Identität ruft, ist gebürtiger Franzose, ausgebildet in Paris und London, war Designer bei Porsche, Mercedes, Subaru und wieder Mercedes. Seit Mai dieses Jahres ist Olivier Boulay »Chief

of the Design Division» bei Mitsubishi - und dessen Hoffnung auf neue Zukunft.

Die Hüllen fallen. Ein feuerwehrrotes »Compact-Car« kommt zum Vorschein und ein silbergrauer »Space-Liner«. Konzeptstudien. Beide keilförmig, dynamisch, variabel.

Boulay erläutert. Cockpit-Design und Fahrgefühl des roten Autos sollen bei großzügigem Platzangebot ein Rallye-Gefühl am Steuer vermitteln, aber auch den Eindruck, man sitze in einem Zweitheim.

Als Signal dafür ist mitten auf dem Armaturenbrett ein winziges Glashaus montiert, in dem vorläufig ein Kaktus wohnt, aber auch ein Bonsai wachsen (besser: nicht wachsen) könnte.

In Zukunft Futons

Das große silbergraue Auto ist ein Wohnzimmer: drehbare Vordersitze mit Sessel-Komfort, eine sofaartige Rückbank, Kühlschrank, Unterhaltungselektronik, indirektes Licht, zurückhaltende Farben, ein heller Teppich mit meditativem Muster.

Zen-Philosophie auf Rädern. Früher produzierte Mitsubishi fahrende Waschmaschinen - gehört die Zukunft rollenden Futons? »Warum nicht«, lacht der Designer. »Futons haben die Schlafzimmer der Welt erobert.«

Japanische Schwächen

Nach der Präsentation Small Talk bei Steh-Sushi. Auch Firmenboss Rolf Eckrodt zeigt sich in der Menge, spricht zwischen Reisröllchen und rohem Fisch von der notwendigen »Förderung der japanischen Stärken« und gibt diskret zu verstehen, dass mindestens ebenso viele japanische Schwächen zu überwinden sind.

Beispiel: die geriokratischen Entscheidungsstrukturen im Konzern; alte Männer haben darüber entschieden, was junge Frauen kaufen sollen. Jetzt werden zum ersten Mal Jugendliche an Design-Diskussionen beteiligt, werden Frauen angehört und ernst genommen, wenn sie das Aussehen eines Autos zu aggressiv oder sein Inneres zu technisch und zu kalt finden.

Weg vom Billigprodukt

»Es fehlt noch immer an Eleganz«, sagt der Firmenlenker, »an weicheren Linien, an schicken Lösungen für den Innenraum. Heute fliegen ja immer noch die CDs lose durchs Auto.«

Ausstattung, Materialien und Aussehen werden in Zukunft eine viel größere Rolle für die Kaufentscheidung spielen, glaubt Eckrodt, Stoffe, Farben und natürlich das Gesicht des Autos.

»Die Zeit der Eier ist vorbei. Individualisierung ist angesagt.« Auch bei Mitsubishi. Die Firma will weg davon, dass ihre Produkte nur deswegen gekauft werden, weil sie die billigsten sind. Im Fadenkreuz der Strategen sind »junge Leute, die sich abheben wollen über ein besonderes Auto«. Das muss her, so schnell wie möglich.

Keine Zeit

Und das soll er bewerkstelligen, der neue Herr der Formen und Farben, Olivier Boulay, verheiratet, drei Kinder, ein glücklicher Mensch. Schon mit zehn Jahren wollte er werden, was er jetzt ist: Auto-Designer.

Der Chef-Kreative hat in Japan drei Teams mit knapp 200 Mitarbeitern unter sich, weitere in den USA, Australien und Europa. Er hat jede Menge Mitarbeiter, Mittel und Möglichkeiten. Nur eins hat er nicht: Zeit.

Gute alte Zeiten

15 Uhr. Die Sekretärin befreit den Vielgefragten mit sanfter Gewalt aus der Umzingelung der Journalisten, drängt ihn zum Ausgang, vor dem mit laufendem Motor eine Limousine wartet, versorgt ihn mit aktuellem Flugplan und letzten E-Mails und klappt die Tür hinter ihm zu.

Der Fahrer gibt Gas und fädelt sich vorsichtig in den vierspurigen Kriechverkehr ein. Boulay zündet sich eine Zigarette an und lässt sich zurücksinken.

Er liebt dieses Auto, das alte Flaggschiff von Mitsubishi, riesengroß, schwer, schwarz. Es sieht aus wie das bevorzugte Beförderungsmittel des nordkoreanischen Politbüros und stammt aus der Zeit, als Japan noch Muskeln hatte, das Wort Krise ein Fremdwort und den Autobauern Nippons die Meinung der Restwelt wurscht war.

Die Stadt der Veränderung

Gedämpft durch getönte Scheiben zieht draußen die futuristische Kulisse der Zwölf-Millionen-Stadt vorbei, graue Steingebirge aus aufeinander geschichteten und ineinander geschachtelten Klein- und Großkuben, durch die auf gestaffelten Stadtautobahnen der zähe Verkehr schleicht.

Boulay lebt gern in Tokio. »Tolle Dynamik. Alles verändert sich ständig.« In dem Viertel, wo er wohnt, kann man morgens im Pyjama Brötchen holen, und neben einem steht jemand in Business-Flanell.

Anything goes. Und die Japaner sind gar nicht steif und emotionslos. Manchmal, wenn sie nach Stunden im Design-Studio eine Lösung gefunden haben, die allen gefällt, sind sie ausgelassen wie Kinder.

Er wäre gern kontinuierlicher in der Stadt, ist aber ständig unterwegs. Einer der Gründe, weswegen er sich (mit rund 200000 Euro pro Jahr) nicht sonderlich gut bezahlt fühlt.

Auf dem Schleudersitz

Okay, die Firma hat auch das teure Haus gemietet, in dem seine Familie lebt. »Aber wann bin ich schon zu Hause?«

Der andere Grund für die latente Unzufriedenheit mit seinem Salär ist der, dass es eine Risikoprämie einschließen müsste. »Ich sitze, wie alle Chefdesigner, auf einem Schleuderstuhl.«

Ausspannen in Frankreich

Der Franzose hat sich, gerade zwei Monate im Amt, weit aus dem Fenster gelehnt. »Ich kann mir vorstellen, dass das Unternehmen sich früher erholt als geplant«, hat er Ende Juni unter Hinweis auf die bevorstehenden Modelländerungen erklärt. Jetzt steht er im Wort.

Boulay telefoniert mit seiner Frau. Auf Französisch. Dann mit seiner Sekretärin. Auf Englisch. Dann redet er wieder deutsch. Über seine Kinder, die Töchter, 16 und 17, und den Sohn, 12, von denen er die fixesten Rückmeldungen auf seine Ideen bekommt; wunderbare Kids, wirkliche Weltbürger, im Herzen aber Franzosen.

Jedes Jahr freuen sie sich auf die Sommerwochen in Südfrankreich, wo die Familie ein Haus am Meer besitzt. »Unsere Basis.« Da kommt auch er endlich mal zu sich.

Ausspannen, Segeln, Rotwein bei Sonnenuntergang. Und danach lange schlafen. Er träumt auch in drei Sprachen, »je nach Anlass«.

Portionierte Mails

Freitag, 18.45 Uhr, Abflug Singapore Airlines, Tokio-Los Angeles. Die Business-Class ist halb leer. Heilbutt-Filet, dann Rotwein. Er gestattet sich Magazin-Blättern und vagabundierende Gedanken.

Einen Laptop hat er grundsätzlich nicht bei sich. E-Mails an ihn werden von seiner Sekretärin gelesen, sortiert und in ausgewählter Portionierung an seine Reisestationen weitergeschickt. Heute ist es der Aufbruch zur siebten Erdumrundung seit seinem Amtsantritt vor sechs Monaten.

Was ist Design?

Der Flug über die Datumsgrenze ins Gestern ist immer wieder eine Zeitreise. Gute Gelegenheit für Selbstreflexion. Was ist Design? Ewiges Wechselspiel von Barock und Bauhaus, ausgelebtem Spieltrieb und strenger Form-Funktion. Wo stehen wir? Überall gleichzeitig. Das ist das Problem.

Es herrscht das Zeitalter der Unübersichtlichkeit. Man ist smart im Job, sportlich in der Freizeit, fürsorglich in der Familie, leidenschaftlich in der Partnerschaft und im Übrigen cool.

Welches Auto will der Mann für dieses Leben? Und welches die Frau? Welches Lebensgefühl, welche Emotionen wollen angesprochen, welche Sehnsüchte bedient werden? Nostalgie? Rückorientierung in gute alte, heile Zeit der Übersichtlichkeit, wie es Chrysler mit dem Retromodell PT Cruiser oder BMW mit dem Mini machen?

Immer nach Vorn

Segler Boulay hält es lieber mit »La Paloma«: »Nach vorn geht mein Blick/Zurück darf kein Seemann schau'n...« Es gibt so viele neue Materialien, Formen, Möglichkeiten, Herausforderungen. Glatte Feigheit, sich ihnen nicht zu stellen.

12.50 Uhr Landung in Los Angeles. Es ist immer noch Freitag. Lächelnd wartet Satoru Tsujimoto, Chef des örtlichen Design-Teams, 25 Köpfe stark. Per Stretch-Limousine, Länge mindestens acht Meter, geht es beim Klang klirrender Eiswürfel über den Highway 405 nach Cypress. Kurzer Lunch. Dann ein moderner Bürokomplex inmitten von Flachbauten und Erdbeerfeldern. Die Mannschaft der Kreativen steht bereit zum Brainstorming. Gedrängtes Programm.

Diskussion am Tonmodell

Das Nachfolgemodell für den Eclipse wird anhand eines 1:1-Tonmodells diskutiert. Das Auto ist wichtig für die Firma, 6000 bis 7000 Stück pro Monat werden in den USA verkauft.

Dutzende von Details müssen geklärt werden. Kühlergrill, Heckleuchtenform, Radkästen. An Stellwänden hängen Entwürfe, Skizzen, Fotos der Konkurrenten. Boulay ist in seinem Element.

Was wirkt dynamischer?

Das Sakko hat er längst ausgezogen, den Schlips gelockert, die Ärmel hochgekrempelt. Er wirft Skizzen aufs Papier, vergleicht, wertet. Am Tonmodell wird herumgekratzt, ein Kotflügel verschlankt, ein anderer verbreitert.

Immer wieder die Frage: Was ist emotionaler, was wirkt dynamischer? Die breiten Radkästen sind gut, das sieht nach Muskeln aus, begeistert sich der Designer, das wirkt so, als wolle das Auto von allein losfahren. »Können wir das pushen?«

Be yourself

Die Arbeit ist Teamarbeit. Der eingeflogene Chef kein Boss, der Direktiven erteilt, sondern mitdenkender Kreativer. Er sei nach seinem Amtsantritt schnell akzeptiert worden, sagt er. Man müsse nur offen sein, objektiv und fähig, rasch Visionen zu entwickeln.

Die sind ihm wichtig. Deswegen wird er immer wieder grundsätzlich. Lasst euch nicht den Schneid abkaufen von den verdammten Ingenieuren, Kostensparern, Controllern und Machbarkeits-Opportunisten, sagt er seinem Team beschwörend. »Be yourself!«

Die Träume bauen

Das hat er zuletzt wieder gelernt, als er von 1998 bis 2001 gegen alle internen Widerstände und puritanischen Anti-Luxus-Bedenken bei Mercedes den edlen Maybach entwickelt hat: »Die Menschen haben Träume. Wir müssen sie ihnen bauen.«

Und das gilt keineswegs nur für ein 500000-Mark-Edelgefährt, sondern auch für die kompakte Mittelklasse. »Ein Auto ist nicht nur Vehikel, sondern Lebensentwurf.«

Zu erkennen beispielsweise am Boom der Off-Road-Autos, die niemals außerhalb der Straßen bewegt werden. Sie haben die gleiche Bedeutung wie Outdoor-Kleidung, die auch keine Steilwand sieht, keinen Gletscher und meist nicht mal einen ordentlichen Regenschauer abkriegt. Sie sind eben Statement, Ausdruck von Persönlichkeit, materialisierter Traum.

Sport Utilities Pack

Deswegen hat für die Zukunft von Mitsubishi und seinem Chefdesigner das neue Konzept mit dem Kürzel S.U.P. zentrale Bedeutung: Sport Utilities Pack, ein Auto für die junge, sportlich bewegte Generation, die vormittags an der Börse oder in der Agentur jobbt, nachmittags auf dem Wasser und abends im Internet surft.

Überall im Studio hängen Entwürfe, Vorschläge, verrückte Ideen, Materialproben. Das S.U.P soll ein Auto werden mit abnehmbaren Seitenfronten, die als Koffer oder Transportbehälter, beispielsweise für nasse Surfanzüge, dienen können.

Diese beweglichen Seitencontainer können auch gegen andere in anderen Farben ausgetauscht werden - jedermann sein eigener Designer. In die Rückseiten der Vordersitze sind abnehmbare Rucksäcke integriert, im Heck ist ein Wasserbehälter mit Dusche untergebracht und im Kofferraum eine Klappe, unter der zwei City-Scooter liegen.

Laptop inklusive

In der Mitte des Armaturenbretts aber findet sich auch ein handlicher kleiner Laptop, mit dem man jede Art von elektronischer Information im Auto abrufen, den man jedoch auch als ganz normales Schreib- und Kommunikationsgerät mit ins Büro nehmen kann. Ein interaktives Auto für den modernen Großstadtnomaden.

Doch sein eigentlicher Kick muss darin bestehen, sagt Dan, den Fahrern ein Gefühl von Freiheit, Freizeit, Abenteuer schon durch die schiere Anwesenheit im Auto zu vermitteln.

So wie früher das Safari-Abenteuer auch schon begann, wenn man den Blue-Train mit seiner Kolonialeinrichtung bestieg, und nicht erst, wenn man am Zielbahnhof ankam. Deswegen die Materialproben, die sich überall stapeln, vom Zebrafell bis zu Bergen moderner Laufschuhe.

Was vermittelt visuell und haptisch ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer? Eine schwierige Aufgabe, nickt Dan. »But its fun.«

Jedes Teil in Handarbeit

16 Uhr. Immer noch der Freitag, der für Olivier Boulay vor 30 Stunden begonnen hat. Noch einmal 40 Minuten Fahrt über volle Highways. Dann ist das Studio erreicht, in dem der Protoptyp des S.U.P. gebaut wird.

Jedes Teil in Handarbeit. Kosten: rund anderthalb Millionen Dollar. Die Zeit für die Fertigstellung ist knapp, die Modellbauer malochen rund um die Uhr. Metallsägen kreischen, Schleifmaschinen wummern, verlassene Handys wimmern, ein betäubender Dunst aus Lack und Lösungsmitteln hängt in der dicken Hallenluft.

Für die Designer die Stunde der Wahrheit: Sehen die Dinge am »lebenden« Auto so aus, wie auf dem Zeichenbrett gemeint? Die Rucksäcke beispielsweise nicht. Zu steif, zu eng für europäische Schultern. Peanuts.

Insgesamt sind die Männer von Mitsubishi zufrieden. Erleichtert lotst Mr. Tsujimoto seinen Chef zum Abendessen in ein Edelrestaurant von Laguna Beach.

Entspannung am Strand

Am nächsten Morgen drei Stunden Pause. Feiner Hochnebel hängt in der Luft, grau liegt der Pazifik vor dem »Sand and Surf Hotel«. Der Designer liebt das Meer.

Strandspaziergang. Versuch, den Kopf zu leeren. Dann biegt er ab, bummelt den Laguna Boulevard hinunter. Da parkt ein Pontiac. Abgrundtief hässlich, findet er. Aber warum eigentlich?

Schon ist er wieder im Dienst. Als er um zwölf Uhr hinter den getönten Scheiben der Stretch-Limousine verschwindet, kommt gerade die Sonne durch.

Am Flughafen

Zwischenstation im Modell-Studio. Über Nacht ist der Motor eingebaut worden. Er stottert noch, aber er läuft. Noch einmal eine Stunde mit Detaildiskussionen. Dann Weiterfahrt zum Flughafen.

Im Fahrstuhl von der Business-Lounge zum Abflug hat er beim letzten Mal einen alten Freund aus Studienzeiten getroffen, mindestens zehn Jahre nicht gesehen. Zehn Sekunden fuhren sie zusammen im Lift, dann trennten sich ihre Wege wieder.

Freundschaft im Zeitalter der Globalisierung. Diesmal fährt ein bis an die Zähne bewaffneter Sicherheits-Guard im Fahrstuhl mit. Reisen im Zeitalter der Taliban.

Im Hotel bekannt

Lufthansa 457 und 3860, Los Angeles-Frankfurt-Turin. Ankunft Sonntag 18.05 Uhr. Langes Warten am Gepäckband. Boulays Koffer kommt nicht. Er wurde leider nach Genf geschickt, bedauert die Lufthansa. Der Designer behält die Fassung - und das Hemd an, das er seit fast 40 Stunden trägt. Es stinkt.

Die Unterhose wäscht er mit Shampoo aus, bevor er schlafen geht, und legt sie auf die Heizung. Doch die ist kalt. Schöne Grüße von Murphy.

Im Hotel ist der Designer ein Bekannter. Unvergessen, seit er nach einem langen Arbeitstag ein Bad nehmen und die Füllung der Wanne auf dem Bett ruhend abwarten wollte. Als sie ihn weckten, war das Wasser bis zur Rezeption durchgelaufen.

Morgenrallye in Turin

Montag. Vierter Reisetag, dritter Kontinent. Frühstück mit feuchter Hose. Dann heizt Boulay mit dem Leihwagen durch Nieselregen und morgendlichen Berufsverkehr wie ein Formel-1-Pilot. Von Ampel zu Ampel mit Tempo 110.

In Turin kennt er sich aus, hier hat er nach dem Architekturstudium die ersten Erfahrungen als Designer gesammelt. Über seinen Ausbildungsweg ist er bis heute froh. »Was ist ein Auto anderes als Architektur auf Rädern?«

Ziel der Morgen-Rallye ist ein zweistöckiger Hallenbau in den nördlichen Industrievororten von Turin: »Stola S.P.A.« steht am Eingang. Enthusiastische Begrüßung durch den Chef Alfredo Stola, einen agilen Anfangsvierziger mit poliertem Schädel und makellosem Maßanzug. Er schnüffelt irritiert, als er in die Nähe von Boulays Hemd gerät.

Kunst am Kleinwagen

Wieder Sicherheitsschleusen, Besucherausweise, das Brummen der Schleifmaschinen, das Kreischen der Fräsen, der betäubende Dunst von Lack und Lösern. Unterschied zu Amerika: An allen Wänden hängen prallbusige Pirelli-Pin-ups, und der Auto-Prototyp in der Mitte der Halle ist anders, kleiner und kompakter.

Die größere Herausforderung, findet der Designer: »Es ist eine große Kunst, ein kleines Auto zu bauen, das Wert und Qualität ausstrahlt.«

Die Mitarbeiter des in Deutschland beheimateten Mitsubishi-Design-Teams sind vor Ort, suchen noch während des Baus nach optimalem Material für die Innenausstattung.

Eine in die Vordersitze eingelassene Schultertasche gehört dazu, die nach Leder aussieht, sich auch so anfühlt, aber aus Polyurethan ist, einem modernen Kunststoff, der die aus Portugal stammende Designerin Andrea begeistert. »Sieht kostbar aus, ist hochwertig und extrem strapazierfähig.«

Frauenwagen in silbergrau

Das Auto soll vor allem Frauen ansprechen, deswegen auch die Farbe: Silbergrau, ein weicher, optimistischer Ton, der sich mit dem Lichteinfall verändert.

Endlich weg vom Schwarz der Männer! Und auch hier findet sich wieder das kleine Glashaus mit Kaktus im Cockpit.

Unzufrieden ist Boulay mit dem Logo, dem Stern aus drei Rhomben, der jeden Mitsubishi ziert. Je nach Modell spreizt er sich anders. Dieser hier spreizt sich noch nicht optimal. Er soll auch größer werden, wichtig für Selbstbewusstsein und Corporate Identity. Detailhuberei?

Nein, findet die portugiesische Designerin. Ein wichtiger Schritt, wenn Mitsubishi eines Tages den gleichen Klang haben soll wie Sony, Panasonic oder Yamamoto. Für einen solchen Namen müssen die Firma und ihre Produkte ein neues, einprägsames Gesicht bekommen.

Designerteams auf der ganzen Welt

Und dafür braucht man eben Designerteams auf der ganzen Welt, welche die Trends und Tendenzen, die Pulsschläge und Vibrationen ihrer Umgebung aufnehmen und verarbeiten. Sagt Andrea.

Ihr Chef ist kaputt. Er raucht viel. Man sieht ihm jetzt die Erschöpfung an. Lange Diskussion über technische Probleme bei der Gestaltung des Hecks, das unter Weglassung einer Stoßstange als Modul aus weichem Material geformt ist.

Neues Hemd am Abend

Telefonate mit dem Flughafen. Der Koffer ist inzwischen in Luxemburg. Am Abend schafft es Boulay kurz vor Ladenschluss noch, sich ein neues Hemd zu kaufen. Aber Unterhosen führt das Geschäft nicht. Wieder Kleinwäsche im Handwaschbecken und das klamme Gefühl beim Anziehen am nächsten Morgen.

Der Pajero steht noch auf dem Programm, eine Show-Car-Version des Geländewagens, der die letzte Rallye Paris-Dakar gewann. Die Erfahrungen dieses Rennens sind verarbeitet. Aber vor allem soll dieses Auto das Gefühl vermitteln, selbst an einer solchen Rallye teilzunehmen, auch wenn man nur zum Brötchenholen fährt.

Schlitze statt Gitter

Der Motor des feuerwehrroten und sehr wüstenmäßig gestylten kantigen Wagens röhrt wie ein brünstiger Hirsch, die Türen fallen ins Schloss wie die Einstiegsluke eines Panzers, und unter der Ladefläche im Heck verbirgt sich ein komplettes Survival-Kit inklusive Fernglas, GPS, Signalraketen und Flachmann mit Whisky.

Boulay ist zufrieden. Nur die Frontpartie muss noch einmal geändert werden. Schlitze statt Gitter. Eine Frage der Familienähnlichkeit.

Dann drängt die Zeit. Abflug: Dienstag, 14.15 Uhr. Turin-Frankfurt-Tokio. Ohne Koffer. Nach sechs Tagen und 40 Stunden im Flugzeug ist Olivier Boulay wieder zu Hause. Und kann, bevor er ins Büro fährt, endlich eine frische Unterhose anziehen.

Von Peter Sandmeyer

Fotos von Frank Wache


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