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Audi R8 V12 TDI Le Mans: Der rote Baron

Wo könnte ein Audi R8 besser hinpassen als nach Miami Beach? Da, wo sich Tag für Nacht die Schönen und Reichen in der Sonne aalen und ihre Luxuskarossen ausführen, ist der Renner aus Neckarsulm einer der Megastars. Der rote Baron wird von einem Power-Diesel befeuert.

In South Beach of Miami muss man schon etwas aufbieten, um Applaus zu ernten. Hier reihen sich aufgemotzte Bentley Continental GT ebenso Stoßstange an Stoßstange wie Luxuscoupés aus Stuttgart, München, Maranello und Santa Agatha. Nach einem Audi R8 drehen sich die zumeist durchtrainierten Körper durchaus noch um - besonders wenn er in einem derart auffälligen rot lackiert ist. Als ob der Straßenrenner aus Deutschland nicht schon scharf genug wäre - dieses Modell ist ein Prototyp und somit einzigartig. 500 PS und 1.000 Nm Drehmoment traut man einem R8 fraglos zu, aber einen Dieselmotor? Da reißen nicht nur die autobegeisterten US-Boys verwirrt die Augen auf.

Als der Audi R8 auf der überraschend ruhigen Watson Island zwischen Miami und Miami Beach von dem Rampe herunterrollt pirschen sich zwei sonnengebräunte Amerikaner heran. Sie wollen Infos - den schneidigen Teutonen am besten gleich kaufen. Als sie Begriffe wie "Diesel", "Doppelturbo" und "500 PS" hören, sticht die Angst in ihre Augen. Als ob es der heimatlichen Autoindustrie unweit der großen Seen nicht schon schlecht genug ginge und die Europäer in Miamis Oberschicht nicht schon seit Jahren die Hosen anhätten. Doch ein Rennwagen von Audi und dann noch mit Dieselmotor? Es ist Zeit zu gehen. Wer weiß, was noch kommen mag? Lieber wieder an den Ocean Drive und harmlosen 911ern und Ferraris hinterher glotzen.

Massive Probleme beim Getriebe

Der feuerrote Audi R8 V12 TDI Le Mans ist derzeit auf Werbetournee in den USA unterwegs. Seine Stationen: Sebring, New York und Miami Beach. "Wir haben im September vergangenen Jahres den Auftrag bekommen, dieses Auto bis zum Genfer Salon in die Tat umzusetzen", erzählt Thomas Kräuter, bei Audi zuständig für die Prototypen und längst nicht mehr geheimer Vater des R8 TDI, "kurzfristig wurde dann entschieden, das Fahrzeug bereits auf der Detroit Auto Show zu zeigen." Der Grund liegt auf der Hand: Audi muss in den USA schleunigst zurück auf die Erfolgsspur. In knapp einem Jahr kommt der Q7 mit Saubermann-Diesel ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wo würde der R8 mit Selbstzünder mehr Eindruck schinden, als in Amerika.

Für das knapp 30-köpfige Team rund um Projektleiter Thomas Kräuter hieß das eine heiße Vorweihnachtszeit und zahlreiche Nachtschichten. Hatte es zunächst noch strahlende Gesichter gegeben, als der hauseigene V12-Diesel am CAD-Computer an die Stelle des gewöhnlichen Achtzylinder-Benziners verpflanzt wurde, bereitete das Getriebe massive Probleme. Ein Automatikgetriebe kam für einen Sportwagen wie den R8 nicht in Frage und die Doppelkupplung des konzernverwandten Überrenners Bugatti Veyron brauchte zu viel Platz. So musste es zumindest für den Prototypen erst einmal eine Handschaltung tun. Wie gut die verstärkte Serienbox mit ihren sechs Gängen selbst zu dem 1,9 Tonnen schweren Power-Selbstzünder passt, beeindruckt auf den ersten Metern. Bei soviel Leistung kann man die meisten Geschwindigkeiten im zweiten, dritten, vierten, fünften oder sechsten Gang fahren. Eigentlich alles egal. Thomas Kräuter lacht: "Selbst knapp über dem Standgas ist man gut unterwegs."

Irrsinniges Überholmanöver

Die Zeichen stehen auf Sturm

Im Leerlauf macht der V12-TDI mit sauberer Harnstoff-Einspritzung im Heck gerade einmal 600 Touren. Bei 1.000 bis 1.200 U/min lässt es sich kommod reisen - wen interessiert schon der Gang. "Die Höchstgeschwindigkeit liegt in jedem Fall weit über 300 km/h Spitze", erzählt der Audi-Entwickler ohne jeden Stolz, "wir müssen erst einmal in den Windkanal. Das haben wir aufgrund des Zeitdrucks noch nicht geschafft. Und der Durchschnittsverbrauch beträgt nicht einmal zehn Liter Diesel auf 100 Kilometern." Gut, dass kein Ferrari- oder Lamborghini-Pilot in der Nähe ist. Der würde spätestens jetzt seinen Autoschlüssel in das azurblaue Atlantikwasser werfen und seinen Führerschein gleich dazu. 500 PS, über 1.000 Nm Drehmoment, über 300 km/h Spitze und versprochene zehn Litern Diesel - das haut auf der automobilen Flaniermeile Nummer eins, dem Ocean Drive, die härtesten Poser um.

Dabei ist es nicht allein die Leistung, die begeistert. Die bieten andere auch - wenn auch zu einem deutlich üppiger dimensionierten Verbrauch. Es war schon zu befürchten, dass die Ingolstädter nach den dieselgetriebenen Rennerfolgen in Sebring und Le Mans auch mit einem Seriensportler auf den Diesel-Busch klopfen würden; aber einen R8 mit V12-TDI - das ist doch wohl für viele Sportwagenfans zu viel des Guten. "Bisher gibt es genau einen Prototypen", erzählt Audi-Sprecher Josef Schlossmacher mit einem Lächeln, "es ist noch nicht entschieden, ob der R8 V12 TDI in Serie geht." Doch die Zeichen stehen auf Sturm. Und wenn Porsche in den nächsten zwei Jahren bei Panamera und Cayenne nicht nur Hybridantriebe, sondern auch Dieselmotoren zu den Zuffenhausenern holt, wer mag dann schon an einem R8 mit seinem 330 Kilogramm schweren Dieselmotor zweifeln?

Nahezu geräuschlos

Noch dazu, wenn er derart souverän und lässig wie der Prototyp bei den ersten Testfahrten mit seiner Potenz umgeht. Die Luft holt er sich Beifall erheischend über einen Aufsehen erregenden Lufteinlass im Dach. Zwischen den gläsernen Dachelementen zischt der Fahrtwind durch die Nacka-Düse und zwei Karbonröhre bis zum Mittelmotor. "Es war nicht leicht, dem Motor seinen Sound zu entlocken", erklärt Thomas Kräuter, "wir mussten dem Zwölfzylinder überhaupt erst einen Klang geben - er war nahezu geräuschlos." Nach zwei harten Tagen harter Entwicklungsarbeit gab es mehr als leichtes Surren. Trotzdem geht der Zwölfender selbst im mittleren Drehzahlbereich noch auf Schleichfahrt. So leise hat sich noch kein Sportwagen an seine Konkurrenz heran gepirscht.

Stefan Grundhoff; press-inform / press-inform

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