HOME

Citroen C6: Himmelserscheinung

Alte Größe soll der große Citroen wieder beleben und sich im Revier von Mercedes, Audi und BMW behaupten. Grandezza bringt er mit, aber wieviel Göttlichkeit verträgt die nüchtern gewordene Moderne?

Von Gernot Kramper

Himmelsangst. Wie die Gallier, die stets fürchteten, ihnen könne der Himmel auf den Kopf fallen, leidet Citroen unter schrecklicher Himmelsangst. Zu jedem Wagen oberhalb der City-Floh-Marke wird sich höflich nach PS, Preis und Laderaum und anderen Nebensächlichkeiten erkundigt. Aber im Herzen interessiert nur eine Frage: Kommt der Wagen direkt aus dem Himmel des Automobilbaus? Ist es gar eine Reinkarnation der Göttlichen? In Wirklichkeit gibt es nämlich nur ein einziges Fahrzeug von Citroen, die DS, die Ewige, die Göttliche. Genau genommen sogar zwei, aber die Ente gehört hier nicht her, denn sie fährt nicht in der Oberklasse.

Großes Selbstbewusstsein, kleine Koffer

Der neue C6 zeigt sich bereits von außen als Objekt der Begierde für die gehobenen Stände. Doch wie viel göttlicher Esprit steckt in ihm? Technisch ist der Wagen längst nicht so innovationsfreudig wie das einstige Wunderkind. Die Käufer werden es vermutlich danken, denn die ersten Jahrgänge der DS waren leider frei von Zuverlässigkeit. Mit dem C6 kehrt die große Marke zumindest wieder ins Oberhaus zurück. Das Selbstbewusstsein hat man nicht verloren, allein das extravagante Design des C6 macht ihn zu einem der spannendsten Fahrzeuge des Jahres. Und einem der ehrlichsten. Das über 4,9 Meter lange Gefährt zeigt sich als überzeugte Luxus-Reise-Limousine. 2,9 Meter Radstand sorgt für fürstlichen Auftritt nach außen und für ideale Raumverhältnisse innen. Doch der Franzose reist offenbar mit kleinem Gepäck (Gauloises für "ihn", Bikini für "sie"). Die Passagiere wurden in dem rollenden Salon so opulent untergebracht, dass für die Accessoires nur ein 421-Liter-Kofferaum bleibt. Schwer zu verstehen, da muss man sich auf Tour bescheiden, wenn man an das Sternenschiff keinen Anhänger koppeln will. Optisch raubt der C6 dafür den Atem: Wie ein langer Hauch beginnt die Haube, die sich gekonnt über das abfallende Dach fortsetzt. Der nötige Eigensinn wird durch die hinteren Kotflügel und die mutigen Rückleuchten markiert. Mutig, weil ihre wulstige Form schon manchen Betrachter an Leucht-Raupen erinnert hat.

Schwebender Gleiter

Der Leistungsunterschied der Hydropneumatik zu normalen Fahrwerken ist heute nicht mehr so deutlich spürbar wie einst. Samtweiches Gleiten ist mit dem C6 aber natürlich nach wie vor in Vollendung möglich, dem deutschen Sinn für gesunde Härte kommt die "Sport"-Abstimmung mehr entgegen. Schlau geworden, passt der Computer die Abstimmung auch selbsttätig dem Fahrstil an.

Der Fahrer des Ford Mustang macht ganz schön auf dicke Hose

Fahrspaß sollte der C6-Fahrer mit "Reisefreude" übersetzen. Länge und üppigen Überhänge machen aus dem großen Franzosen keinen ausgesprochenen Kurvenfresser. Hektiker und Ruckler, die ununterbrochen entweder Gaspedal oder Bremse durchtreten müssen, sind im falschen Volant gelandet. Der große Lenker, der großzügig Weltenläufe und Straßen überblickt, kann entspannt dem größer werdenden Europa entgegenstreben. Die Platzverhältnisse sind für alle Personen an Bord gigantisch und bequem. Kein Mensch wird in unwürdige Positionen gequetscht, nur weil Rennfahrer angeblich so ähnlich sitzen.

Mehr Salon, als Avantgarde

Verarbeitung und Materialwahl gefallen, besonders das Leder. Die Ambition auf die Sphären des besseren Lebens zeigt sich aber auch beim Preis. Da beginnt der C6 Benziner bei 42.500 Euro und startet durch bis zum Diesel in der Exclusive-Ausstattung zu 54.900 Euro. Der C6 landet also mitten im Schlaraffenland der Premium-Marken. Hier wird die Luft dünn, auch wenn der französische Präsident bereits im C6 Platz genommen hat. Als Franzose hat ja auch nur den vergleichsweise biederen Peugeot 607 zur Auswahl. Dass das Innere des C6 einen Audi A6 auf die Plätze verweist, kann jedoch auch Chirac nicht behaupten. Auf die französische Art kann man sich dennoch wohl fühlen. Nett heben sich die großen Abdeckungen in den Türen von den Verstaulösungen anderer Hersteller ab. In den Ausstattungen Pallas und Exclusive gibt es serienmäßig sogar ein Head-Up-Display. Ohne die Augen von der Straße zu nehmen, hat man so etwa die Geschwindigkeit im Blick. Ein netter Spaß, den man aber nicht wirklich braucht. Auf der Mittelkonsole wirkt die Oberklassen-Abstinenz der letzten Jahre nach. Mit ihren vielen, vielen kleinen Tasten ist sie einfach überladen und gehört schon auf den ersten Blick zu einer aussterbenden Gattung. Innen drin im C6 geht es elegant-gemütlich zu.

Ohne Frage ist der C6 ein "Mann" - anders als die DS. Mit Esprit und Capricen becircte sie ihre Fahrer. Legt der C6 außen noch einen Designer-Anzug an, wird er innen zum Bourgeois. Hübsch behaglich eben, den entschlossenen Willen zur Avantgarde mit dem Citroen einst seinen Fahrern zu Leibe rückte, gibt es nicht. Vorteil: Man braucht kein Handbuch, um den Wagen zu starten und wird nicht mit gestylten, aber unpraktischen Neuerungen gequält. Nachteil: Einer wie viele. Zumindest im Innenraum kann man nicht sagen, dass dieser Citroen alles anders macht als die Konkurrenz. Den C6 gib es in drei Ausstattungslinien. In den höheren Versionen gibt es unter anderem eine elektronische Parkbremse, einen Spurhalteassistent, das erwähnte Head-Up-Display. Die Exclusive-Version wartet auf Wunsch sogar mit elektrisch verstellbaren Einzelsitzen im Fond auf.

Standesgemäße Motoren

Auch unter der Haube gibt es ein solides Menü, aber keine Explosion der Visionen. Zwei Triebwerke stehen zur Wahl, mehr nicht. Beides sind Sechszylinder, ein Vierzylinder für den bescheidenen Start wird nachgereicht. Der 3,0-Liter-Benziner mit 211 PS und der 2,7-Liter-Biturbo-Diesel mit 204 PS unterscheiden sich bei den Fahrleistungen kaum, beide erreichen etwa 230 km/h Höchstgeschwindigkeit und werden mit einer Sechsgang-Automatik ausgeliefert. Der Diesel ist immer noch hervorragend und versieht inzwischen in vielen Wagen seinen Dienst, auch im großen Peugeot. Der Selbstzünder kostet 3000 Euro Aufpreis, kann sich also langfristig durch den Minderverbrauch "rechnen". Beide Motoren schnurren leise vor sich hin und motorisieren die Limousine standesgemäß. Leistungsexplosionen gibt es angesichts von 1,9-Tonnen-Leergewicht nicht. Letzten Endes überzeugt der Diesel mit seinem größeren Wumms.

Willkommen auf dem Planet "Erde"

Die DS schwebte einst über die Straßen wie die Deneuve, makellos und nicht von dieser Welt. Trotz mancher göttlichen Anflüge ist der C6 fest im Hier und Heute verankert. Eine mutig gezeichnete Reiselimousine markiert noch keine Epochenschwelle. Für Freunde des großzügigen Fahrkomforts und des Außergewöhnlichen kann er inc die engere Wahl kommen. Der Sechzylinder-Diesel ist eine wunderbare Motorisierung, den fehlenden Futurismus im Innenraum werden Designer vermissen, die meisten Kunden aber nicht.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity