Elektromini Peugeot BB1 Die Revolution sitzt unter dem Reifen

Der Peugeot BB1, ein schräg gestyltes Elektrogefährt, soll die urbane Mobilität von Morgen repräsentieren. Das revolutionäre Konzept: Die Motoren sitzen in den Rädern.
Von Michael Specht/Brasilien

"Nein, ein richtiges Auto ist das nicht, aber es kann noch eines werden", scherzt Bruno Le Gouic, Entwicklungs-Ingenieur bei Peugeot. Denn zulassungstechnisch gilt der BB1 als so genanntes Quadracycle und gehört damit in jene Kategorie, in der auch die geländegängigen 4Wheel-Motorräder zu Hause sind. Entsprechend Ungewohntes erlebt, wer sich hinter das Lenkrad, pardon, hinter den Lenker des spacig gestylten Peugeot setzt. Aus dem Fußraum gähnt Leere, alle Macht geht vom Lenker aus. Gas und Bremse sitzen rechts. In Daumenlänge entfernt liegt der Fahrhebel, kleiner als ein Teelöffel. Nach hinten R wie rückwärts, in der Mitte N wie neutral und nach vorn geschoben D wie Drive.

Lenkung nichts für die Serie

"Bitte gaaaanz vorsichtig", fleht Bruno Le Gouic. "Sein" BB1 steht unter Artenschutz, ist ein sündhaft teurer Prototyp, ein Unikat, und soll bei dieser Ausnahme-Testfahrt nicht durch Fehlbedienung in seine Bestandteile zerlegt werden. Denn erstens haben Elektromotoren die Angewohnheit, aus dem Stand katapultartig los zu schießen und zweitens besitzt der nur 600 Kilogramm leichte Peugeot eine Lenkung, die so direkt ausgelegt ist wie bei einem Go-Kart. Beides zusammen ergibt eine brisante Mischung, die schon nach wenigen hundert Metern auf dem abgesperrten Parcours eines klarstellt: nicht serientauglich.

Michelin will das Rad neu erfinden

Doch darum geht es beim BB1 auch gar nicht. Die geplante Serienversion (vermutlich 2013) wird selbstverständlich ein normales Lenkrad und eine normale Lenkung erhalten. Was den kleinen Franzosen derzeit so besonders macht, ist seine revolutionäre Konzeption. Trotz nur 2,50 Meter Außenlänge (wie der erste Smart) finden vier Personen Platz im BB1 Patz, weil weder vorne noch hinten Raum für Motor und Getriebe verschwendet werden mussten. Der Antrieb sitzt in Form eines jeweils konservendosengroßen E-Motors sehr effizient in den hinteren Rädern. Beim Rangieren oder Wenden kann sogar ein Hinterrad vorwärts, das andere rückwärts gedreht werden, was den BB1 fast "auf dem Teller" drehen lässt. Peugeot gibt einen Wendekreis von nur 3,50 Metern an. Das ist weniger als die Hälfte anderer Kleinwagen. Ausgedacht hat sich die ganze Radtechnik Michelin. Der französische Reifenhersteller und Erfinder es energiesparenden Leichtlaufreifens unterhält in der Schweiz ein Forschungscenter, wo rund 70 Leute am Antrieb der Zukunft arbeiten und quasi das Rad neu erfinden wollen.

Active Wheel wird Designers Liebling

Neben dem "Motorized Wheel", wie es im BB1 verbaut wird, liegen Michelins Hoffnungen noch auf einem weiteren maßgeschneiderten Antrieb für Elektroautos, dem "Active Wheel". Hier steckt hinter dem Felgenkranz ein komplettes Modul bestehend aus Bremse, E-Motor, elektronischer Federung und Dämpfung. "Designer rennen uns die Bude ein", freut sich Entwickler Daniel Walser, "weil diese Konstruktion eine völlig neue Fahrzeug-Architektur möglich macht. Federbeine und Stoßdämpfer im herkömmlichen Sinne können entfallen."

Kein Wanken und Nicken mehr

Als Versuchsträger für das "Active Wheel" dienen zurzeit einige Opel Agila, die Michelin in Zusammenarbeit mit Heuliez aufgebaut und mit zum "Challenge Bibendum" nach Rio gebracht hat. Ein Blick unter die Haube des "Heuliez Will" zeigt dann auch nur ein kleines Steuergerät. Es kann jedoch Großes bewirken, den Wagen zum Beispiel sportlich-straff oder komfortabel-weich fahren lassen. Das System reagiert in wenigen tausendstel Sekunden. Auch beim Bremsen und in Kurven arbeitet die Elektronik im Rad und stemmt sich gegen das sonst übliche Nicken und Wanken. Der Will bleibt stets waagerecht. Probleme mit zu viel Gewicht am Rad (ungefederte Massen) sieht Ingenieur Walser allerdings nicht. "Das Active Wheel wiegt sogar weniger als eine übliche Standard-Radaufhängung."

Anmerkung zu den Kommentaren: Natürlich ist der Radnabenmotor keine neue Erfindung. Selbst als Hilfsantrieb für Fahrräder gibt es ihn. Die Frage ist allerdings, wie nahe an einer Serienreife ist die Entwicklung bei einem Pkw. Und, welche Einbußen bei Federung, Nick- und Wankbewegungen gibt es. Die Revolution besteht nicht in der Idee, einen Motor in die Radnabe zu packen, sondern im erreichten Ergebnis.


Mehr zum Thema



Newsticker