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Vorbild Augsburg Kostenlos Bus und Bahn fahren – ist das ein Modell für alle deutschen Städte?


In der Innenstadt von Augsburg kostet das Fahren mit Bus und Bahn ab sofort nichts mehr. Auch andere Städte testen ähnliche Mobilitätskonzepte. Für die Fahrgäste klingt das höchst attraktiv – und die Rufe nach einer flächendeckenden Umsetzung für den Nahverkehr im ganzen Land werden lauter.

Nein, der öffentliche Personennahverkehr ist oft nicht wirklich sexy. Volle Busse, verspätete Bahnen, und Preise, die pro Einzelfahrt in vielen Städten längst um die drei Euro liegen. Die große Frage für Länder und Kommunen: Wie bringen wir die Bürger dazu, das Auto trotzdem häufiger stehen zu lassen?

Hier und dort wird bereits mit kostenlosem ÖPNV experimentiert, was im Kampf gegen Verkehrschaos und für den Klimaschutz zunächst logisch und für die Fahrgäste ohnehin höchst attraktiv erscheint. Aber leider gilt, was oft gilt, wenn etwas in erster Linie gut klingt: Es ist kompliziert. Wie realistisch sind also die neuen Mobilitätskonzepte? Und ist die Zeit wirklich schon reif für eine Verkehrswende?

Bus und Bahn für lau: Kann das klappen?

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema kostenloser Personennahverkehr im Überblick.

Kostenloser ÖPNV: Wer macht es vor?

Das aktuellste Beispiel bietet Augsburg: Dort wird in der Innenstadt seit Neujahr kostenlos mit Bus und Tram gefahren – zumindest in einer abgesteckten "City-Zone", die neun Haltestellen umfasst.

Jürgen Fergg von den Augsburger Stadtwerken erklärt Sinn und Zweck des laut offizieller Internetseite bundesweit einmaligen Schrittes sowie weiterer Maßnahmen für bessere Luft in der drittgrößten Stadt Bayerns (280.000 Einwohner): "Wir wollen damit vor allem den Park-Such-Verkehr verringern, also dass man hier nicht unterwegs ist und einen Parkplatz suchen muss, sondern dass die Leute in ein Parkhaus fahren und sich dann mit dem Nahverkehr kostenlos bewegen können." Dies sei das Ziel der ganzen Aktion, das um andere Angebote wie zum Beispiel eine Mobilflatrate erweitert wird – also ein Paket zum Festpreis mit Nahverkehr, Carsharing und Leihfahrrad.

Bereits seit Dezember 2018 wird in der oberbayrischen Kreisstadt Pfaffenhofen an der Ilm das kostenlose Busfahren getestet, weshalb sich die Zahl der Fahrgäste dort zunächst tatsächlich verdoppelt hat. In Monheim am Rhein (NRW) wird der ÖPNV ab April 2020 für mindestens drei Jahre kostenlos, und bei unseren europäischen Nachbarn in Luxemburg wird in Kürze ein verkehrspolitisches Großprojekt realisiert: Ab März kann der öffentliche Nahverkehr im reichsten Land Europas (und einem der vier Länder mit der höchsten Autodichte weltweit) gratis genutzt werden.

Und was machen andere Städte und Regionen?

Sie machen die Tickets für Bus und Bahn vor allem teurer, in vielen Städten steigen die Preise für den ÖPNV stetig. So erhöht zum Beispiel der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) seine Preise auch in diesem Jahr wieder, im Schnitt um 1,8 Prozent pro Fahrkarte. Dabei bleiben die Einzeltickets (2,90 Euro / Kinder 1,70 Euro) ausnahmsweise stabil, Abo-Karten werden aber rund zwei Euro teurer.

Der Hamburger Verkehrsverbund HVV hatte zuletzt im Sommer seine neuerlichen Tarifpläne nach Protesten revidiert und die Erhöhung der Ticketpreise für 2020 von 2,2 Prozent auf 1,8 Prozent gesenkt. Die Hamburger Grünen haben kürzlich ein völlig überarbeitetes HVV-Tarifsystem mit Vorteilen für Kinder, Schüler und Abonnenten präsentiert, das die Partei realisieren will, falls sie bei der kommenden Bürgerschaftswahl gewinnen sollte.

Apropos: Was sagt die Politik sonst so zum Thema?

Erst im November 2019 hat die Bundesregierung einen Milliardenzuschuss für den Nahverkehr beschlossen: Von 2020 bis 2023 sollen die Länder zusätzlich zu den aktuell 8,6 Milliarden Euro pro Jahr weitere Fördergelder von 1,2 Milliarden Euro erhalten. Von den Investitionen soll eine Signalwirkung ausgehen. Klares Ziel: die Erhöhung der Fahrgastzahlen. "Wir wollen den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel besser ermöglichen", sagte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Welche anderen Mobilitätskonzepte gibt es bereits?

Immer wieder im Gespräch ist das sogenannte 365-Euro-Ticket, das in Wien bereits erfolgreich angewendet wird. Mitte Dezember beschloss der Leipziger Stadtrat, ebenjenes Jahresticket für einen Euro pro Tag in den städtischen Nahverkehrsplan zu übernehmen, weshalb das Modell zwar noch nicht beschlossen ist, aber weiter heiß diskutiert wird.

Auch in vielen anderen Städten wird das 365-Euro-Ticket längst regelmäßig als dankbares Wahlkampfthema platziert, das für schnellen Beifall sorgt. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) sieht eine Übertragung des Wiener Modells auf hiesige Verhältnisse allerdings kritisch. So sei in der österreichischen Hauptstadt zunächst 20 Jahre kräftig in den Ausbau und die Modernisierung des ÖPNV investiert worden, bevor am Ende das 365-Euro-Ticket eingeführt wurde, wie VDV-Sprecher Lars Wagner in der "Leipziger Volkszeitung" betonte: "Wien hat dafür auch die Parkgebühren erheblich angehoben und lässt diese Einnahmen komplett dem Nahverkehr zukommen."

Rund 200 Millionen Euro jährlich würde Wien zudem aus dem Haushalt für den Nahverkehr bereitstellen, so Wagner, und dann sei da noch die spezielle "Dienstgeberabgabe": "Das ist eine U-Bahn-Steuer, die alle großen Gewerbebetriebe zahlen müssen, die von einer guten ÖPNV-Anbindung profitieren." In Deutschland seien solche Finanzierungsinstrumente rechtlich gar nicht möglich.

Und wann kommt nun die Verkehrswende?

Grundsätzlich gelten für unterschiedliche Regionen auch unterschiedliche Voraussetzungen. In wohlhabenden Kleinstädten ist die Umsetzung eines kostenlosen ÖPNV naturgemäß leichter zu realisieren als in einer Metropole.

Beispiel Monheim am Rhein: Die Stadt erwirtschaftete zuletzt einen Jahresüberschuss von knapp 30 Millionen Euro bei einem Gesamthaushalt von 400 Millionen Euro. Drei Millionen Euro Zuschüsse für die Nahverkehrsunternehmen sind dort also problemloser zu leisten als in anderen Kommunen.

Flächendeckende Gratisfahrten im ganzen Land dürften demnach eine Utopie bleiben – nicht zuletzt, weil es für eine funktionierende Verkehrswende einen attraktiven und nachhaltigen Nahverkehr braucht. Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr hat ausgerechnet, dass ein kostenloses Modell in Düsseldorf und im Ruhrgebiet einen Ausfall von jährlich rund 1,3 Milliarden Euro bedeuten würde. "Diese Mittel fehlen dann bei Investition und Betrieb", so ein Sprecher – und Qualitätskriterien wie Pünktlichkeit und Taktung seien bei der Verkehrsmittelwahl dann doch entscheidender als der Fahrpreis.


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