Abwrackprämie Mit Merkel zum Neuwagen


Wer seinen mindestens neun Jahre alten Gebrauchten verschrotten lässt und sich dafür einen umweltfreundlichen Neu- oder Jahreswagen kauft, soll künftig eine Prämie von 2500 Euro erhalten. Mit dem Regierungsbonus werden Neuwagen auch für weniger Betuchte erschwinglich, aber die deutschen Premiumhersteller könnten in die Röhre gucken.
Von Finn Rütten

Vor dem Hintergrund der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sitzt das Geld bei den Autokunden nicht mehr so locker wie früher. Einzig das preiswerte Mini-Segment konnte sich bei den Neuzulassungen in Deutschland im Krisenjahr 2008 deutlich steigern. Die Klasse der sparsamen und meist günstigen Autos, wie Smart, Fiat 500 und Co. schaffte einen Zuwachs von satten 18 Prozent. Trotzdem mussten viele Hersteller 2008 ihre Absatzprognosen deutlich senken, kaum ein Autobauer erreichte das angepeilte Ziel. Die Neuzulassungen von fabrikneuen Fahrzeugen ließen in Deutschland im vergangenen Jahr um fast zwei Prozent nach. Die übergreifende Zulassungsstatistik verzeichnete ein Minus von 1,5 Prozent.

Die Große Koalition will dem gebeutelten Industriezweig mit einer Abwrackprämie unter die Arme greifen. Union und SPD haben sich dazu auf eine entsprechende Prämienzahlung für die Verschrottung alter Fahrzeuge geeinigt. Wer sein mindestens neun Jahre altes Fahrzeug verschrotten lässt und dafür einen umweltfreundlichen Neu- oder Jahreswagen kauft, soll dafür eine 2500 Euro hohe Prämie erhalten. Das neue Auto muss noch in diesem Jahr zugelassen werden und mindestens die Euro4-Abgasnorm erfüllen. Die Regelung gilt nur für Privatkunden, die das Auto mindestens ein Jahr besessen haben. Der Fuhrpark von Firmen wird ebenso wenig subventioniert wie der Dienstwagen des Freiberuflers.

Die Fahrer von Altfahrzeugen sind auch mit Subventionierung nicht in der Lage, sich einen neuen Mittelklasse BMW zu leisten. Von der neuen Prämienregelung könnten speziell die Kleinstwagen und andere billige Fahrzeuge profitieren. Der Preis der „Minis“ ist oft niedrig und so würde ein Anreiz von 2500 Euro bereits einen beachtlichen Teil der gesamten Kaufsumme darstellen. Damit wäre eine echte Motivationshilfe gegeben, zum leichten sowie verbrauchs- und emissionsarmen Modell zu greifen. Auch Billiganbieter wie Dacia, dessen Modell Logan mit 7300 Euro Neupreis bereits jetzt ein wirkliches Schnäppchen ist, könnten durch die Neuregelung gestärkt werden. Wo sonst bekommt man für 5000 Euro ein fabrikneues Auto? Ein echter Anreiz vom alten Gebrauchten auf den billigen Neuen umzusteigen.

Importeure könnten profitieren

Ob die deutsche Autoindustrie, die in der Vergangenheit weniger auf das Kleinwagensegment gesetzt hat, davon profitiert, ist jedoch fraglich. Die Premiumhersteller, Audi, BMW und Mercedes erzielen den Großteil ihres Absatzes mit ihren Limousinen der oberen Mittelklasse. Die 2500 Euro Abwrackprämie werden für einen Autokäufer, der mit einer neuen S-Klasse oder einem Siebener BMW liebäugelt, kein maßgebliches Kaufargument darstellen. Fast 90 Prozent der Kleinstwagen kommen von Importeuren. Lediglich der Mercedes-Mutterkonzern Daimler schickt mit Smart einen ernst zu nehmenden Vertreter ins Minisegment. Fragwürdig ist daher, ob diese Stütze wirklich den deutschen Autobauern zu Gute kommt - schließlich sollen alle in Deutschland verkauften Autos subventioniert werden. Importeure wie Fiat oder Renault könnten davon stärker profitieren, haben sie doch besonders viele kleine und günstige Modelle im Programm.

Aber auch unter den deutschen Autohersteller gibt es Potenzial für eine Verbesserung des Absatzes durch die neue Regelung. Europas größter Autobauer Volkswagen ist in der Kompaktklasse stark. Den neuen Golf, seit Jahren Marktführer und absolutes Volumenmodell der Wolfsburger, gibt es zu Preisen ab 16.500 Euro. Bei 2500 Euro Ersparnis und einem möglichen Rabatt vom Händler könnte der Absatzbringer aus der Autostadt auch bei Interessenten, die normalerweise in den unteren Preissegmenten Ausschau halten, auf den Wunschzettel geraten. Die preisliche Lücke zwischen einem neuen Golf VI und einem gebrauchten Modell der fünften Generation wird dadurch geringer. So könnte die Abwrackprämie einem unentschlossenen Kunden den letzten Ruck geben, sich doch für den Neuwagen zu entscheiden.

Autoexperten geteilter Meinung

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zeigt sich sehr skeptisch. „Die Fahrer von neun Jahre und älteren Fahrzeugen kaufen überwiegend Gebrauchtwagen oder preisgünstige Kleinwagen. Und die kommen aus Osteuropa, Italien oder Frankreich. Etwas profitieren könnte allenfalls Ford mit dem Fiesta und Focus und VW mit Polo oder Golf und Opel mit Corsa und Astra. Aber die richtigen Gewinner sind die Dacias, Hyundais, Chevrolets, Suzukis und Fiats“, sagte Dudenhöffer der DPA. Auch Wolfgang Lohbeck von Greenpeace steht der Abwrackprämie kritisch gegenüber. Der Verkehrsexperte des Umweltschutzvereins ist skeptisch, ob die Subventionierung des Privatkaufs der Autoindustrie wirklich helfen könnte. Der Löwenanteil des Pkw-Absatzes werde durch den Export und den Dienstwagenverkauf gestellt, hieß es im Statement der Naturschützer. Anliegen der Umweltorganisation ist es, nicht gleichmäßig den Kauf aller neuen Autos zu fördern, sondern ökologische Gesichtspunkte viel stärker zu betonen.

Positive Resonanz auf die Einigungen gab es vom Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Die Kombination aus Bürgschaftsprogramm, Kfz-Steuerreform und Umweltprämie könne dem Inlandsmarkt „starken Rückenwind geben und den Unternehmen helfen, die schwierige konjunkturelle Situation zu meistern“. Wissmann ermunterte die Verbraucher zum Neukauf.

Dem Autokäufer können alle Einwände letztlich egal sein. Für viele, die sich bisher ein neues und verbrauchsarmes Fahrzeug nicht leisten konnten, rückt der Traumwagen in greifbare Nähe. Zu der Subvention durch den Bund kommen schließlich noch die zahlreichen Rabatte und Verkaufshilfen der Hersteller und des Handels. Außerdem greift die Regelung auch für Jahreswagen. Das ist praxisgerecht. Rechnet man alle Faktoren zusammen, kommen viele Wagen der Kompaktklasse in einen Preisbereich von etwa 10.000 Euro und können so als Alternative zum Gebrauchten gelten. Hat die Koalition mit der Steuerbefreiung für neue Wagen bislang nur gekleckert, so wird jetzt geklotzt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker