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ADAC-Test 2003: Ergebnisse: Analyse und Kritik

Das Ergebnis des ADAC-Tests von 15 Ausflugsfahrten, ebenso vielen Ferienreisen und fünf Mietomnibusreisen ist nicht eben ein Aushängeschild für die Branche.

Das Ergebnis des ADAC-Tests von 15 Ausflugsfahrten, ebenso vielen Ferienreisen und fünf Mietomnibusreisen ist nicht eben ein Aushängeschild für die Branche: Fast die Hälfte der Busreisen hat mit dem Urteil "ausreichend" abgeschnitten, das heißt, die meisten Reisen erfüllten die Anforderungen des Tests gerade noch. Es gibt deutliche Defizite und damit reichlich Ansatz für Verbesserungen. Vor allem in puncto Sicherheit besteht erheblicher Nachholbedarf. Einige Busunternehmer allerdings sind ihrer Zeit voraus und gestalten die Sicherheit ihrer Gäste aktiv und verantwortungsvoll. So zum Beispiel der Testsieger mit der Note sehr gut, eine Ausflugsfahrt vom schwäbischen Talheim nach Luzern und den Vierwaldstätter See, angeboten von Gross Reisen International aus Heilbronn. Hier stimmte (fast) alles: Der nahezu neue Bus war mit modernster Technik und höchstem Komfort ausgestattet, für die Sicherheit der Gäste wurde alles getan, der auch in Notfällen ausgebildete Fahrer fuhr defensiv und umsichtig, hielt Höchstgeschwindigkeiten sowie Lenkzeiten und Ruhepausen ein. Einziger Kritikpunkt: Der Fahrer war nicht angeschnallt und sorgte auch nicht dafür, dass seine Busgäste die Sicherheitsgurte benützten. Das zweite sehr Gut im Test erhielt eine Ausflugsfahrt der Anton Graf GmbH in Herne von Herne nach London.

Danach folgen acht Fahrten, die die ADAC-Tester mit gut bewerteten und sechs, die ein wenig schmeichelhaftes Mangelhaft hinnehmen mussten. Zwei Fahrten, beides Reisen mit einem gemieteten Bus, schnitten mit der Bewertung "sehr mangelhaft" ab. Auf dem vorletzten Platz liegt eine Fahrt von Hamburg nach Dresden, angeboten von Hamburger Sportreisen. Weit abgeschlagen und damit deutlicher Testverlierer ist eine Fahrt von Hannover nach Kirchheim/ Teck des Heinrich Lahrmann Omnibusunternehmens aus dem niedersächsischen Wagenfeld. Der Bus hat bereits 14 Jahre und etliche Pannen auf dem Buckel und wird nur noch für Fan-Fahrten eingesetzt. Hier störte auch der klaffende Riss im Reifen nicht, den der ADAC-Tester während der Fahrt feststellte. Man fuhr weiter, die Fans wollten schließlich pünktlich beim Spiel ihrer Mannschaft sein. Nach dem Genuss der ausschließlich alkoholischen Getränke, die die Fahrer verkauften, fielen die Wartungsmängel und Verschleißerscheinungen sowie die fehlenden sicherheitstechnischen Einrichtungen wohl nicht mehr auf.

Die dicksten Brocken auf der Mängelliste des Tests: Kein Sicherheitsmanagement der Busunternehmen, das heißt zum Beispiel schlechte Routen- und Zeitplanung, aber auch fehlende Notfallpläne und -übungen, keine Notfallausbildung und kein Fahrsicherheitstraining der Fahrer, dafür aber eine riskante, verantwortungslose Fahrweise, Verstöße gegen die Lenkzeiten und Ruhepausen, unzureichende Beschilderung oder schlechte Situierung der Notfallausrüstung (zum Beispiel Nothämmer und -ausstiege) sowie fehlende Sicherheits- und Anschnallhinweise für die Fahrgäste.

Nahezu allen gemein ist das Fehlen von Informationen zur Fahrt oder dem Busunternehmen im Vorfeld der Reise. Meist ist den Unterlagen nicht einmal zu entnehmen, welches Busunternehmen für welchen Anbieter tätig wird, beziehungsweise wer Busunternehmer und wer Anbieter ist. Eine unbefriedigende Situation für jeden Kunden. Im ADAC-Test führte sie dazu, dass zwei Unternehmen, nämlich Berr Reisen und Lahrmann Omnibusunternehmen, doppelt getestet wurden. Die Reisen wurden jeweils über verschiedene Anbieter gebucht.

Bei den Ferienreisen Paris und Lloret de Mar wurden Hin- und Rückreise getrennt erfasst und bewertet. Bei der Parisfahrt gab es bei der Rückreise einen Bus- und Personalwechsel, bei der Spanienreise wurde die Rückreise von einem anderen Busunternehmen durchgeführt.

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Die Ergebnisse in den Kategorien:

Am Schlechtesten haben eindeutig die Kategorien "Sicherheitsinformationen für die Fahrgäste" und "Sicherheitsmanagement im Unternehmen" abgeschnitten, am Besten die Kategorien "Konstruktion und Stabilität" und "Technischer Zustand". Allgemein weisen die Ergebnisse in den einzelnen Kategorien starke Unterschiede auf.

Sicherheitsinformationen für die Fahrgäste

Hauptursache für die schlechten Werte in dieser Kategorie sind die sowohl in den Reiseunterlagen als auch während der Reise fehlenden Hinweise auf die Sicherheitseinrichtungen des Busses, das Verhalten im Notfall oder das Anschnallen der Fahrgäste. "Man möchte die Fahrgäste nicht verunsichern", begründete dies ein Fahrer.

Nur bei 14 Fahrten fanden sich Sicherheits-Informationen, bei dreien davon (Hamburg, Ischia, London) wurden sie auch per Video gegeben - eine gute Möglichkeit, sind doch in den meisten Bussen Videoanlagen installiert. Bei der Klassenfahrt nach Prag lag bereits den Reiseunterlagen ein entsprechendes Merkblatt bei, das es den Lehrern ermöglichte, ihre Schüler einzuweisen. Hinweise des Fahrers, sich anzuschnallen, gab es nur bei zwölf Busreisen, eine konsequente Kontrolle allerdings nur bei der Ferienreise Paris (Hinreise). Bei einem Drittel der Fahrten war den Unterlagen kein Zeit- und Routenplan zu entnehmen. Durchsagen zu Komfort und Service gab es hingegen bei fast jeder Reise.

Schilder, die zum Beispiel auf Nothämmer oder -ausstiege, Verbandskästen oder Sicherheitsgurte hinweisen, sind, wenn überhaupt vorhanden, oft zu klein oder ungünstig angebracht. Dieser Mangel liegt größtenteils in der Verantwortung der Hersteller. Eine sehr auffällig und gut platzierte Beschilderung des Innenraums wiesen die Busse der Klassenfahrt nach Prag sowie der Ausflugsfahrt von Jüterbog zur IGA in Rostock auf.

Sicherheitsmanagement im Unternehmen

Sehr mangelhaft lautet das Gesamtergebnis in dieser Kategorie. Vielen Unternehmern und Fahrern war der Begriff "Sicherheitsmanagement" völlig unbekannt. Nur die wenigsten Unternehmen haben ein strukturiertes und dokumentiertes Sicherheitsmanagement, also zum Beispiel Fahrzeugchecklisten und Notfallpläne, Notfallübungen und Fahrsicherheitstrainings, regelmäßig und protokolliert. Überzeugen konnte hier lediglich der Testsieger Gross Reisen International auf seiner Fahrt an den Vierwaldstätter See. Zertifiziert nach DIN ISO EN war nur das Unternehmen Schielein Reisen (Ferienreise Nürnberg - Paris und zurück). Wenigstens waren die meisten Fahrer mit einem Routen- und Zeitplan zur betreffenden Reise ausgestattet.

Konstruktion und Stabilität sowie Technischer Zustand des Busses

In diesen Kategorien wurden bis auf die beiden Testverlierer Vereinsfahrt Kirchheim/ Teck und Dresden nur die Noten gut und sehr gut vergeben. Erfreulich: Auch Busse älteren Baujahrs sind technisch in Ordnung. Freilich war hie und da eine Leuchte ausgefallen oder ein kleiner Steinschlag in der Frontscheibe. Ärgerlich, aber nicht von den Bus-Unternehmern zu verantworten: Reifenventile, die nur schwer zugänglich sind. Nur bei den beiden Testverlierern, die hier noch mit einem Ausreichend abschnitten, gab es Mängel, die die Verkehrssicherheit der Busse in Frage stellen, insbesondere bei den Reifen und der Frontscheibe. Defekte an den Bremsen oder der Lenkung wurden, soweit im Rahmen des Tests überprüfbar, nicht festgestellt.

Die Intervalle für die jährliche- Haupt- und Zwischenuntersuchung wurden bis auf eine abgelaufene Sicherheitsprüfung immer eingehalten. Mehr als zwei Drittel der Fahrzeuge werden vor der Fahrt laut Aussage der Fahrer gecheckt. In den wenigsten Fallen werden Mängel oder Schäden am Bus allerdings schriftlich notiert, geschweige denn umgehend behoben.

Sicherheitsausstattung

Ausreichend lautet das Gesamtergebnis in dieser Kategorie. 22 der getesteten Busse waren auf allen Sitzen mit Sicherheitsgurten ausgestattet, was nach Schätzung der Branche nur bei rund 30 Prozent der circa 25.000 zugelassenen Reisebusse der Fall ist. Gesetzlich vorgeschrieben sind Gurte auf allen Plätzen erst ab einer Erstzulassung nach dem 1. Oktober 1999. Bedauerlich, wenn auf die Beckengurte, die oft zwischen den Sitzen eingeklemmt sind, nicht hingewiesen wird.

Handläufe und -griffe im Fahrgastraum gewährleisten meist einen sicheren Gang zur Toilette oder dem Ausstieg. Gefährlich sind da schon eher die Gepäckablagen, weil meist offen und ohne Netze oder Klappen gestaltet, so dass das Gepäck bei einem Bremsmanöver leicht herausfallen kann. In mehr als der Hälfte der Busse war Handgepäck auf leeren Sitzen oder Ablagen und damit nicht sicher deponiert. Bei einem Drittel der Busse standen Getränke, Lebensmittel oder Kaffeemaschinen unzureichend gesichert im Fahrgastraum, meist auf der Ablage über der Toilette. Heißer Kaffee, der bei einem Bremsmanöver durch den Fahrgastraum spritzt, birgt ein zusätzliches Verletzungsrisiko.

Nichts auszusetzen hatten die ADAC-Tester an den Kontrollsystemen wie Geschwindigkeitsbegrenzer oder Fahrtschreiber. Allerdings: Nur bei sieben Fahrzeugen war der Geschwindigkeitsbegrenzer auf unter oder exakt 100 Stundenkilometer eingestellt. Bei allen anderen gab es großzügige Toleranzwerte zwischen zwei und fünf Stundenkilometern darüber. Nur bei einer Fahrt wurde die Höchstgeschwindigkeit mehrfach überschritten, was auf einen abgeschalteten oder defekten Geschwindigkeitsbegrenzer schließen lässt.

Fast alle Busse waren mit Anti-Blockier-System (ABS) und Antischlupfregelung (ASR) ausgestattet. Ein elektronisches Stabilitätsprogramm (ESP) fand sich bereits in 16 Bussen. Rund ein Drittel der Fahrzeuge verfügte über weitere technische Hilfsmittel wie Rückfahrwarner, -kamera oder ein Bremsassistenzsystem. Reifendrucküberwachungssysteme, zwei elektronische und vier mechanische, gab es hingegen nur bei sechs Bussen. Dies ist ein wichtiges Hilfsmittel für den Fahrer, liegen die Ventile der Reifen doch oft sehr ungünstig. Einen Unfalldatenspeicher (UDS) ähnlich der Black Box im Flugzeug hatte nur der Bus auf der Ausflugsfahrt Shopping Paris der Geschwister Bur Reisen an Bord.

Notfallausrüstung

Hauptmängel in dieser Kategorie: die nicht durchdachte Beschilderung der für die Sicherheit der Fahrgäste wichtigen Ausrüstung wie zum Beispiel Notausstiege, -hämmer, Feuerlöscher oder Verbandskästen. Oft sind die Nothämmer samt Hinweise darauf durch Vorhänge verdeckt, die Notausstiege durch die Dachluken mit Streben verbarrikadiert. Wer im Falle eines Falles den Nothammer erst suchen oder den Notausstieg erst frei räumen muss, verliert wertvolle Zeit zur Rettung. In zehn Bussen war die Notfallausrüstung nicht komplett oder nicht griffbereit. Es fehlten Warndreiecke, -westen, -leuchten sowie Feuerlöscher. Bei letzteren war auch schon mal die Prüffrist abgelaufen. In zehn Bussen fand sich keine Liste mit Notrufnummern beim Fahrer.

Fahrer und sonstiges Personal

Insgesamt wurden 52 Fahrer im Test erfasst, 40 von ihnen waren eigenen Angaben zu Folge bei ihren Unternehmen fest angestellt. 25 Fahrer hatten eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Die durchschnittliche Fahrpraxis mit Bussen lag bei 12 Jahren. Erfreulich: Waren zwei Fahrer an Bord eines Busses, war einer von ihnen immer ein sehr erfahrener Stammfahrer. Bei vier Fahrten war zunächst ein zweiter Fahrer an Bord, der später aber dann das Fahrzeug verlassen hat. Diese Fahrer wurden im Test nicht berücksichtigt.

Überraschendes Ergebnis dieser Kategorie: Mehr als die Hälfte der Busreisen schnitt hier mit einer sehr guten oder guten Wertung ab, zehn immerhin noch mit ausreichend. In Anbetracht der hohen Verantwortung für die Sicherheit ihrer Busgäste allerdings kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen, denn es gab durchaus auch Anlass zur Kritik. Eine nicht angepasste oder gar aggressive Fahrweise sowie Abweichungen von den Lenkzeiten und Ruhepausen bergen ein hohes Risikopotential.

So wurde das Fahrverhalten 12 Mal mit der Note mangelhaft oder gar sehr mangelhaft bewertet - neben der Ausbildung eine der schwächsten Positionen dieser Kategorie. Bei 20 Fahrern waren Geschwindigkeitsüberschreitungen (Spitze 118 Stundenkilometer) an der Tagesordnung, bei 13 andere Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung. Jeder dritte Fahrer passte seinen Fahrstil nicht den Gegebenheiten wie zum Beispiel Regen, Nebel oder gefährliche Straßenpassagen wie etwa Tunnel an. "Ich beherrsche meinen Bus", lautete die Begründung - eine gefährliche Selbstüberschätzung, die nicht eben von Problembewusstsein zeugt.

Zur Überprüfung der Lenkzeiten und Ruhepausen mussten die Fahrer den ADAC-Testern nicht nur die aktuellen Kontrollscheiben sondern auch die der vergangenen Tage sowie mitzuführende Urlaubs- und Freischeine freiwillig aushändigen. Nur in wenigen Ausnahmen wurde dies verweigert. Dann wurde im Unternehmen nachgefasst. Elf Mal wurden überschrittene Lenkzeiten oder nicht eingehaltene Ruhepausen festgestellt. Davon betroffen waren sechs Ferienreisen, vier Ausflugsfahrten und eine Mietreise. In 15 Fällen konnten die Angaben für die zurückliegenden Tage nicht überprüft werden, weil die Unterlagen nicht vollständig oder korrekt waren.

Nicht einmal ein Viertel der Fahrer hatte an Notfallübungen teilgenommen, in den meisten Fällen lag der Erste-Hilfe-Kurs bereits Jahrzehnte zurück. Nur zwölf Fahrer hatten dieses häufig mit dem Führerschein erworbene Wissen in jüngster Zeit aufgefrischt. 17 Fahrer hatten schon mal an einem Fahrsicherheitstraining teilgenommen, das allerdings meist schon länger zurückliegen musste, weil sie sich an das Datum nicht mehr erinnern konnten. In zwölf Fällen übernahm die Kosten sogar der Unternehmer. Nur 14 der 52 Fahrer waren angeschnallt - kein Vorbild für die Busgäste.

Gefahren lauerten auch am Arbeitsplatz des Fahrers, dem Fahrerraum. Hier tummelten sich ungesichert Getränke, Taschen oder Mülleimer im Fußraum. In 13 Fällen war der Fahrer während der Fahrt abgelenkt durch Telefonieren, Essen, Lesen, Bedienen von Geräten wie Videorekorder oder Getränkeverkauf. Da konnte es schon einmal vorkommen, dass man von der Spur abwich und dies mittels eines scharfen Lenkmanövers korrigieren musste. Bei der Fahrt nach Lloret de Mar verfolgte der Fahrer gar während der Fahrt einen Action geladenen Spielfilm auf dem Monitor.

Ihren Bus kannten die meisten Fahrer sehr genau. Bei neun der Fahrten mussten die Fahrer zusätzlich die Reiseleitung oder den Service übernehmen, was von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenkt. Doch für viele ist gerade der Verkauf von Getränken eine zusätzliche Einnahmequelle, auf die sie, nicht eben überbezahlt, nicht gerne verzichten. Besser wäre zumindest eine Selbstbedienung durch die Busgäste wie bei der Ausflugsfahrt Shopping Paris.

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