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Volkswagen auf dem Pariser Autosalon Zwischen Kampfbombern und Familienkutschen


Mit einer eigenen Messe vor der eigentlichen Messe demonstriert Volkswagen Selbstbewusstsein. Der Konzern zeigt Elektrovisionen, Renner wie aus einer Waffenschmiede und das grundsolide Erfolgsmodell Passat. Für die Probleme der Konkurrenten findet VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch nur gewohnt böse Wörte.
Von Michael Specht, Paris

Frankfurt, Genf, Paris - beim Volkswagenkonzern ist es mittlerweile Tradition, auf den großen europäischen Automessen seine Pkw-Marken schon am Vorabend der Fachwelt zu präsentieren. Auch dieses Mal machten die Wolfsburger keine Ausnahme. Noch bevor die Mondial de l'Automobile 2010 am Porte de Versailles ihre Tore öffnet, konnten mehr als tausend Gäste und Journalisten in einer alten Bahnhofshalle die Neuheiten bestaunen.

Mit der Messe vor der Messe demonstriert Volkswagen Selbstbewusstsein. Die Zahlen geben den Wolfsburgern recht. In den ersten neun Monaten 2010 wurden mehr als fünf Millionen Fahrzeuge verkauft. In den nächsten Jahren will Volkswagen Weltmarktführer Toyota ablösen. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat in gewohnter Tonlage sein Interesse an Alfa Romeo bekundet. Fiat, der Mutterkonzern, hat die Offerten bislang zurückgewiesen. Piechs Kommentar: "Wir sind geduldig, wir können warten." Dem Fiat-Konzern gehe es "noch zu gut".

Perfekte Unterhaltungsshow

Unter dem Motto "Allez les marques", frei übersetzt "Auf geht’s, ihr Marken!" ließ Europas größter Autokonzern im Zehn-Minuten-Takt Studien, Concept Cars und neue Serienmodelle auf die Bühne fahren, teils unter filmreifer Choreographie. Nebelschwaden, Wasser-Vorhänge, Flammen, Zauber und Magie, alles war dabei.

Nicht die aufregendste, aber die wichtigste Neuerung ist der Passat: 15 Millionen in 37 Jahren, verkauft in über 100 Ländern der Erde. Ende des Jahres geht nun die 7. Generation an den Start. Komplett neu ist der Passat allerdings nicht, höchsten komplett neu eingekleidet. Bodengruppe, Antriebsplattform und die innere Karosserie blieben erhalten. Der aktuelle Golf beweist eindrucksvoll, dass man nicht unbedingt das ganze Auto neu machen muss, um Erfolg zu haben. Besonders stolz sind die Wolfsburger jedoch auf die vielen technischen Neuerungen wie zum Beispiel Müdigkeitssensor, das von einer Kamera überwachte Dauerfernlicht, die Verkehrszeichenerkennung oder das automatische Bremsen bis 30 km/h, das einen Auffahrunfall vermeiden soll. "Der Passat steht bei uns dafür, wie Oberklasse-Innovationen Einzug in die Mittelklasse finden", sagt Vorstandsboss Martin Winterkorn. Dahinter steckt eine spannende Strategie für den Markt der Firmenkunden. Dienstwagenfahrer stehen vor der Wahl, ob sie ein "nacktes" Modell eines Premiumherstellers oder einem Passat mit allen Schikanen fahren wollen.

Das Sorgenkind des Konzerns, Seat, ließ seinen "IBe" aufs Parkett, einen knackigen Kompaktwagen mit äußerst scharfen Konturen. "Das ist unser erstes reinrassiges Elektroauto", sagt Seats Präsident James Muir und betet die Fakten herunter: "102 PS stark, 160 Kilometer Reichweite, Platz für vier Personen und von null bis 60 km/h in 3,6 Sekunden." Der flotte Dreitürer soll nicht nur zeigen, wie man sich bei der spanischen VW-Tochter zukünftig die Elektromobilität vorstellt, sondern er soll auch Botschafter für künftiges Seat-Design sein. So ähnlich könnte also 2012 der nächste Leon aussehen.

Mit Donnerschall und Feuerschweif

Audi-Tochter Lamborghini, automobiles Symbol für kantiges Design und höchste Performance, wird in Paris einen Supersportwagen ganz aus dem Leichtbaustoff Karbon zeigen. Dass dabei eine Art Stealth-Bomber auf vier Rädern einen Feuerschweif hinter sich herzieht, beeindruckt das Publikum schon. Das puristische Macho-Gerät hört auf den Namen "Sesto Elemento". Der Grund: Kohlenstoff ist das sechste Element des Perioden-Systems. "Sesto Elemento ist der leichteste und wendigste Lamborghini, der jemals gebaut wurde", sagt Lambo-Chef Stephan Winkelmann. 999 Kilogramm stehen 570 PS gegenüber. Mit dieser Kombination soll der Super-Lambo in 2,5 Sekunden auf Tempo 100 katapultieren.

Zahlen, über die Franz-Josef Paefgen, Chef von Bugatti und Bentley, vermutlich nur schmunzelt. Besonders, wenn es um den Bugatti Veyron Supersport geht, mit dem in diesem Sommer Weltrekord gefahren wurde. Kein Serienauto auf diesem Planeten ist schneller. Auf dem VW-Testgelände in Ehra-Lessin schaffte der Bolide rasante 431 km/h. Wer aus dem Stand das Gaspedal niederdrückt, ist nach 14,6 Sekunden auf Tempo 300. 22 Stück sind bereits verkauft. "Ein paar gibt es noch, bitte zügig", preist Paefgen den Marschflugkörper an, um gleich danach seine zweite Neuheit vorzustellen: the new Bentley Continental GT Coupé. Dezent überarbeitet und im Blech etwas mehr konturiert, wirkt der Engländer eleganter als zuvor. Technisch bleibt fast alles beim Alten. Weiterhin bildet der W12-Motor mit 575 PS die Topmotorisierung, doch Ende nächsten Jahres wird ein neuer Vierliter-V8 folgen. Mit 22.000 Einheiten ist der Continental das erfolgreichste Modell, das Bentley jemals gebaut hat.

Die Überraschung des Abends

Audi hat zwar taktisch geschickt im Vorfeld für die Messe eine Cabrioversion des Elektrosportwagens e-tron angekündigt und entsprechend Bildmaterial an die Medien verteilt. Doch mit einer weiteren Studie hatte keiner gerechnet, noch dazu einer so faszinierenden: Audi quattro concept, eine Hommage an den ersten Sport-Quattro vor 31 Jahren. Chefdesigner Stefan Sielaff gelangen vier Meter perfekte Maßarbeit, knackig, kompakt, sehnig, durchtrainiert und aufgebaut auf der Bodengruppe des Audi A5. Als Antrieb dient ein 408 PS starker und 2,5 Liter großer Fünfzylinder-Turbo aus dem TT RS. Kein Wunder, dass die am häufigsten gestellte Frage des Abends jene nach dem Baubeginn dieses Autos war. Doch entschieden sei noch nichts. "Man könnte sich aber durchaus eine limitierte Kleinserie vorstellen", sagt Sielaff. Diese wäre dann jedoch nicht aus Blech, sondern aus dem sündhaft teuren Karbon – ganz so wie einst beim kurzen Renn-Quattro.


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