HOME

Yukon Rallye: Wo Trucks erfrieren und Prinzessinnen lächeln

Die Fulda Challenge gilt als kältester Extremsport-Event der Welt. Die Teilnehmer hatten mit bis zu minus fünfzig Grad zu kämpfen. Nicht alle waren dem Gefrierschock gewachsen

Von Dirk Vincken

In der einzigen Absteige in Eagle Plains herrscht gereizte Stimmung. "Das ist doch hier kein Spaßwettbewerb", poltert Holger Bergold, "das ist eine Challenge!" Der Leiter des kältesten Extremsport-Events der Welt gerät aus der Fassung. Trotz minus vierzig Grad draußen kochen im Aufenthaltsraum des 32-Zimmer-Motels die Emotionen. Um die kurz zuvor errichtete Zeltstadt weht eisiger Polarwind, Alaska ist nur einen Steinwurf entfernt. Bergold muss diplomatisch vorgehen, sonst kippt die Stimmung in der Mannschaft. Die Mannschaft - das ist eine illustre zwanzigköpfige Gruppe aus erfahrenen Sportlern wie Fußballeuropameisterin Inka Grings, geladenen Gästen, Schauspiel-Promis und vier Gewinnern eines Vorentscheidungswettbewerbs. Sie alle sind mit einem riesigen Begleittross aus Helfern, Ärzten, Journalisten und Eventprofis von Frankfurt nach Vancouver und weiter nach Whitehorse, der Provinzhauptstadt des Yukon, geflogen. 24000 Menschen leben in dieser einzigen nennenswerten Ansiedlung, weitere 6000 irgendwo verstreut auf einer Fläche anderthalb mal so groß wie Deutschland. Eher trifft man wohl einen Bären oder einen Elch. Nichts für gesellige Naturelle.

Schauspieler wollen ins warme Bettchen

Andreas Hoppe, der sonst als "Tatort"-Kommissar Mario Kopper Verbrechern ins Gewissen redet, spricht auch hier Klartext, sehr laut, sehr berlinerisch: "Nee, das iss mir zu gefährlich. Ick hab' keine Lust, hunderte Kilometer bei eisiger Kälte weiter durchs Niemandsland zu fahr'n. Und im Zelt bei solchen Temperaturen zu übernachten, dat iss doch Wahnsinn!" Tage zuvor gab Hoppe noch den Lockeren: "Nö, besonders vorbereitet hab' ick mich nich'. Aber in den Yukon wollt' ich schon immer." Schauspielerkollege Hannes Jaenicke, der zwischendurch für zwei Tage nach Los Angeles gejettet war, um in Hollywood ein Drehbuch durchzusprechen, gibt sich gleichfalls selbstbewusst. Der bekennende Zigarrenliebhaber: "Groß laufen werde ich wohl nicht."

Weichgespülter Wettbewerb

"Extra-Würste werden nicht gebraten", stellt Rennfahrerlegende und Race Official Striezel Stuck klar, er genießt im gesamten Team hohen Respekt. Er akzeptiert die unterschwellige Meuterei nicht, verweist auf den hohen Sicherheitsstandard und darauf, dass "niemand allein gelassen wird." Was er von den Ängstlichen wirklich hält, kann man nur erahnen. Es sind die mitgereisten Ärzte, die schließlich einlenken, sie haben das letzte Wort, wenn es um die Sicherheit geht. Okay, diese Nacht wird also im Motel übernachtet. Erleichterung in den Gesichtern, Aufatmen. Bei manchen auch Kopfschütteln. "Früher", zischt ein Organisator in bestem Hessisch, "hätt's des nitt gebbe. Da wurd' drauße g'schlafe. Keine Diskussion!" Naja, früher eben. Da waren auch noch keine Schauspieler dabei, die für Aufmerksamkeit in den Medien sorgen sollen. Das waren Profi-Sportler und Besessene. Der Begriff Challenge hatte eine andere Bedeutung. Ernster.

Kein Double dabei

Es sind ungewöhnliche Prüfungen, die die Yukon-Helden während ihres einwöchigen Aufenthalts in der Kältekammer Nordamerikas absolvieren müssen, irgendwo zwischen Bundesjugendspielen und beinahe militärischem Spezialtraining. Ein Schnee-Slalomparcours macht den Anfang, zu absolvieren auf zehn extra aus Wolfsburg herantransportierten VW Tiguan, natürlich alle auf Fulda-Winterreifen, 170 PS stark, Allradantrieb. Dazu Leder, Xenon, Navi, Sitzheizung. Man hat schon schlechtere Autos hier oben gesehen. Nach dieser Kuschel-Prüfung, die DTM-Profi Martin Tomczyk souverän für sich entscheidet ("Alles andere wäre ja auch peinlich für mich gewesen") wird‘s aber sportlich-ernst und vor allem anstrengend: Am kippeligen Seil muss ein Canyon überquert werden, Moderatorin Shary Reeves traut sich, schmiert nach drei Metern ab, baumelt an klammen Fingern über einem Nebenfluss des Klondike River. Das Sicherungsseil führt sie zurück zum Ausgangspunkt der Hangel-Tour. Jaenicke ist dran (O-Ton: "Am Set wird alles, was nur nach Risiko riecht, gedoubled. Wir Schauspieler dürfen gar nichts!") kommt prustend am anderen Ende an. Bingo! Der Fernseh-Star strahlt, Fotoapparate blitzen, Kameras surren, Zuschauer applaudieren. Szenenwechsel, Tage zuvor: Baumstammsägen, das geht in die Knochen, Striezel Stuck freut sich über das kostenlose Schnittholz für sein Domizil in Kanada. Auch Halbmarathon steht auf dem Programm, Skido-Race, Tiguan ziehen und Schneeschuhlauf, alles auf Zeit, alles am Limit, schnell, los-los-los, es geht schließlich um sportliche Ehren und den eigenen Ehrgeiz, der Teamgeist nimmt von Tag zu Tag ab.

Ab ins Eiswasser

Zum Schluss, am letzten Tag der Challenge, ist Kanufahren und Schwimmen dran, im eiskalten Hafenwasser von Vancouver - Ziel der 2000 Kilometer langen Tour. "Großstadtrevier"- und "Soko"-Darstellerin Andrea Lüdke wird später völlig entkräftet aus dem schwarzen Hafenwasser gezogen, das Wasser ist doch viel zu kalt für einen Fernsehliebling, trotz Neoprenanzug. Sie schreit fast stimmlos um Hilfe. Auch Shary Reeves, von Millionen Kindern wegen ihrer Sendung "Wissen macht Ah!" geliebt, trifft das Eiswasser wie eine Keule, entsetzt und schockiert gibt sie nach drei Schwimmbewegungen auf, bloß raus aus dieser Tiefkühltruhe. Lüdke, jetzt in wärmende Decken gehüllt, von allen umsorgt, sammelt sich schnell, die Szene wirkt wie am Set. Ihr Blick in die Kameras hat etwas Glamouröses Selbstironisch konstatiert sie: "Ich bin eine Prinzessin, ich muss doch gerettet werden!"

Nach dreißig Minuten bist du Gefrierfleisch

Rückblick. Mittwoch, Tag drei, irgendwo im namenlosen Outback zwischen Whitehorse und Dawson. Enttäuschung in den blassen Gesichtern der schwarz-rot vermummten Gestalten. Gerade ist der Halbmarathon abgesagt worden. Bei minus 49 Grad Celsius kennen die Ärzte kein Pardon. Jetzt zu laufen sei viel zu gefährlich für Ausdauer-Sportarten, meinen die Docs, Lungenentzündung droht. Weiter hinten locken die vorgeheizten Tiguan. Was ein Glück, die Motoren laufen, das tun sie jetzt immer, 24 Stunden am Tag, nonstop. Zu groß ist die Gefahr, dass wichtige Aggregate einen Kälteschock erleiden. Schnell ins Auto jetzt, Tür zu, Heizung und Sitzheizung auf volle Pulle, Hände reiben gegen die Kälte. Stuck schwärmt indes ganz im Sinne seines Sponsors VW: "Es ist schon erstaunlich, dass die Tiguan bei diesen Temperaturen so gut laufen, dass die Stoßdämpfer ihren Dienst versehen und so gut federn, das ist nicht selbstverständlich." Menschen seien nicht so widerstandsfähig: "Nach dreißig Minuten bist du Gefrierfleisch". Mittags hören wir an der Zapfsäule die Story vom Truck, der vorhin während der Fahrt stehen geblieben war. Einfach so. Eingefroren. Wieder Verunsicherung bei den Teilnehmern. Auch Angst? Ja.

Später wird DTM-Mann Martin Tomczyk die Handbremse festfrieren. Er flucht, wartet auf das erlösende "Sweeper Car", den Besenwagen. Der heißt so, weil er am Ende des Konvois alles "auffegt". Heißes Wasser oder ein Fön würde die Tomczyk-Bremse sofort lösen. Leider ist gerade keine VW-Vertragswerkstatt in der Nähe... Und doch wird der DTM-Mann am Ende noch Dritter - hinter der glücklichen Sabine Fremerey und Partner Stefan Brust, die Geld und Goldnuggets einstreichen. Sie sind "Heroes for one day". Hoppe ist inzwischen besänftigt. Den Held kann er bald wieder vor der Kamera spielen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity