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"Street View": Bitte lächeln! Du bist auf Google Maps!

Googles neueste Anwendung "Street View" erweitert den Stadtplandienst Google Maps um Panoramafotos von Straßen und Gebäuden. Menschen, die zufällig auf den Bildern sind, offenbaren möglicherweise mehr, als ihnen lieb ist. Pech? Oder ein Eingriff in die Privatsphäre?

Von Ralf Sander

Ein Mann betritt eine Pornobuchhandlung. Zwei Studentinnen sonnen sich im Bikini auf dem Campus der Stanford-Universität. Ein junger Kerl klettert am Zaun einer Veranda. In einem Wohnzimmerfenster sitzt eine Katze. Alltagsbilder. Banal eigentlich. Doch sorgen sie für Diskussionen. Die Szenen sind auf Fotos zu sehen, die Teil eines neuen Angebots von Google sind: Die neue Erweiterung des Stadtplandienstes Google Maps namens "Street View" zeigt 360-Grad-Panoramafotos von Straßenzügen von der Bürgersteigebene. Man kann sich direkt an den Ort versetzen, quasi durch die Straßen wandern und umsehen - und den Leuten bis ins Wohnzimmer gucken. Eine teilweise sehr gute Bildqualität verbunden mit einer Zoomfunktion machen's möglich. Rein in die Privatsphäre anderer Menschen mit nur wenigen Mausklicks?

"Wenn das der Staat täte, wäre der Aufruhr groß", sagt Mary Kalin-Casey aus Oakland in Kalifornien gegenüber der "New York Times". Ihr Ehemann John Casey fügt hinzu: "Das ist wie spannen". Kalin-Casey war es, die die Diskussion um die Auswirkungen von Google Street View anstieß. Das eingangs erwähnte Haustier auf der Fensterbank ist nämlich ihr Kater Monty, und Kalin-Casey war erschrocken, als sie aus Neugier ihre Adresse eingab und fast in ihr eigenes Wohnzimmer zoomen konnte. Sie mailte ihr Erlebnis an ein Blog namens "BoingBoing", das Thema schwirrte durch die Blogosphäre, das Thema gewann an Gewicht.

Wie funktioniert Google Street View?

Googles Stadtplandienst Maps und der elektronische Atlas Google Earth beschränkten sich bisher darauf, die Welt aus der Vogelperspektive zu zeigen. In dieser Woche kam Street View dazu, zurzeit nur verfügbar für bestimmte Gebiete in den US-Großstädten San Francisco, New York, Las Vegas, Miami und Denver. Das Interface ist denkbar simpel: Ein gelbes Männchen wird mit der Maus an den Punkt gezogen, den man angucken will. Dann öffnet sich eine Art Sprechblase mit dem Panoramafoto, dessen Perspektive sich im Kreis drehen lässt. Außerdem gibt es eine dreistufige Zoomfunktion. Damit das Ganze funktioniert, muss im Internetbrowser der Flashplayer 9 installiert sein.

Die Fotodaten besorgt sich Google einerseits durch eigene Teams, die durch die Straßen fahren und die Umgebung fotografieren. Außerdem greift der Suchmaschinenriese auf bestehende Daten von Dienstleistern zurück. Zum Beispiel von der Firma Immersive Media, die auch in Europa Städte systematisch fotografisch erfasst und die Daten verkauft, zum Beispiel für Navigationssysteme. Das Standardwerkzeug von Immersive Media ist ein VW Beetle mit einer selbstentwickelten Spezialkamera auf dem Dach, die über elf Linsen ihre Umgebung erfasst.

Die Idee der Bürgersteigansicht haben auch andere Anbieter von Stadtplänen gehabt. Microsoft testet eine ähnliche Funktion gerade für seinen "Live"-Dienst. Die zu Amazon gehörende Suchmaschine A9 hatte Vergleichbares schon früher, ihr Kartendienst ist gerade abgeschaltet. Einen entscheidenden Unterschied zu Street View gibt es aber: keine Zoomfunktion, die Gesichter von Personen bleiben unerkennbar.

Es geht nicht nur um die Privatsphäre

Die Identifizierbarkeit von Gesichtern, aber auch von Wohnungseinrichtungen, Hausnummern und Autokennzeichnen ist für viele Kritiker ein Problem. Es geht nicht nur um Menschen, die nicht dabei gesehen werden möchten, wie sie die Peepshow oder das Haus des Geliebten verlassen oder halbnackt die Vorhänge am Schlafzimmerfenster schließen. Wirklich problematisch seien sensible Einrichtungen wie zum Beispiel Frauenhäuser, Treffpunkte der Anonymen Alkoholikern oder Abtreibungskliniken, sagte der Anwalt Kevin Bankston gegenüber "CNet News". Fotos von Zufluchtsorten für Opfer häuslicher Gewalt habe Google allerdings vor dem Start des Angebots entfernt.

Das Unternehmen sieht sich im Recht. In einem offiziellen Statement heißt es: "Street View beinhaltet nur Fotos, die im öffentlichen Raum aufgenommen wurden. Es gibt nichts anderes zu sehen als das, was jeder sieht, der die Straße heruntergeht." Außerdem helfe Google, wenn es Probleme gebe. "Man kann uns Bilder melden, die gelöscht werden sollen. Wir bewerten diese Anfragen und reagieren so schnell es geht."

Zum Teil juristisches Neuland

US-Gerichte hätten laut "New York Times" durchgängig entschieden, dass Personen in der Öffentlichkeit fotografiert werden dürfen. Wie wäre das in Deutschland? Der Hamburger Rechtsanwalt Stephan Mathé erklärt gegenüber stern.de: "Die Aufnahme von Personen in ihren Räumen oder auch im Hinterhof oder Garten dürfen nicht verbreitet werden. Aber auch die Verbreitung von Bildern von Personen auf öffentlichen Flächen wie zum Beispiel Straßen und Bürgersteigen ist nicht ohne Weiteres erlaubt. Grundsätzlich gilt nämlich in Deutschland das Recht am eigenen Bild, das heißt jeder Bürger darf selbst bestimmen, ob und wie sein Bild in der Öffentlichkeit gezeigt wird." Ausgenommen sind Bilder, auf denen Personen nur Beiwerk sind, zum Beispiel wenn jemand vor dem fotografierten Gebäude durchs Bild läuft. Durch die Beweglichkeit der Perspektive bei Google Street View entsteht in den Augen des Juristen allerdings eine Grauzone, "weil es keine festen Bilder im Sinne von Fotos im klassischen Sinne gibt, sondern der Bildausschnitt fast frei einstellbar ist, so dass man aus einem allgemeinen Straßenbild ein detailliertes Personenbild machen könnte. Juristisch ist dies Neuland, daher bleibt die höchstrichterliche Rechtsprechung abzuwarten."

Ob Google Street View überhaupt für Deutschland veröffentlicht wird, ist derzeit noch offen. "Das Produkt ist noch so neu, dass es keine Aussagen über eine Einführung in Deutschland und Europa gibt", sagt Lena Wagner von Google Deutschland zu stern.de. Generell gelte: "Wenn die User etwas toll finden, wollen wir es möglichst schnell für andere Länder lokalisieren." Und die Rechtslage in Deutschland? "Das Angebot wird den jeweils geltenden Gesetzen des Landes angepasst", so Wagner. Ob das notwendig sei und wie solche Änderungen aussehen könnten, sei aber noch völlig unbekannt.

Unabhängig davon müssen wir uns wohl im Klaren sein: Es wird immer schwieriger, unsichtbar zu bleiben.