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Klage von Bettina Wulff: Googles fragwürdige Doppelmoral

Bettina Wulff geht gegen Rufmord im Netz vor und verklagt Google. Doch der Konzern weigert sich, die Gerüchte über ihre angebliche Rotlichtvergangenheit zu löschen - mit zweifelhaften Argumenten.

Von Christoph Fröhlich

Ist Google nur eine Suchmaschine oder greift der Konzern bewusst in die Ergebnisse ein - und verfälscht sie möglicherweise sogar? Diese Frage beschäftigt derzeit nicht nur die Presse, sondern bald auch Richter: Bettina Wulff, die Frau des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, will den Suchmaschinenkonzern Google verklagen und ihn zwingen, automatisch generierte Schlagworte wie "Escort" oder "Prostituierte" bei Suchanfragen zu ihrem Namen zu entfernen. Doch Google weigert sich standhaft, dieser Forderung nachzukommen - und schiebt den Nutzer als Sündenbock vor.

Praktische Funktion mit Nebenwirkungen

Seit 2008 analysiert Google die Suchanfragen der Nutzer und bietet mit der sogenannten Autovervollständigung weitere Vorschläge zur Suchanfrage an. Das kann praktisch sein: Sucht man beispielsweise nach "New York", erscheinen als weitere Treffer die Zeitung "New York Times" oder die "New York Reise". Das kann im Fall von Prominenten aber auch unliebsame Gerüchte befeuern: Sucht man nach Jogi Löw oder dem CDU-Politiker Peter Altmaier, bekommt man schnell Vorschläge mit angeblichen sexuellen Orientierungen, obwohl sich die Betroffenen teilweise öffentlich über die von Google generierten Treffer beschwerten.

Besonders deutlich distanzierte sich Philipp Lahm in seinem Buch "Der feine Unterschied": Darin wies der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Gerüchte über seine angebliche Homosexualität mehrfach von sich. Ergebnislos: Sucht man seinen Namen, ergänzt Google unter anderem das Wort "schwul".

Die Suche nach "Bett" bringt heute wie damals, im Dezember 2011, angebliche Hinweise auf eine Rotlichtvergangenheit von Bettina Wulff zutage. Seit Bekanntwerden der Klage ist die Situation sogar noch weiter eskaliert: Derzeit reicht es, nur den Buchstaben "B" in die Suchmaske zu hämmern, als dritter Treffer erscheint nach "bild.de" und "bahn.de" der Suchvorschlag "Bettina Wulff Prostituierte".

Google könnte diese Verknüpfung einfach entfernen und die Gerüchte so aus der Welt schaffen. Allerdings spiegeln "die bei der Google-Autovervollständigung sichtbaren Suchbegriffe […] die tatsächlichen Suchbegriffe aller Nutzer wider", sagte Google-Sprecher Kay Oberbeck der Nachrichtenagentur DPA. Die Ergebnisse würden objektiv von einem Algorithmus nach bestimmten Faktoren berechnet werden, unter anderem aus der Beliebtheit der Suchbegriffe. Der Suchalgorithmus als Spiegelbild der Nutzer - ist es wirklich so einfach? Nein.

Google kennt Tabus, nutzt sie aber kaum

Seit Jahren schmeißt Google bestimmte Tabuwörter aus seinem Index: Bombe ist so ein umstrittenes Wort, bei dem keine weiteren Vorschläge generiert werden, Sex ebenso. Für die Autovervollständigung, so heißt es in der offiziellen Erklärung, "gelten strenge Richtlinien hinsichtlich der Entfernung von Pornografie, Gewalt, Hassreden und Begriffen, die häufig für die Suche nach Inhalten verwendet werden, die gegen Urheberrechte verstoßen."

Der Begriff der Verleumdung von Bettina Wulff gehört laut einigen Juristen ziemlich sicher in eine der genannten Kategorien. Doch in der Vergangenheit interessierte sich Google meist nur für einen Punkt der Richtlinien: Urheberrechtsverletzungen. Google feuerte mehrfach Webseiten, die illegale Dateien oder Verweise auf ebensolche anbieten, aus dem Seitenindex und stufte sie massiv herab, um sie nahezu unauffindbar zu machen. Zudem entfernte der Konzern bereits im vergangenen Jahr Begriffe wie "Torrent" - ein Dateiformat für Filesharing-Programme - aus der Autovervollständigen-Liste, um den Zugang zu Raubkopien zu erschweren.

Auch die Ergebnisse werden offenbar manipuliert

Auch die Ergebnisse selbst werden offenbar gezielt manipuliert: Die Suchanfrage "Wie baue ich" ergänzt Google als erstes mit "einen Joint", bei Microsofts Bing erscheint dagegen "eine Bombe". Auch Yahoo schlägt zuerst die Bombe vor, der Joint landet abgeschlagen auf Platz Zehn. Doch sind die Interessen der Suchmaschinennutzer wirklich so unterschiedlich? Oder hat eine der Parteien ein wenig nachjustiert und die Ergebnisse nach eigenen Regeln geschönt?

Womöglich erfüllt Google bestimmte Auflagen strenger und lässt andere dafür unter den Tisch fallen. Portale zum illegalen Herunterladen von Musikalben werden regelmäßig in die hinterste Ecke des Google-Webs verbannt, nur um wenig später von anderen Seiten ersetzt zu werden. Der Kampf gegen Raubkopien ist ein Kampf gegen Windmühlen. Webseiten mit Verleumdungen und Gerüchten hingegen bleiben jahrelang auffindbar - wie im Fall von Philipp Lahm oder Bettina Wulff -, ohne das der Versuch unternommen wird, wenigstens die Auffindbarkeit zu minimieren. Erst, wenn Google zum Löschen gezwungen wird, scheint der Konzern tätig zu werden. Das allerdings ist in Deutschland noch niemandem gelungen.

Fünf zu Null für Google

Google hat in Deutschland bereits fünf ähnliche Verfahren geführt, jedes Mal haben die Gerichte die Klagen abgewiesen. So klagte eine Immobilien-Firma aus Stuttgart gegen den Suchmaschinenanbieter, weil die Begriffe "Schrottimmobilien" und "Betrug" in der Suchleiste erschienen, sobald man den Namen der Firma eingab. Auch diesmal könnte der Konzern vor Gericht gewinnen, glaubt Rechtsanwalt Thomas Stadler. Er räumt der Klage von Bettina Wulff keine Chance ein: "Bei den Hamburger Gerichten, bei denen Frau Wulff erwartungsgemäß ihr Glück versucht, muss zwar prinzipiell mit allem gerechnet werden", schreibt der Jurist in seinem Blog. "Dennoch wage ich bereits jetzt die Prognose, dass derartige Einschränkungen der Suchmaschinenfunktionalität höchstrichterlich nicht durchsetzbar sein werden."

Henning Ernst Müller, Jurist von der Uni Regensburg, ist anderer Meinung: Da Google bereits auf Forderungen der Musikindustrie reagiert und redaktionell in den Suchalgorithmus eingegriffen hat, dürfte dies auch im Fall Bettina Wulff möglich sein. "Ich bin der Ansicht, Google sollte sein Autocomplete entweder komplett abschalten, oder dafür auch die redaktionelle Verantwortung übernehmen", so der Experte.

Andere Länder, andere Urteile

Obwohl der Konzern hierzulande bislang immer als Sieger aus dem Gerichtssaal ging, entschieden Richter anderswo im Sinne der Kläger: Laut der IT-Webseite "Zdnet.com" gab ein Gericht in Mailand einem Nutzer Recht, der sich aufgrund der Autovervollständigung als Betrüger verunglimpft sah. Auch in Japan musste Google die Funktion bereits richterlich überarbeiten.

Doch egal wie das Urteil der Richter ausfällt - einige Kritiker werfen Bettina Wulff vor, die Klage nur an die Öffentlichkeit gebracht zu haben, um ihr neues Buch "Jenseits des Protokolls" ins Gespräch zu bringen. So sagt der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konke: "Der zeitgleiche Verkaufsstart ihres Buches nährt den Verdacht einer PR-Kampagne mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen." Es sei "diskussionswürdig", dass Bettina Wulff mehr als ein halbes Jahr gewartet habe, um ihre Persönlichkeitsrechte geltend zu machen.

Auch der Satiriker Rob Vegas, der im Kurznachrichtendienst Twitter als gefälschter Harald Schmidt für Furore sorgte, spottet: "Erinnerung an mich: Bevor ich ein Buch auf den Markt werfe, muss ich erst Günther Jauch und Google verklagen. Steigert den Absatz."

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