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Smarte Uhr: Ich trage die Apple Watch seit fünf Jahren - so hat sie meinen Alltag verändert

Die Apple Watch feiert heute ihren fünften Geburtstag. Anfangs galt sie als Flop, mittlerweile ist sie eine von Apples größten Wetten auf die Zukunft. Christoph Fröhlich wirft einen ganz persönlichen Blick zurück und zeigt, wie die Uhr seinen Alltag verändert hat.

Das Display der Series 4 ist um mehr als 30 Prozent gewachsen.

Die Apple Watch feiert ihren fünften Geburtstag

Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt, heißt es häufig in Motivationsratgebern. Nun, bei mir begann sie mit 10.000 Schritten im Frühjahr 2013. Gemeinsam mit einem Kollegen probierte ich damals ein Fitness-Armband aus, das uns animierte, eben jene Anzahl an Schritten pro Tag zurückzulegen. Es war meine erste Erfahrung mit sogenannten Wearables - kleine Geräte, die mich fit und gesünder machen sollten, so das Versprechen der Hersteller. Und ich war sofort begeistert.

Das Armband stammte von Jawbone, einer damals populären Firma, die mittlerweile pleite ist. An ihre Stelle rückten andere Unternehmen, meist Nachbarn aus dem sonnigen Kalifornien, denn das Geschäft mit der Selbstvermessung war lukrativ. Richtig Bewegung kam jedoch erst am 9. September 2014 in den Markt: An jenem Dienstagmorgen kündigte Apple-Boss Tim Cook die Apple Watch an. Sie sollte mehr sein als nur ein neues Produkt. Mit dieser Uhr wollte sich Tim Cook endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers Steve Jobs befreien.

Ein holpriger Start

Sieben Monate später, am 24. April 2015 war die Uhr im Handel erhältlich. Doch die ersten Reaktionen fielen ernüchternd aus. Vielversprechende Technik, so der Tenor, aber irgendwie überflüssig. "Ein wirkliches Killer-Feature sucht man vergebens. Sieht man einmal von den Fitness-Funktionen ab, kann die Apple Watch nichts besser, als es das iPhone könnte", schrieb ich damals in meinem Fazit.

Heute, auf den Tag genau fünf Jahre später, sieht das anders aus. Aus dem belächelten Gadget wurde ein Milliarden-Business: Konkrete Verkaufszahlen nennt der Konzern zwar nicht, doch den Marktbeobachtern zufolge lag der Absatz der Apple Watch allein im vergangenen Jahr bei 31 Millionen Stück. Das ist mehr, als die gesamte Schweizer Uhrenindustrie zusammen verkauft. Selbstverständlich gibt es auch andere Hersteller von cleveren Uhren, etwa Samsung, Huawei oder Polar. Doch Apples Marktanteil liegt bei etwa 47 Prozent.

Was ist in diesen fünf Jahren passiert?

Niemand will ein iPhone am Handgelenk

Dass die Apple Watch im ersten Jahr kein sonderlich großer Erfolg ist, liegt am Konzept der Uhr. Besser gesagt am Fehlen desselbigen: Als der Konzern die Watch im Herbst 2014 vorstellt, demonstriert er eine Vielzahl von Funktionen. Man kann den Fahrplan checken, das Auto rufen oder Hotelzimmer aufschließen - seht her, dies ist ein Tausendsassa am Handgelenk, so die Botschaft.

Was die Ingenieure nicht bedenken: Niemand will ein iPhone am Handgelenk, wenn man bereits eines in der Hosentasche hat. Wie sich später herausstellt, nutzen die Menschen die Uhr vornehmlich für zwei Dinge: Sie wollen mit Push-Benachrichtigungen auf dem Laufenden gehalten werden und ganz nebenbei ihre Fitness optimieren. Mir geht es nicht anders. Viele Apps starte ich einmal und nie wieder. Wozu sollte ich auch ein Taxi umständlich auf einem Mäuse-Display rufen, wenn ich das komfortabler auf meinem Telefon erledigen kann?

Die Apple Watch als schlechtes Gewissen

Es dauert einige Jahre, bis Apple sich an diese Bedürfnisse anpasst. Mit jedem neuen Modell werden weitere Sportarten und zusätzliche Sensoren hinzugefügt und nicht genutzte Altlasten entsorgt. Das wichtigste Feature jedoch bleibt von Tag eins an unverändert - die drei Ringe. Einer zählt die aktiven Stehstunden (12 müssen es sein) des Nutzers, einer die verbrauchten Kalorien (voreingestellt sind 500), einer die Trainingszeit (30 Minuten). Sind alle drei voll, gibt es zur Belohnung eine Animation.

Diese Art der Motivation nennt man Gamification. Damit sind Mechanismen gemeint, durch die man für bestimmte Aktionen Punkte und Belohnungen gutgeschrieben bekommt. Populär wurden sie in Videospielen, mittlerweile gibt es sie überall. Bluetooth-Zahnbürsten etwa wollen mit virtuellen Stickern Kindern einen spielerischen Ansporn zum Zähneputzen geben. Apple wählt diesen Ansatz bewusst, um die Menschen zu Verhaltensänderungen zu animieren.

Dem Sog der Ringe und Zahlen erliegt man schnell. Auch ich nahm mir eines Tages vor, einen Monat lang alle drei Ringe zu füllen. Am Ende erstreckt sich meine längste Bewegungsserie über 416 Tage. Dann werde ich krank, muss einen Tag im Bett liegen und der Zähler springt zurück auf null. Die Uhr ist gnadenlos, und in diesem Moment hasse ich sie. Einen Cheat Day gibt es bis heute nicht. Entweder ist man in Kalifornien nie ernsthaft krank oder die Mitarbeiter neigen zur Selbstkasteiung, um die Serie nie abreißen zu lassen.

Wie viele Kalorien verbrennt man in fünf Jahren?

Dass regelmäßige Bewegung gut für den Körper ist, weiß jeder Mensch. Doch was bedeutet das konkret? Ich habe einen Monat, bevor ich die Apple Watch erstmals anlege, begonnen, mein Gewicht mit einer Wlan-Waage von Withings zu protokollieren. Ich trieb die Selbstvermessung noch weiter, um zu verstehen, wie sich Alltagsänderungen auf mein Hüftpolster auswirken. Hier sind die Ergebnisse vom März 2015 bis zum März 2020:

Gewichts- und Körperfett-Daten des Autors über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Gewichts- und Körperfett-Daten des Autors über einen Zeitraum von fünf Jahren.

Die Graphen zeigen, wie sich mein Gewicht verändert hat. Ich sehe, dass ich nach einem Sportunfall zunehme und dass ein stressiger Umzug die Pfunde schmelzen lässt. Zu Beginn des mittlerweile fünfjährigen Experiments wiege ich 67,2 Kilogramm, mittlerweile pendelt es um die 62 Kilogramm. Der Fettanteil sinkt im selben Zeitraum von 18,9 auf 11,6 Prozent.

Diese Differenz ist selbstverständlich nicht nur durch mehr Alltagsbewegung zu erklären, sondern auch durch eine Ernährungsumstellung. Doch jedes Mal, wenn es am Handgelenk klopft und die Uhr mich wie eine Gouvernante ermahnt, dass ich gefälligst aufstehen soll, bin ich erst genervt, dann beuge ich mich meist. Selten kann ich mich überwinden, die Schuhe zu schnüren und loszulaufen, das gebe ich zu. Doch das schlechte Gewissen lässt mich zumindest ein paar Kniebeuge oder Liegestütz machen. Auch das summiert sich über die Jahre.

Apple Watch Series 4: stern-Redakteur testet neue Sturzfunktion

Schneller Fortschritt, grundlegende Fragen

Richtig offenkundig wurde die Trendwende erst mit der Apple Watch Series 4. Dreieinhalb Jahre nach der ersten Generation positioniert der Konzern die Uhr nicht länger als Ergänzung zum iPhone, sondern als eigenständiges Gesundheits-Tool. An Bord sind neben mächtigeren Herzsensoren ein eingebautes EKG und eine Sturzerkennung.

Nach Techies und hippen Early Adoptern nimmt der Konzern nun kaufkräftige, gesundheitsbewusste Silver Surfer ins Visier. Sie werden gelockt mit Funktionen, über die man in den Anfangstagen der Apple Watch (die Entwicklung begann 2011) nicht einmal nachdachte, wie Jeff Williams, Leiter von Apples Gesundheits-Team, mir im vergangenen Jahr im Interview erklärte. "Ursprünglich haben wir den Herzfrequenzmonitor nicht aus gesundheitlichen Gründen in die Uhr eingebaut. Uns ging es lediglich darum, den Kalorienverbrauch bei Aktivitäten so genau wie möglich zu berechnen."

Diese Meldung poppte eines Morgens auf und zeigt, dass die Uhr permanent im Hintergrund die Herzfrequenz überwacht - und bei Auffälligkeiten Alarm schlägt.

Diese Meldung poppte eines Morgens auf und zeigt, dass die Uhr permanent im Hintergrund die Herzfrequenz überwacht - und bei Auffälligkeiten Alarm schlägt.

Der schnelle Fortschritt ist beeindruckend, er wirft jedoch auch grundlegende Fragen auf. Denn im Gegensatz zu Medizingeräteherstellern ist Apple erst wenige Jahre in diesem Markt aktiv. Williams ist sich bewusst, welche Verantwortung er und sein Team haben. Millionen von Menschen vertrauen seinem Konzern ihre sensibelsten Daten an. Denn was ist persönlicher als der eigene Herzschlag? Nicht einmal Apple selbst habe Zugriff auf die Daten, beteuert der Konzern. Alles bleibe zwischen der Uhr und ihrem Besitzer, beziehungsweise ihrer Besitzerin. Überprüfen kann man das nicht, doch zumindest gab es bislang keinen Fall, der das Gegenteil vermuten lässt (mehr zum Thema Apple und Privatsphäre finden Sie hier).

Die Nacht ist eine Blackbox

In den vergangenen fünf Jahren dürfte meine Uhr Abermillionen Schritte und noch weit mehr Herzschläge erfasst haben. Konkrete Schlussfolgerungen zieht sie aus dem Meer an Daten jedoch nicht. Das ist schade, denn Erkenntnisse wie "Wenn Sie morgens trainieren, sind Sie den Rest des Tages im Schnitt 30 Prozent aktiver" könnten einen echten Mehrwert liefern und das Training noch nachhaltiger gestalten. Zwar hat der Konzern im vergangenen Herbst eine "Trend"-Funktion eingeführt, die Veränderungen über längere Zeiträume veranschaulicht - hier ist in meinen Augen jedoch noch Luft nach oben.

Und noch eine Funktion vermisse ich bei Apples Uhr, die selbst mein Jawbone-Tracker anno 2013 schon beherrschte: Das kleine Band konnte den Schlaf analysieren. Zwar zeigten Tests in Schlaflaboren, dass das nicht so zuverlässig funktionierte, wie es der Hersteller versprach. Interessante Einblicke lieferten die Daten trotzdem. Gerüchten zufolge könnte Apple diese Funktion jedoch in diesem Jahr hinzufügen. Fragt sich bloß: Wann soll ich die Uhr dann eigentlich laden?

Die 10.000 Schritte peile ich übrigens nicht mehr an, und der Apple Watch sind sie auch herzlich egal. Denn begibt man sich auf die Spuren, was es mit dieser Zahl auf sich hat, landet man statt bei wissenschaftlichen Belegen beim "Manpo-kei", einem japanischen Schrittzähler aus den Sechzigerjahren. Oder anders gesagt: Diese wohlklingende Zahl ist nichts weiter als eine Erfindung der Werbung.

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