50 Jahre Sputnik Sein Piepsen begann den Kalten Krieg


Anfang Oktober vor 50 Jahren flog eine Blechkugel ins Weltall und traf die westliche Welt ins Mark. Die UdSSR schickte mit Sputnik I den ersten Satelliten in den Orbit. Seine Konstruktion war ein Meisterwerk an Schlichtheit, sein piepsendes Funksignal der Startschuss für den Kalten Krieg.
Von Andreas Albes, Moskau

Walentina Sacharowa wacht über einen der letzten Sputnik I, die der Welt erhalten geblieben sind. Der kugelrunde, silbern glänzende Satellit - der erste, der von Menschenhand geschaffen wurde - hängt in drei Metern Höhe unter der Decke des Kosmos-Museums im Sternenstädtchen bei Moskau - und hat eine dicke Delle. Entsetzt schaut Walentina durch ihre große eckige Brille: "Das muss gerade erst passiert sein. Bestimmt ist ein Handwerker mit einer Leiter dagegen gerannt."

Am 4. Oktober ist der Start von Sputnik I auf den Tag 50 Jahre her. Damals stürzten die Ingenieure des Kreml den Westen in eine schwere Krise. Vom Sputnik-Schock war die Rede. Das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" bescheinigte Präsident Dwight D. Eisenhower "ein technisches Pearl Harbor". Die Sowjetunion erschien mit einem Mal übermächtig und unbesiegbar. Hysterie brach aus, die Schlagzeilen lasen sich sinngemäß so: Wann werden die Russen die Vereinigten Staaten aus dem All angreifen?

Dabei war es Eisenhower, der bereits 1955 als Erster verkündete, die USA würden binnen 24 Monaten, pünktlich zum Internationalen Geophysikalischen Jahr, einen künstlichen Trabanten um die Erde schicken. Zu diesem Zeitpunkt hatte die UdSSR offenbar einen Vorsprung in der Satelliten-Entwicklung. In einem Punkt jedoch waren die Probleme für beide Seiten gleich: In der Frage, wie solch eine Konstruktion rund 1000 Kilometer hoch in die Erdumlaufbahn geschossen werden kann. Modernisierte Versionen der alten Nazi-Rakete V2 kamen inzwischen zwar auf 200 Kilometer, aber für einen Satelliten reichte das längst nicht.

Von Braun gegen Koroljow

Zwei Männer waren es, die in den USA und in der Sowjetunion die Raketenforschung mit Macht nach vorne trieben: Wernher von Braun auf Seiten der Amerikaner, der sich schon im Hitler-Deutschland auf diesem Feld einen Namen gemacht hatte, und in der UdSSR war Sergej Koroljow oberster Raketenkonstrukteur. Er sollte später als Vater des Sputnik Geschichte machen.

Koroljow hatte es schwer, die sturen Sowjetfunktionäre vom Sinn eines Satelliten zu überzeugen. Im Politbüro wollte man Raketen lieber als Langstreckenwaffen. Die USA hatten 1954 die erste Wasserstoffbombe im Eniwetok-Atoll gezündet, Moskau besaß eine vergleichbare Waffe. Diese Bomben, die ganze Städte zerstören konnten, waren so winzig, dass sie von einer Rakete an jeden Punkt der Erde transportiert werden konnten - wenn sie denn schon konstruiert worden wäre.

Koroljow argumentierte: "Einen Satelliten ins All zu schicken, ist eine unabdingbare Etappe auf dem Weg dorthin." Schließlich gab ihm Generalsekretär Nikita Chruschtschow bei einem Besuch in seinem Labor persönlich das Okay.

Erfolg mit zwei Stufen

Den Schlüssel für die Superrakete fand Koroljow im zweistufigen Antrieb. Das heißt, nach einer bestimmten Distanz wird das erste Triebwerk abgestoßen und ein zweites gezündet - eine Technik, die für Interkontinentalraketen im Wesentlichen noch heute verwendet wird. Das Modell trug die Bezeichnung R7, war 31 Meter hoch, wog ohne Treibstoff 27 Tonnen, hatte Heckflossen von elf Metern Spannweite und schaffte bei seinem Jungfernflug eine Weite von 6000 Kilometern. Den Berechnungen zufolge würde die R7 eine Gipfelhöhe von 1100 Metern erreichen.

Ursprünglich sollte der erste sowjetische Satellit eine Tonne wiegen und 300 Kilo wissenschaftliche Instrumente in den Kosmos befördern. Das, so schätzten die Ingenieure, wäre wegen des Gewichts allerdings nicht vor 1958 möglich. Doch nach Eisenhowers Erklärung wollte der Kreml den Amerikanern auf alle Fälle zuvor zukommen. Koroljow forderte deshalb den Bau eines Primitiv-Satelliten. "Maximal 100 Kilo schwer", schärfte er seinen Ingenieuren ein.

Meisterhafte Schlichtheit

Sputnik I ist eine Meisterleistung an technischer Schlichtheit. Seine runde Form bekam er, weil die am platzsparendsten ist und am wenigsten Angriffsfläche für Strahlung und Hitze bietet. Die glänzende Speziallegierung, mit der seine nur zwei Millimeter dicke Aluminiumhülle beschichtet wurde, sollte die Sonnenstrahlung reflektieren, um die Elektrik vor Beschädigungen zu schützen. 36 Bolzen hielten die aus zwei Halbschalen bestehende Kugel zusammen, sie hatte einen Durchmesser von 580 Millimetern und wog 83,6 Kilo.

"Jeder, der sie berührte, musste weiße Handschuhe tragen", erinnert sich der heute 91-jährige Nikolai Liderenko, der damals für die Entwicklung der Stromversorgung verantwortlich war. Im Inneren befanden sich drei Batterien für die Lüftung und den Radiosender, der auf den Kurzwellenfrequenzen 20.005 Megaherz und 40.002 Megaherz Piepsignale ausstrahlen sollte. Dazu hatte Sputnik vier Antennen, zwei 2,4 und zwei 2,9 Meter lang. Abstand und Dauer der Signale, die von jedem Radiogerät zu empfangen sein werden, sollen den Ingenieuren am Boden Informationen über Temperatur und Druck im Inneren der Kapsel geben.

Sicherheiten, ob die Simpel-Technik im All auch tatsächlich funktionieren würde, gab es jedoch nicht. Hinzu kam noch eine Menge nicht kalkulierbarer Risiken. Zum Beispiel: Können Mikrometeore die Kapsel zerstören? Wie würde Sputnik auf das kosmische Vakuum reagieren? Waren die Radiosignale überhaupt stark genug, um durch die Ionosphäre bis zur Erde zu dringen?

Gespanntes Warten auf einem LKW

Als die Rakete auf dem Kosmodrom von Baikonur in Kasachstan mit 240.000 Litern Kerosin betankt wurde, herrschte eine sternenklare, kalte Herbstnacht. Das Metall glänzte matt vom Raureif. Der Start erfolgte am frühen Morgen. Nach Moskauer Zeit um 22 Uhr und 28 Minuten. Die Bodenstation zur Überwachung des Satelliten steckte auf einem Lastwagen unter einer Plane, 800 Meter von der Abschussrampe entfernt. Dort hatte sich Sergej Koroljow mit seinen Ingenieuren versammelt.

Mit einer Geschwindigkeit zwischen 6000 und 8000 Metern pro Sekunde schoss die R7 gen Himmel. Nach 315 Sekunden trennte sich die zweite Triebwerksstufe wie vorgesehen vom Satelliten. Da krächzte das Piepen auch schon aus den Lautsprechern. Koroljow und seine Männer umarmten und küssten sich. Sputnik I sauste auf seiner geplanten Umlaufbahn durchs All, je nach Position zwischen 228 und 947 Kilometern von der Erde entfernt. Jede Umkreisung dauerte 96 Minuten und zehn Sekunden; seine Geschwindigkeit betrug 29.000 Stundenkilometer. Drei Wochen lang, bis die Batterien versagten, war das Piepen auf der ganzen Welt zu hören.

Auch der Klassenfeind hört die Signale

Im gedemütigten Reich des Klassenfeinds war es der Bochumer Hobbyfunker Heinz Kaminski, der den Satelliten in der Nacht zum 5. Oktober als Erster ortete - mit einem Kurzwellenempfänger im Keller und ein paar Drähten, die er durch seinen Garten gespannt hatte. Sputnik war etwas Unbekanntes, etwas Neues, das im Westen die Urängste der Menschen wachrief. Überall, so glaubte man, wo das Piepen war, konnte nun auch eine Bombe sein. Die Medien spekulierten, wie viele Superraketen die Sowjetunion wohl schon besaß. Schulen ließen die Kinder "Verhalten für den Fall eines Atomschlags" trainieren. Und in Amerika stieg der Verkauf von Einbaubunkern für Keller rasant.

In der UdSSR dagegen war der erfolgreiche Sputnikstart nichts Besonderes. Die Parteizeitung Prawda veröffentlichte lediglich ein paar technische Details in einer Meldung. Sergej Chruschtschow, Sohn des damaligen Generalsekretärs und 1957 kurz vor dem Abschluss seines Ingenieurstudiums, sagt heute: "In unserem Selbstverständnis war es logisch, dass wir den USA in technischer Hinsicht überlegen waren." Sputnik sei "Entertainment auf dem Weg zu einem effektiven Raketenprogramm" gewesen (siehe Interview).

Propaganda per Hund

Heute gilt die Sputnik-Mission als Beginn des Kalten Kriegs. Erst durch die Hysterie im Westen begriff der Kreml, welche psychologische Wirkung die Demonstration technischer Überlegenheit haben konnte - auch, um die eigene Bevölkerung bei Laune zu halten. Schon die zweite Sputnik-Mission, nur einen Monat später, wurde mit viel Tamtam begleitet. In einer 500 Kilo schweren Kapsel wurde die Hündin Laika ins All geschossen. Fernsehbilder gingen um die Welt, Laika-Zigaretten kamen auf den Markt. Eine Rückkehr des Weltraum-Fiffi war nie vorgesehen. Es hieß, Laika werde nach zehn Tagen mit portioniertem Futter vergiftet und friedlich einschlafen. Erst Jahrzehnte später kam heraus, dass sie lediglich drei Erdumläufe schaffte und dann, wegen Versagens der Lüftung, den Hitzetod starb.

Im Januar 1958 gelang es schließlich auch den Amerikanern, einen Satelliten zu starten. Der Wettlauf war entbrannt. Es folgten 1961 der erste benannte Weltraumflug Jurin Gagarins und 1969 die erste Mondlandung. Doch Sputnik I war die wichtigste Mission von allen. Heute flitzen 800 Satelliten um die Erde; in Höhen zwischen 80 und 36.000 Kilometern; 400 amerikanische, 90 russische, 35 chinesische. Zwei Drittel dienen der Telekommunikation, fünf Prozent liefern Wettervorhersagen, weitere fünf sind Erdbeobachter im Dienste der Wissenschaft.

Sputnik umkreiste die Erde in 92 Tagen 1440 Mal, dabei legte er 60 Millionen Kilometer zurück. Eine Engländerin ließ sich für 500 Pfund versichern, falls Sputnik nach Wiedereintritt in die Atmosphäre auf ihr Haus stürzen sollte. Ein US-Radiosender, der 50.000 Dollar für das Sputnik-Wrack ausgelobt hatte, wurde von einem Kalifornier verklagt, der ein paar brennende Plastikteile in seinem Garten für Überreste der Satelliten hielt.

Doch Sputnik verglühte am 4. Januar 1958 planmäßig irgendwo über Alaska.


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