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Intel auf der CES: Kerne, Kunstworte, Superstars

Prozessorhersteller Intel will in unsere Wohnzimmer und uns außerdem Inhalte verkaufen. Mit aller Macht. Zu diesem Zweck bot Intel-Chef Paul Otellini eine große Show auf der CES - mit hochkarätiger Unterstützung.

Von Ralf Sander, Las Vegas

Wenn die ganz Großen der Computer- und Unterhaltungselektronikindustrie auf der Consumer Electronics Show eine "Keynote" sprechen, veranstalten, zelebrieren - dann ist ganz großes Angeben angesagt. Gab es bei Bill Gates am Abend zuvor Posen nur in überraschend kleinen Dosen, nutzte Intel-Chef Paul Otellini die Chance, es allen so richtig zu zeigen: einen neuen Zweikern-Prozessor für Notebooks, den Plan für Intels Angriff auf die Unterhaltungsindustrie - und eine Riege von Superstars. Spätestens dann merkte man, dass die CES eine amerikanische Messe ist. Verona Feldbusch bei einem Handyhersteller auf der Cebit - das ist einfach nicht dasselbe.

Zwei Kerne auch für unterwegs

Aber der Reihe nach: Auch in tragbaren Computern lässt Chiphersteller Intel nun zwei Herzen schlagen. Die erfolgreiche Centrino-Chiparchitektur mit integrierter drahtloser Netzwerk-Technik bekam - wie der Prozessoren für Desktoprechner zuvor - eine so genannte Dual-Core-CPU verpasst. Die zwei Prozessorkerne erhöhen massiv die Leistung der Zentraleinheit, bei gleichzeitigem geringeren Stromverbrauch und weniger Hitzeentwicklung. Intel Centrino Duo heißt das neue Produkt. Das Ziel sei es, dass auch tragbare Rechner gleichzeitig Musikdateien umwandeln, Bilder aus einer Digitalkamera übertragen und einen Film abspielen können. In der Demonstration schien es zu funktionieren: Ein aktuelles Laptop geriet bei dieser Aufgabe total ins Stocken, das Zweikern-Gerät machte munter weiter. Zweikern-Prozessoren gehört die Zukunft, die Ablösung der Pentium-Chipfamilie vollzieht sich. Die Nachfolger heißen Core Duo für Desktop-PC und Centrino Duo für Notebooks.

Intel will in die Wohnzimmer

Dieses "Alles-gleichzeitig-machen-Müssen" verschiedenster multimedialer Aufgaben ist nach Ansicht von Intel "the next big thing". Die Duo-Prozessoren bringen die nötige Leistung, als Diener vieler Herren, zum Beispiel als Medienserver in einem Mehrpersonen-Haushalt, verschiedene anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen. Doch Intel hat noch mehr im Sinn und sich dafür sogar ein Kunstwort ausgedacht: "Viiv" (gesprochen: waif). Das Wort war schon vor einigen Monaten "veröffentlicht" worden, ohne mit Inhalt gefüllt worden zu sein. Das holte Otellini nun nach - ohne allzu präzise zu werden. Viiv ist eine Plattform, auf der Geräte gebaut werden sollen, die bestimmte von Intel festgelegte Anforderungen erfüllen. Herzstück werden Core-Duo-Prozessoren sein. Einfache Handhabung muss gewährleistet werden, so Otellini, und nannte als Betriebssystem die Windows Media Center Edition von Microsoft. Wenn dann noch mit dem Gerät ein bestimmtes Angebot an Inhalten gewährleistet ist, dann bekommt es das Viiv-Logo verpasst, als Gütesiegel sozusagen.

Die Sache mit den Inhalten - eigentlich eine Selbstverständlichkeit und bei der Präsentation eines Chipherstellers eher eine Nebensache, könnte man meinen. Doch genau dieser Aspekt nahm viel Raum ein in der Otellini-Show. Um es kurz zu machen: Intel mischt sich in den Handel mit digitalen Unterhaltungsgütern ein. Insgesamt 60 Inhalte-Anbieter habe Intel als Partner für Viiv gewinnen können, darunter den Internet-Portalbetreiber AOL, Yahoo!, den amerikanischen Fernsehsender NBC und den Musikdienst Napster. "Content ist alles", sagte Intel-Manager Don MacDonald. Zum Start sollen insgesamt 1000 Spielfilme, 10.000 TV-Serien und zwei Millionen Musikstücke zum Herunterladen oder zur Miete verfügbar sein. In Spitzenqualität, sogar alte Fernsehserien konnten sich auf der Präsentation sehen lassen.

Obwohl der Höhepunkt dieser Keynote noch bevorstand, klappte angesichts dieser Zahlen dem deutschen Beobachter der Kiefer herunter. Allein die 10.000 TV-Serien - so ein Angebot könnte einigen Fernsehsendern im deutschen Kabelnetz, die vor allem von Wiederholungen leben, echte Probleme bereiten. Deutschland hinkt den USA sicher noch hinterher, aber irgendwann...

Da geht noch mehr

Der heruntergeklappte Kiefer konnte gleich unten bleiben, zumindest bei Besuchern aus dem Superstar-armen Deutschland. Für den finalen Publicity-Overkill enterten die Hollywood-Schauspieler Tom Hanks, Morgan Freeman und Danny DeVito sowie die Regisseure Tom Shadyac ("Bruce Allmächtig") und Brad Silberling ("Lemony Snicket") die Bühne, trieben ein paar Späße und lobten Intel. Anlass war Clickstars. Die vor zwei Jahren von Intel gegründete Online-Vertriebsfirma, wird komplette Kinofilme im Rahmen von Viiv anbieten – zum Teil sogar, während sie noch im Kino laufen. Ein Teil der Superstar-Riege auf der Bühne war nicht nur Augenfutter, sondern hatte sogar etwas mit Clickstars direkt zu tun: Regisseur Silberling wird den Film "10 Items or Less" mit Morgan Freeman in der Hauptrolle drehen - und auch bei Clickstars Premiere feiern lassen. Das saß!

Irgendwas war da noch?

AMD! Angesichts des fetten Werbe-Böllers, den Intel abgefeuert hatte, geriet fast in Vergessenheit, dass der Mitbewerber angekündigt hatte, Ähnliches tun zu wollen. Drei freundliche AMD-Mitarbeiter verrieten in der Abgeschiedenheit eines Messestand-Hinterzimmers einige wenige Einzelheiten. AMD erweitert seine bereits bestehende, aber im Konsumentenbereich noch unbekannte Marke "Live" auf ein Konzept für den PC als Unterhaltungszentrale für den gesamten Haushalt. Zentrales Element wird dabei - wie bei Intel - die Leistungsfähigkeit von AMDs neuen Zweikern-Prozessoren sein. Um einen Unterschied zum Konzept von Intel hervorzuheben, sagte Produktmanagerin Teresa de Onis: AMD wolle sich nahtlos in das bestehende "Ökosystem" digitaler Unterhaltung einfügen, ohne den Nutzer in seinem Nutzungsverhalten allzu sehr zu stören. Es gehe darum, dass bereits bestehende Geräte wie Settop-Boxen und Spielkonsolen mit dem "AMD Live"-fähigen PC verbunden werden können.

Erste Geräte sollen Mitte des Jahres vorgestellt werden. Bis dahin werde es auch eine gewisse Anzahl an Partnern und Inhaltelieferanten geben. Im Moment wirkt es so, als AMD bei diesem Thema von Intel überrannt worden. Was nichts Neues ist. Bei der Aufholjagd hat AMD inzwischen Übung.